Neulich fand Müberra Köprücü einen merkwürdigen Umschlag in ihrem Briefkasten. Absender: Ahmet Davutoğlu, Premierminister der Türkei. Woher der wohl ihre Adresse hat, fragte sich Köprücü, die seit 30 Jahren in Stuttgart lebt und in Deutschland geboren wurde.

Dann sprach Davutoğlu sie im Brief auch noch mit "Sevgili kardesim" an und bat am Ende des Schreibens um ihre "Gebete" und "Unterstützung" für die "neue Türkei". Das verschlug ihr die Sprache. Sie habe keinerlei persönliche Beziehungen zu diesem Politiker. "Ich will von ihm auch nicht mit "liebe Schwester" angeredet und schon gar nicht um Gebete und die Stimme für seine Partei gebeten werden", sagt Köprücu sichtlich verstimmt.  

Einen Brief von Davutoğlu bekamen während der drei Wochen, in denen hierzulande Stimmen für die erneuten Parlamentswahlen in der Türkei abgeben werden konnten, auch andere. "Eine Frechheit" sei die Art, mit der die AKP für Stimmen werbe, meint Köprücü. Illegal ist diese Art der Werbung aber offenbar nicht, da kein Gesetz der Wahlbehörde verbietet, die Adresslisten der Wähler an Parteien weiterzugeben. Anderen Türken in Deutschland schmeichelte der Brief sehr, sie fühlten sich als türkische Bürger wahr- und als Wähler ernst genommen, auch wenn sie schon seit Langem oder gar seit ihrer Geburt in Deutschland leben. 

Ob Davutoğlu seine "lieben" und "verehrten Schwestern und Brüder" tatsächlich mobilisieren konnte, wird sich am Sonntag zeigen, wenn die Wahlergebnisse bekannt werden. Fest steht aber schon jetzt: Die Wahl in der Türkei hat auch die in Deutschland lebenden Türken voll in Beschlag genommen. Der Brief in Köprücüs Briefkasten ist nur der greifbarste Beleg dafür.

Diesmal lag die Wahlbeteiligung in Deutschland bei rund 41 Prozent und war damit um einige Prozentpunkte höher als bei den Parlamentswahlen im Juni. Bis vergangenen Sonntag konnten "Auslandstürken" in Konsulaten oder in angemieteten Räumen ihre Stimme abgeben. Anfang der Woche gab die türkische Wahlbehörde bekannt, dass rund 576.000 der etwa 1,4 Millionen wahlberechtigten türkischen Staatsbürger, die in Deutschland leben, ihre Stimme abgaben.

Warum interessieren sich Menschen, die schon viele Jahre hier leben, ja sogar hier geboren sind, so sehr für die türkische Politik? Warum beteiligen sie sich an den Parlamentswahlen eines Landes, in dem sie schon lange nicht mehr leben oder noch nie gelebt haben?

Eindeutige Antworten sind kaum möglich. Weil die hiesige türkische Community nicht homogen ist. Aber auch, weil ein Teil es sich selber nicht erklären kann. Gerade aus der Generation der hier Geborenen, die sich als Türken definieren, können viele nicht mehr als diesen einen Satz sagen: Die Türkei ist nun einmal meine Heimat und wird es auch immer bleiben.

So eint die deutschen Auslandstürken nach den Attentaten von Suruç und Ankara und der aufgeheizten öffentlichen Stimmung der Wunsch nach mehr Klarheit über die politischen Verhältnisse in der Türkei – nur, dass sie unter Klarheit jeweils etwas anderes verstehen. So unterscheiden sich auch die Wahlaufrufe. AKP-Anhänger finden, es sei nicht zu entschuldigen, wenn sich die Leute aus lauter Trägheit nicht auf den Weg zur Wahlurne zu machen, während "in der Heimat unsere Soldaten fürs Vaterland sterben". Wähler aus entlegenen Orten organisieren Fahrdienste zu den Wahlurnen in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München und neun weiteren deutschen Städten.