"Ich sehe nichts." Zahra, pinkes Kopftuch, rotes Kleid, presst die Augenlider zusammen, lässt ein paar Sekunden verstreichen, öffnet die Augen. Sie schüttelt den Kopf. "Ich sehe meine Zukunft einfach nicht." Dann lässt sie den Blick schweifen. Vom Balkon der Flüchtlingsorganisation Soryana in Mandara, einem Viertel im Osten Alexandrias, blickt sie auf die Straßenhändler, die Obststände und Passanten, dahinter liegt irgendwo das Meer. Das Meer sei wohl ihre Zukunft, sagt sie. Wenn Zahra ihren Alltag in Ägypten zusammenfassen will, sagt sie: "Keine Arbeit, kein Geld, kein Leben." Und deshalb will sie, wie fast alle syrischen Flüchtlinge in Ägypten, einfach nur noch weg.

Rund 130.000 Syrer sind beim UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR in Ägypten registriert, die Dunkelziffer dürfte indes deutlich höher sein. Viele Syrer lassen sich nicht erfassen, weil für sie Ägypten nur eine Durchgangsstation ist, ein Transitland auf dem Weg nach Europa. Von der ägyptischen Nordküste aus treten immer mehr die riskante Fahrt über das Mittelmeer an. Denn ihre Lage im Nilland wird zunehmend prekärer. Wurden die Syrer nach dem Beginn des Kriegs in ihrem Land anfangs von Regierung und Bevölkerung willkommen geheißen, änderte sich die Stimmung mit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi durch die Armee 2013 schlagartig. Kurzerhand wurde für Syrer eine Visumspflicht eingeführt, Hunderten wurde seither die Einreise verwehrt. Etliche leben wegen fehlender Papiere verborgen in der Illegalität. Auch änderte sich die Haltung vieler Ägypter gegenüber den Flüchtlingen: Weil die staatstreuen Medien die Syrer als Unterstützer der verfemten und entmachteten Muslimbrüder titulierten, folgten Übergriffe und Hetze.

Heute werden die Syrer laut Experten zwar weniger diskriminiert. Doch Gründe, Ägypten zu verlassen, gibt es für sie genug. "Nach drei oder vier Jahren in der Diaspora sind die Ersparnisse der Flüchtlinge weitgehend erschöpft", sagt Mohammed Saied, Büroleiter der Ägyptischen Kommission für Rechte und Freiheiten (ECRF) in Alexandria. Wegen der harten Einschnitte bei Hilfsprogrammen von internationalen Organisationen, denen es an Geld mangelt, etwa dem UN-Welternährungsprogramm, sei die Versorgung der Flüchtlinge zunehmend gefährdet. Auch gebe es keine Unterstützung durch die ägyptische Regierung. "Sich selbst zu helfen ist für die Syrer schwer möglich. Es gibt kaum Arbeit, das Bildungssystem ist marode, eine Gesundheitsversorgung kaum vorhanden. Ägypten ist selbst ein armes Land", sagt Saied.

"Die wenigsten Ägypter haben eine Anstellung", sagt auch Zahra. "Wie sollen dann wir Syrer etwas finden?" Vor vier Jahren kam sie mit ihrer Mutter und Schwester aus Idlib nach Alexandria. Zahra hat einen Abschluss in Bildungswissenschaften, doch hier ist sie arbeitslos. "Vor allem den jungen Leuten fehlt die Perspektive", beklagt sie. Deshalb sind schon etliche ihrer Freunde mit dem Boot aufgebrochen, die meisten von ihnen nach Deutschland. "Jeder, der genug Geld hat, flieht aus Ägypten", sagt Zahra. Neben ihr lehnt Reem an der Balkonbrüstung und nickt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Refaa hat Reem, eine Studentin aus Damaskus, vor einigen Monaten die Flüchtlingsselbsthilfegruppe Soryana gegründet. Sie liefern Essen an syrische Frauen und Kinder, organisieren Spielenachmittage oder Kochabende, bei denen sich Syrerinnen und Ägypterinnen über ihre Spezialitäten und Traditionen austauschen können. Sie wollen Vorurteile abbauen und einen Ort der Begegnung schaffen, sagt Reem. Und den Syrern zeigen, dass auch ein Leben in Ägypten möglich ist. "Aber die Hürden sind für die meisten zu hoch."

