Hinweise auf die Verantwortlichen für den Anschlag von Ankara gibt es noch nicht, Verdächtigungen aber schon: Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu geht davon aus, dass die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) oder die linksextreme DHKP-C das Attentat verübt haben.

Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, die verwendeten Sprengsätze glichen jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juli mehr als 30 Menschen in der Stadt Suruç an der syrischen Grenze getötet hatte. Für den Anschlag war der IS verantwortlich gemacht worden.

Die türkische Regierung ordnete nach dem Anschlag von Ankara eine dreitägige Staatstrauer an. Die für den 1. November geplante Parlamentswahl soll wie geplant stattfinden. Eine Verschiebung der Abstimmung stehe nicht zur Debatte, sagte ein Regierungssprecher. Wegen des gestiegenen Risikos würden die Sicherheitsvorkehrungen bei Wahlkampfveranstaltungen jedoch noch weiter verschärft, hieß es.

Am Sonntag versammelten sich mehrere Tausend Menschen in Ankara, um auf einer Friedensdemonstration gegen die türkische Regierung zu demonstrieren. Dabei kam es Journalisten zufolge zu Auseinandersetzungen zwischen Kondolierenden und der Polizei. Die Beamten hinderten die Menschen – darunter die beiden Vorsitzenden der HDP, Selahattin Demirtaş und Figen Yüksekdağ, sowie Gewerkschafter –, an die Stelle des Anschlags zu gelangen, um dort Kränze niederzulegen. Dabei setzten sie laut Augenzeugen Gummigeschosse und Tränengas ein. Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung riefen "Mörder Erdoğan" und "Mörder AKP" und hielten eine Schweigeminute ab. Die Demonstranten machten die Regierung für den Anschlag verantwortlich und forderten deren Rücktritt.

Die Vereinten Nationen nannten den Anschlag eine "feige und sinnlose Tat", auch Vertreter Deutschlands, Russlands und der USA verurteilten den Angriff, bei dem Regierungsangaben zufolge 95 Menschen getötet und 246 teilweise lebensgefährlich verletzt wurden. Die prokurdische HDP spricht mittlerweile von 128 Toten, bis auf acht seien alle Leichen identifiziert. 160 Menschen würden in Krankenhäusern behandelt, 65 von ihnen auf der Intensivstation.

PKK kündigt Waffenruhe an

Die PKK hatte wenige Stunden nach dem Anschlag angekündigt, ihre Angriffe bis zu den Wahlen am 1. November einzustellen. Bedingung dafür sei jedoch, "dass keine Angriffe gegen die kurdische Bewegung, das Volk und Guerillakräfte ausgeführt werden". Zu welchem Zeitpunkt die PKK die Mitteilung verfasst hat, war zunächst unklar. Nach Angaben der prokurdischen Partei HDP waren türkische Sicherheitskräfte erst 15 Minuten nach den Explosionen am Ort des Anschlags und setzten dann Tränengas gegen Zivilisten ein, die den Verletzten helfen wollten.

Die HDP hatte gemeinsam mit anderen Parteien und Gewerkschaften zu dem Friedensmarsch aufgerufen, gegen den sich das Attentat richtete. Mehrere Kandidaten der HDP für die anstehenden Neuwahlen am 1. November sollen bei dem Anschlag getötet worden sein. Einige regierungskritische Gewerkschaften kündigten einen zweitägigen Streik an. "Um unserer verstorbenen Freunde zu gedenken und um gegen das faschistische Massaker zu protestieren, sind wir ab morgen im Streik", hieß es in einer Pressemitteilung. Alle politischen Parteien, Arbeiter und Berufsverbände sollten sich dem Streik anschließen.

Prokurdische Demonstrationen in Deutschland

Auch in Deutschland war es am Samstag zu spontanen Solidaritätskundgebungen gekommen. Unter anderem in Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main und Stuttgart demonstrierten mehrere Hundert Menschen friedlich. In Frankfurt gingen nach Polizeiangaben rund 750 Menschen auf die Straße. Der Veranstalter – die Initiative Freiheit für Öcalan – sprach von bis zu 2.000 Teilnehmern. Ursprünglich sollte für die Freilassung des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan demonstriert werden. Nach dem Anschlag in Ankara richtete sich der Protest aber auch "gegen den Terror des türkischen Staates gegenüber den Friedensaktivisten in der Türkei und Kurdistan", wie der Veranstalter mitteilte.

In Hamburg ging der Protestzug vom Hauptbahnhof zum türkischen Generalkonsulat im Stadtteil Rotherbaum. In Stuttgart zogen rund 700 Menschen nach einer Kundgebung durch die Innenstadt. In Heilbronn nahmen etwa 350 Menschen an einer Demonstration der Kurdischen Gemeinschaft teil. Auch in Mannheim, Freiburg, Karlsruhe, Ulm und Pforzheim wurde demonstriert.