Ich habe eine ganze Reihe Zuschriften erhalten: zum Reizthema Teigtaschen mit Hühnchenfüllung. Ja, ich war auch ein bisschen überrascht. Im Politikteil der ZEIT hatte ich mich kurz darüber ausgelassen, wie ich mein Mittagessen umtauschen wollte und beinahe daran gescheitert wäre: Es war in einem Straßenlokal in Rio de Janeiro. Die Teigtasche schmeckte nicht. Sie war alt und roch nicht mehr gut. Ich habe das dem Mann hinter der Theke gesagt, und dann hat er mich angestarrt wie einen Geist.

"So darf man das nicht machen", wies mich mein Thekennachbar damals zurecht, und er löste die Sache auf seine Art, die ich in einer Kolumne für die ZEIT beschrieb. "Ach kommen Sie doch mal her, mein Bruder", rief er den Verkäufer herbei. "Alles klar bei Ihnen? Mein Freund hier, der Deutsche, der hat vielleicht einen Geschmack für Teigtaschen! Der will sie ganz weich, frisch, am Liebsten noch warm. Einen Sinn für Leckereien hat der Typ, was? Jetzt tun Sie ihm, mein großer Freund, doch einen Gefallen. Wissen Sie was? Gönnen wir ihm was ganz Tolles! Nehmen Sie diese Teigtasche hier doch mal weg und bringen Sie die gebackenen Tintenfische!"

Das war natürlich super gemacht. Auch ein ZEIT-Leser lobte: "Diplomatie par excellence!" Ein anderer stellte allerdings die berechtigte Frage, wie es denn sei, wenn der Kunde das Bezahlen vergesse. "Ist der Verkäufer dann auch höflich und indirekt?" Na ja, wäre er eher nicht. Und das ist ein wichtiger Punkt für das Verständnis des Alltags in Rio de Janeiro.

Als Kunde beschweren? Niemals

In dieser Stadt herrscht ein enormes Machtgefälle zwischen Kunden und Dienstleistern, und es ist andersrum als an den meisten Orten der Welt. Der Kunde darf sich hier keinesfalls beschweren. Das bringt nichts, es führt nicht zum Erfolg. In einem Straßencafé saß ich kürzlich über Kakao mit vergorener Sahne, er war ungenießbar, aber meine (brasilianische) Interviewpartnerin löffelte ihren tapfer in sich hinein. Das hat mir zu denken gegeben.

An der Shampoo-Ausgabe meiner örtlichen Drogerie zähle ich zu jeder Tageszeit drei unbeschäftigte Angestellte, die einer vierten Arbeitskraft dabei zuschauen, wie sie hingebungsvoll und Münze für Münze das Wechselgeld zählt. Beschwerden aus der Warteschlange angesichts dieser offensichtlichen Hinhalterei? Null. In einem ironisch so benannten Fast-Food-Laden um die Ecke des ZEIT-Büros läuft es so, dass man in der ersten Schlange etwas bestellt, was viel Geduld erfordert, dann in Schlange zwei einen Bezahlcoupon abholt und diesen in Schlange drei gegen sein Essen eintauscht. Und wehe, man sagt darüber mal was oder macht sich gar lustig über diese organisierte Zeitverschwendung!

Kürzlich habe ich in einem Laden die Chefin dabei beobachtet, wie sie eine Angestellte anwies, doch mal ihr Handy abzulegen, den Blick zu heben und zu bemerken, dass da Kunden sind. Sie konnte sich aber nicht durchsetzen. Brasiliens Kräfte im Servicesektor haben sich zusammengetan, das öffentliche Leben ein bisschen lahmzulegen. Dafür kann man durchaus Sympathie entwickeln: Sie sind in aller Regel beschämend schlecht bezahlt, haben lange Arbeitszeiten, sind allerdings nach den strengen brasilianischen Arbeitsgesetzen auch nur schwer zu kündigen.

Sie machen aber Ausnahmen von ihrer Regel: zum Beispiel, wenn der Kunde sehr nett ist, wenn er mit der Verkäuferin plauscht, sich mit dem Kellner verbrüdert und jede Dienstleistung als einen persönlichen Gefallen würdigt. Das erklärt also was über die lockere Freundlichkeit der Brasilianer bei alltäglichen Geschäften und ihre Meisterdiplomatie am heißen Buffet. Ganz sicher sind das liebenswürdige Seiten des Alltags. Doch im Grunde sind sie aus der Angst geboren.