Job weg, Dach weg – Seite 1

An der Wand hängt ein kleines Bild, darauf rosarote Blumen, eine davon ist schwarz. Erik lächelt. "Das Bild gehört nicht mir. Es ist auch nicht so mein Geschmack." Trotzdem hängt es noch immer da, obwohl Erik, der Mann mit dem schmalem Gesicht und einer Hornbrille, schon zwei Jahre hier im schicken Frankfurter Nordend wohnt. Für ihn bleibt das Haus mit der denkmalgeschützten Fassade eine Zwischenstation. "Es ist ein tolles Haus, aber eben auch eine Gemeinschaftsunterkunft. Sie erinnert mich ständig an meine Situation."

Eriks Situation: Er ist wohnungslos, so wie viele andere in Deutschland. Sie schlafen bei Freunden, in Notunterkünften, Wohnheimen – oder auf der Straße. Und es werden immer mehr: Seit 2008 ist die Zahl der Menschen ohne eigene Wohnung um fast 50 Prozent gestiegen. Das belegen Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Demnach sind 335.000 Menschen in Deutschland wohnungslos, haben also keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Fast 40.000 von ihnen schlafen als Obdachlose auf der Straße. Sozialverbände fordern seit Langem eine offizielle Statistik. Weil es die nicht gibt, beruhen diese Zahlen auf Schätzungen der BAGW.

Warum verlieren Menschen im reichen Deutschland ihre Wohnung? "Inzwischen bin ich mir sicher, es kann jeden treffen", sagt Erik. So wie ihn: Kurz nach der Jahrtausendwende kehrte der heute 49-Jährige wegen der Erkrankung seiner Mutter in seine Heimatstadt Frankfurt zurück. Er fand sofort Arbeit in der Gastronomie und eine eigene Wohnung. Doch vor drei Jahren machte der Laden, in dem Erik arbeitete, dicht. Sein ehemaliger Chef bot ihm einen Job als Gärtner auf einem Pferdegestüt südlich von Frankfurt an. Erik willigte ein. Die Arbeit gefiel ihm, also nahm er auch das Angebot an, auf dem Hof eine neue Bleibe zu beziehen. Die alte Wohnung kündigte er nach einiger Zeit, er brauchte sie ja nicht mehr.

Mit dem Job ist auch die Wohnung weg

Ein Fehler, wie sich später herausstellt. Denn ein Jahr später wurde Erik entlassen – und verlor mit dem Job auch die Wohnung auf dem Hof. "Ich stand mit meinem Gepäck vor der Tür. Das war ein echtes Problem." Wenn Erik erzählt, wippt er mit dem Bein, blickt vom Boden hoch und lächelt. Er möchte nicht, dass sein Nachname veröffentlicht wird. "Man fragt sich ja doch, ob man nicht selbst schuld ist."

Wohnungslos zu sein ist immer noch ein Stigma – und in den Augen vieler Menschen selbst verschuldet. Oder gar eine freiwillige Entscheidung. Dem widerspricht nicht nur Eriks Geschichte, sondern auch der Geschäftsführer der BAGW, Thomas Specht: "Die massive Zunahme der Wohnungslosigkeit hat in erster Linie soziale Ursachen. Vor allem sind das die zunehmende Armut und die Knappheit an bezahlbarem Wohnraum." Oft kommen zur sozialen Schieflage noch persönliche Schicksalsschläge wie Trennung, Jobverlust oder Gewalt. Und viele trifft der Wohnungsverlust unvorbereitet – so wie Erik.

"Ich hatte mir nie Sorgen gemacht"

"Obwohl ich ein bewegtes Leben führte, oft umgezogen bin und viele Jobs hatte – über Obdachlosigkeit habe ich mir nie Sorgen gemacht." Nach seiner Kündigung kam er vorübergehend bei Freunden unter – eine typische Zwischenstation auf dem Weg in die Obdachlosigkeit. Irgendwann hatte auch Erik alle Freunde abgeklappert. Für ein paar Wochen schlief er in einer Notunterkunft, dann am Frankfurter Flughafen und schließlich unter freiem Himmel auf einer Wiese am Main. "Das war sehr unangenehm, im Schlaf fühlt man sich so ausgeliefert." Also fuhr er am nächsten Abend mit der U-Bahn und dem Bus hin und her, "bis die Nacht endlich vorbei war". Er schaffte es, sich bei mehreren stationären Wohnheimen zu bewerben. Schließlich sagte ihm Frank Paulun zu.

