Da war es wieder, das Zauberwort Solidarität: "Einige Staaten fühlen sich einer solidarischen Lösung (in der Flüchtlingskrise, d. Red.) nicht verpflichtet", sagt Thomas de Maizière nach dem faktisch gescheiterten EU-Innenministertreffen am Montagabend. Wen der deutsche Ressortchef mit "einigen Staaten" meinte, war unausgesprochen klar: Großbritannien, vor allem aber die osteuropäischen EU-Mitgliedsländer, "die Solidaritätsverweigerer", wie es in der deutschen Debatte immer wieder heißt.

Tatsächlich sperren sich Ungarn, Polen, Tschechien, die Slowakei und die baltischen Staaten seit Wochen gegen eine solidarische Verteilung der Flüchtlinge innerhalb der EU. Und sie geben sich unbeugsam: "Quoten lösen kein Problem", sagte der slowakische Innenminister Robert Kaliňák am Montag kategorisch. Von dessen Premierminister Robert Fico stammt die kuriose Begründung: "Wenn wir eine automatisierte Quotenregelung einführen, dann wachen wir in der Slowakei eines Morgens in einem Staat mit Hunderttausenden arabischen Einwanderern auf. Das will ich nicht."

Kein Zweifel: Die Positionen im West-Ost-Streit in der Flüchtlingspolitik sind verhärtet, die gegenseitigen Vorwürfe hart. Die Westeuropäer beschuldigen die Osteuropäer, sich wegzuducken; die Osteuropäer dagegen beschwören terroristische Gefahren und verweisen darauf, dass bei einer Verschärfung des Konflikts in der Ostukraine Flüchtlinge von dort in ihre Länder kommen könnten.

Viel zu wenig nachgegangen wird allerdings der Frage, wie es kommt, dass ausgerechnet in Osteuropa, das so lange unter Diktaturen gelitten und anschließend so enorm von der Solidarität seiner Nachbarn profitiert hat, so wenige Menschen Solidarität mit Schutzsuchenden zeigen.

Das Beispiel Polen, das anders als Ungarn bislang nicht direkt von dem Flüchtlingsandrang betroffen ist, offenbart die Hintergründe eindrücklich. Im EU-Wirtschaftswunderland des Ostens entstand vor 35 Jahren die Freiheitsbewegung Solidarność (Solidarität), die den Weg zu den friedlichen Revolutionen von 1989 ebnete. "Uns braucht niemand zu erklären, was europäische Solidarität ist", betont Ministerpräsidentin Ewa Kopacz bei jeder passenden Gelegenheit.

Doch in der Flüchtlingskrise sieht die Realität anders aus. In Polen verhallen selbst die Aufrufe höchster moralischer Autoritäten ungehört. Der Solidarność-Gründer und Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa forderte unlängst: "Wenn wir Menschen das Leben retten können, müssen wir sie aufnehmen." Ähnlich äußerte sich auch Papst Franziskus. Aber im erzkatholischen Polen dominiert derzeit nicht das Gebot der Nächstenliebe. Vielmehr haben 68 Prozent der Bürger Angst, dass Flüchtlinge aus dem Nahen Osten religiöse Konflikte ins Land bringen. 58 Prozent fürchten Terroranschläge.

Angst dürfte der Schlüsselbegriff zur Erklärung der Solidaritätsverweigerung sein, die die große Zahl an Flüchtlingen im Osten Europas ausgelöst hat: Angst vor angeblicher Überfremdung, vor dem Verlust der eigenen kulturellen und nationalen Identität und Unabhängigkeit. So jedenfalls sieht es der Warschauer Soziologe Aleksander Smolar, der in den neunziger Jahren die ersten Regierungen im postkommunistischen Polen beraten hat.

Smolar ist unverdächtig, einer "nationalen Homogenität" das Wort zu reden, im Gegenteil. "Polen ist ein provinzielles Land, es fehlt uns an Kreativität", sagt er und fordert: "Wir müssen den kulturellen Schock (der Flüchtlingskrise, d. Red.) überwinden." Gleichwohl betont er: "Die ethnische, kulturelle und religiöse Homogenität des Landes hat Polen die Transformation nach 1989 unerhört erleichtert. Wir waren damals bereit, einen hohen Preis für Veränderungen zu bezahlen, weil es um uns ging, um uns Polen."