Denn viele Syrer haben auf der Flucht sämtliche Dokumente verloren. Sie haben weder einen Reisepass noch Nachweise über Qualifikationen, wie ihren Schul- oder Universitätsabschluss. "Sie sitzen nicht nur fest, sondern müssen auch von Null anfangen", sagt Reem. "Und in Ägypten gibt es dafür zu wenig Möglichkeiten." Weil immer mehr mit dem Boot nach Europa wollen und die Gefahren nicht kennen, haben sie kürzlich in den Räumen der Hilfsorganisation ein Rollenspiel veranstaltet. Bei jedem Schritt durch den großen Gemeinschaftsraum wurde ein mögliches Szenario der Überfahrt durchgespielt: die Verhaftung vor dem Ablegen, die Enge und Todesangst auf den Booten, die Gefahr, auf hoher See zu verdursten oder zu kentern. Am Ende hat es nur eine Teilnehmerin bis zur anderen Seite geschafft. "Wir sagen ihnen, dass sie sterben können", sagt Reem. "Aber wir sagen ihnen nicht: 'Lass es bleiben.' Wir können sie sowieso nicht aufhalten."

Und so warten sie in Vierteln wie Mandara auf ihre Chance, ein neues Leben zu beginnen. Einige haben neben wuchtigen Wohnblöcken Restaurants eröffnet und verkaufen gefüllte Weinblätter oder syrisches Gebäck. Andere versuchen mit Minijobs Geld für die Überfahrt zusammenzubekommen. Wieder andere warten in den Straßencafés auf die Abfahrt. Vor allem Mandaras Hauptstraße ist zu einem Knotenpunkt der Schlepper geworden. Täglich fahren sie hier mit ihren Minibussen vorbei und bringen die Flüchtlinge zu den geheimen Anlegestellen außerhalb der Stadt. Zwischen 10 und 15 Tagen dauert die Fahrt nach Italien, knapp 3.000 Dollar kostet ein Platz im Boot. Doch Ägypten illegal zu verlassen wird immer schwieriger.

Denn immer häufiger werden Flüchtlinge an Ägyptens Nordküste von der Küstenwache oder Polizei geschnappt. Hunderte sollen es laut Menschenrechtsorganisationen jeden Monat sein, unter den Inhaftierten sind neben Syrern auch Flüchtlinge aus dem Sudan, Eritrea, Somalia und dem Irak. Laut dem UNHCR in Kairo hat sich die Zahl der Verhaftungen zuletzt fast verdoppelt. Offiziell heißt es, dass Ägypten seine Grenzen wegen der wachsenden Zahl von terroristischen Anschlägen besser schütze. Einige Experten monieren hingegen, dass sich das Land mit härteren Grenzkontrollen auch als potenzieller Partner Europas ins Spiel bringen wolle, indem es helfe, den Flüchtlingsandrang einzudämmen. Die meisten Flüchtlinge werden nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Doch Menschenrechtler kritisieren die schlechten Haftbedingungen und das oft brutale Vorgehen der Küstenwache. Immer wieder schießt sie auf auslaufende Boote, immer wieder gibt es Todesopfer. Zuletzt sorgte vor einigen Wochen der Tod eines achtjährigen syrischen Mädchens für Entsetzen. Ihr Boot hatte gerade abgelegt, als die Küstenwache Schüsse abfeuerte – und das Mädchen traf. Sie starb sofort, zwei Flüchtlinge, die ebenfalls im Boot saßen, wurden verwundet.

Indes: Abschrecken lassen sich die Flüchtlinge davon nicht. Die meisten versuchen es immer wieder. So wie Omar, der im Empfangsraum von Soryana gerade Glühbirnen auswechselt. Schon zweimal wurde er festgenommen. Schlepper hatten ihn erst tagelang zusammen mit etwa 200 anderen Flüchtlingen in einem Haus in Marsa Matrouh nahe der libyschen Grenze festgehalten. Als sie eines Nachts an die Anlegestelle fuhren, wartete dort schon ein Wagen der Polizei. Nach sechs Tagen kam er frei. Und versuchte es kurz darauf wieder. Wieder war es Nacht, als sie von den Schleppern in Autos an den Pier gebracht wurden. Diesmal schoss die Polizei auf die Wagen, ein Flüchtling starb. Und Omar kam erneut in Haft. Sobald er das Geld zusammenhat, will er in die Türkei fliegen und von dort mit dem Boot erst nach Griechenland und von dort weiter nach Deutschland. "Die Überfahrt ist kürzer und da schießt keiner auf uns", sagt er. Angst habe er trotzdem.

Die Tage, bevor einer ihrer Freunde auf ein Boot steigt, seien die schlimmsten, sagt Zahra. Da ziehe sich ihr Magen zusammen, sie könne dann kaum noch etwas essen. Sie hofft, dass sie selbst irgendwann auf legale Weise ausreisen kann, aber "das ist wohl unwahrscheinlich." Deshalb wird sie ihren Freunden wohl auf das Meer folgen. Die letzten Telefonate, die Zahra mit ihnen führt, bevor sie Alexandria verlassen, klingen immer gleich. Sie verabschieden sich nicht. Sie sagen: "Bis bald. Irgendwo in Europa."