Der 61-Jährige Sozialpädagoge leitet seit 26 Jahren das Howard Philipps Haus im Frankfurter Nordend, eine diakonische Einrichtung für 20 wohnungslose Männer, die hier vorübergehend ein Zimmer beziehen, um mithilfe von Paulun und seinen Kollegen den Weg zurück in ein geregeltes Leben zu finden. Doch das ist nicht immer leicht. "Es fängt schon mit den hohen bürokratischen Hürden an, die viele Wohnungslose alleine nicht überwinden können", berichtet Paulun. Da gibt es Verfahren für Lohnzuschüsse, Anträge beim Wohnungsamt, Fristen für Hartz-IV-Empfänger, die bei Nichteinhaltung zu Leistungskürzungen und in der Folge zum Wohnungsverlust führen können.

Den Mangel an Sozialwohnungen bekommen die Armen zu spüren

Deshalb unterstützen die Sozialarbeiter des Howard Philipps Hauses ihre Klienten bei Behördengängen. Trotzdem führt das nicht immer zum erhofften Erfolg. Obwohl Erik eine Wohnung und auch eine Arbeit sucht, bekommt er kaum Angebote. Er weiß, dass der Frankfurter Wohnungsmarkt für Menschen wie ihn wenige Möglichkeiten bietet. "Wir haben hier eine echte Wohnungsnot. Die Verweildauer unserer Klienten lag vor fünf Jahren im Schnitt bei 350 Tagen – heute sind es drei Monate mehr, weil es länger dauert, günstige Wohnungen zu finden", erzählt Frank Paulun.

Tatsächlich steigen in Frankfurt und anderen Städten die Mieten stark an. Gleichzeitig geht die Zahl der Sozialwohnungen immer weiter zurück, in Frankfurt in den letzten zehn Jahren um knapp 15 und bundesweit um rund 40 Prozent. Welchen Effekt die Mietpreisbremse haben wird, die seit diesem Jahr gilt, ist noch nicht absehbar.

Das Umdenken setzt nur langsam ein

Den Mangel an Sozialwohnungen bekommen die Armen zu spüren, von denen es in Deutschland im letzten Jahr laut Statistischem Bundesamt 12,5 Millionen gab. Zwar gibt es inzwischen in etlichen Kommunen ein Umdenken, so will Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn jährlich 300 neue Sozialwohnungen bauen lassen, ähnliche Pläne gibt es in Lübeck und auch in Frankfurt versucht man, der Entwicklung entgegenzuwirken, dass immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen. Die Bundesregierung hat gerade beschlossen, den Bau von Sozialwohnungen in den kommenden drei Jahren mit je 500 Millionen Euro mehr zu unterstützen. Aber ob das reicht?

Denn die Kommunen, die zur Unterbringung Wohnungsloser verpflichtet sind, stehen vor großen Aufgaben. Seit der EU-Osterweiterung 2007 kommen viele Rumänen und Bulgaren auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland. Doch nicht alle finden sofort einen Job. Und weil viele von ihnen keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben und die meisten Kommunen ihnen auch die Unterbringung in stationären Wohnheimen wie dem Howard Philipps Haus verweigern, tauchen die Menschen vor allem in den niedrigschwelligen Angeboten auf. Hier, in den Tagestreffs und Notübernachtungen, macht diese Gruppe inzwischen teilweise die Hälfte der Klientel aus. Dazu kommen in jüngster Zeit immer mehr Asylbewerber, die eine Wohnung brauchen, spätestens, wenn ihre Asylanträge angenommen wurden.

"Das Thema Wohnungslosigkeit hat in der Politik leider keinen hohen Stellenwert", sagt Erik. "Trotzdem, ich will mich nicht beschweren. Wenn mir nicht so viele Leute geholfen hätten, wäre ich noch tiefer gefallen", sagt er.

Obdachlos - Baba hält immer eine Flasche Desinfektionsmittel bereit