Tamim steht vor der Polizeiabsperrung in der Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf, in der einen Hand eine Plastiktüte, in der anderen ein Handy. Der 27-jährige Syrer telefoniert mit seinem Vater, der auf der anderen Seite der Absperrung steht, im Innern des ehemaligen Bankgebäudes, das ab sofort zur Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung der Hauptstadt gehört. Tamims Vater ist einer der Ersten, die dort registriert werden, die nicht mehr im Schlamm anstehen müssen, sondern in der trockenen Schalterhalle der ehemaligen Bank.

Die neue Berliner Erstregistrierungsstelle für Flüchtlinge, die am Donnerstag ihre Arbeit aufgenommen hat: Sie soll "die humanitäre Situation" verbessern. Die Wortwahl des zuständigen Sozialsenators Mario Czaja (CDU) macht deutlich, dass es längst um mehr geht, als lange Wartezeiten für Flüchtlinge zu verkürzen. Denn seit Monaten harren täglich bis zu 2.000 Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Turmstraße aus, um sich registrieren zu lassen. Zunächst bei sengender Hitze, inzwischen bei winterlicher Kälte und Regen, zuletzt warnte die Caritas, es könnte Kältetote geben.

Die neue Erstregistrierungsstelle in der Bundesallee soll nun Abhilfe schaffen – doch es ist fraglich, ob und wie schnell das gelingt. Denn das System ist kompliziert:

  • Neuankömmlinge bekommen im "alten" Lageso in der Turmstraße ein Armband mit einer Registrierungsnummer.
  • Dann werden sie in die Bundesallee gefahren und dort registriert. Falls am selben Tag dort kein Platz mehr ist, werden sie in eine Unterkunft gebracht und können dort auf ihren Registrierungstermin warten.
  • Direkt nach der Registrierung in der Bundesallee kann am selben Ort der eigentliche Asylantrag gestellt werden, das zuständige Bamf hat Mitarbeiter vor Ort.

So die Theorie. Doch kurzfristig ist nicht abzusehen, dass niemand mehr frieren muss. Für die Neuankömmlinge, die noch keine Wartenummer für die Registrierung haben, sind in der Turmstraße 21 zwar inzwischen zwei beheizte Zelte aufgebaut, in denen sie auf das Nummernarmband und den Bus warten können.

Doch nebenan, auf der Wiese vor der Turmstraße 22, stehen, gelenkt von Polizeigittern, noch immer Hunderte Menschen: Die sogenannten Altfälle, die schon eine Wartenummer haben und seit Tagen, teilweise seit Wochen jeden Tag hier warten. Laila, 19, ist eine von ihnen.  Seit einer Woche kommt sie jeden Morgen hierher, erzählt die Syrerin. Mit ihr wartet ein befreundetes Pärchen, die Frau ist schwanger. Die "Altfälle" sollen nach und nach in der Turmstraße abgearbeitet werden. Doch das Lageso schafft höchstens 250 Menschen pro Tag. Ein Zelt für diese Wartenden wurde bislang nicht angekündigt.

Und auch die Neuen werden warten müssen: Zunächst werden in der Bundesallee nur 100 Menschen täglich registriert werden können, bald sollen es 400 sein. Doch auch das reicht nicht aus: Im September kamen 18.000 Flüchtlinge nach Berlin, allein für sie müssten es etwa 900 Registrierungen pro Werktag sein.

Ohne Registrierung geht fast nichts

2016 soll die Bundesallee zwar 1.000 pro Tag registrieren – daran jedoch zweifelt Martin Delius, Chef der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Außerdem würde selbst das nicht reichen, weil neben den "Altfällen" auch noch Flüchtlinge in Berlin leben, die bisher noch nicht einmal versucht haben, sich zu registrieren. Der Sozialsenator schätzt ihre Zahl auf 3.000.

Das Problem: Erst durch die Registrierung erhalten die Flüchtlinge Anspruch auf Leistungen wie Taschengeld und Krankenversorgung, erst mit der Registrierung können sie auch ihren Asylantrag stellen. Martin Delius fordert deshalb, die Registrierung zu öffnen: Berlin könnte etwa den Hilfsorganisationen und Betreibern von Unterkünften erlauben, die Registrierungen selbst durchzuführen. Denn dafür, sagt Delius, sei kein Verwaltungs- oder Rechtsfachwissen nötig.

Allerdings ist die Prozedur trotzdem aufwändig. Dolmetscher, die bei der Registrierung dabei sind, würden beispielsweise die Angaben des Flüchtlings handschriftlich aufnehmen und der Sachbearbeiter sie in den Computer eingeben, sagt ein Mitarbeiter des Lageso.

Dass er lange nicht genug unternommen hat, dafür steht Mario Czaja bereits seit dem Sommer in der Kritik, auch durch den Koalitionspartner SPD. Ein Bezirksbürgermeister warnte vor Monaten, dass Berlin "auf ein Desaster" zulaufe, wenn nichts geschehe. Dass Czaja nicht angemessen reagiert hat, bezeichnet der Pirat Delius als "Unfähigkeit".