Die aktuellen Ereignisse zu den Terror-Anschlägen in Paris lesen Sie in unserem Liveblog.

Man kann sich nach dieser Nacht des 13. November kaum vorstellen, wie das Viertel aussieht, wenn es lebt. Dann drängen sich hier am Ufer des Canal St. Martin und in den Straßen drum herum die Pariser Hipster: Männer, die schmale Hosen und Bart tragen, Frauen in schmalen Kleidchen und Turnschuhen an den Füßen. Das 10. und 11. Arrondissement haben sie zu ihrem Trendviertel gemacht. In einem Comicladen hängt eine liebevolle Illustration, auf der ein Clochard – erinnert sich noch jemand an die? – eine Brachfläche zwischen zwei Pariser Stadthäusern räumt, um einem modernen Neubau Platz zu machen, in den dann zu unfassbaren Preisen die junge urbane Mittelschicht Wohnungen mit bodentiefen Fenstern bezieht. 

Man isst hier an jeder Ecke gut und vegan oder exotisch. Dazwischen sind Pop-Up-Stores voller dezent schicker Kleinmöbel und Kunstobjektchen, es gibt den besten Filmladen dieses filmverliebten Landes und Buchläden, die sich nicht mehr "Librairie" nennen, sondern "Art Design Bookstore". Auffallend viele Menschen fahren Fahrrad und bis vorgestern hätte man meinen können, das sei in dieser Stadt, die erst seit Kurzem Radwege auf ihre schmalen Autospuren pinselt, das einzig wirklich Gefährliche. 

Dann hielt am Freitagabend gegen halb zehn ein Auto vor einem der Restaurants, dem Le Petit Cambodge. Selbst um diese Jahreszeit saßen noch Menschen auf der Terrasse, die gar keine Terrasse ist, sondern nur ein schmaler Streifen auf dem Trottoir unmittelbar vor den großen Fensterflächen, durch die man direkt nach hinten in die offene Küche schauen kann. Man zeigt gerne, was man kochen kann, nämlich vor allem BoBun, ein kambodschanisches Nudelgericht in unzähligen Variationen. 

Die Attentäter schossen sofort. "Wir haben Schüsse wie aus Maschinenpistolen gehört, 30 sekundenlange Stöße. Es schien kein Ende nehmen zu wollen", erzählt wenig später ein Mann, der hier in der Rue Bichat wohnt, einem französischen Journalisten. "Im ersten Moment habe ich nur die Flammen gesehen, die aus der Mündung einer Waffe schossen. Ich hatte Angst, aber ich habe nichts verstanden", ergänzt ein zweiter Zeuge, der den Anschlag offensichtlich von einem Fenster aus beobachtet hat. 

Mindestens zwölf Menschen sterben hier und in der Bar Le Carillon nebenan. Auf offener Straße mitten in Paris

An diesem gleichen Ort stand im Sommer, am Vorabend des französischen Nationalfeiertags, die Schlange vor dem Empfangstischchen bis auf die Straße. Wir waren dort. Wenn man seine Handynummer hinterließ, wurde man angerufen, sobald ein Plätzchen frei wurde. Das war keine 200 Tage nach den tödlichen Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und auf einen koscheren Supermarkt. Und obwohl noch immer ganz Frankreich laut Plan Vigipirate in Alarmbereitschaft stand, wirkten die Attentäter des 7., 8. und 9. Januar wie isolierte Fanatiker, denen sich mehr als eine Million Menschen allein in Paris geschlossen entgegenstellten, als sie sich wenige Tage nach den Anschlägen im Januar auf einer Jahrhundertkundgebung zu den Werten der Republik bekannten.  

Nein, auch wenn es furchtbar war, dass 17 Menschen ermordet wurden, ließ man sich in Paris in diesem Sommer nicht sein Leben rauben. 

Dabei hatte sich einiges verändert. Nicht nur die Journalisten von Charlie Hebdo stehen seitdem dauerhaft unter Personenschutz. Der Ministerpräsident Manuel Valls hat die Sicherheitskräfte aufgerüstet. 425 Millionen Euro wollte er binnen drei Jahren in die Ausrüstung von Geheimdiensten, Innenministerium, Polizei stecken, knapp 3.000 neue Stellen schaffen. Schon seit Januar sieht man allerorten Polizisten mit Maschinenpistolen und schusssicheren Westen. Sie gehören inzwischen zum Stadtbild und an den Hauptattraktionen wird man als Tourist durchgecheckt wie an den Sicherheitssperren internationaler Flughäfen. 

Valls hatte angekündigt, das Abhören von Verdächtigen zu erleichtern, zu ihrer effektiveren Verfolgung sollten "Express-Verfügungen" erlassen werden können.

Über all diese Maßnahmen, die durchaus an den Patriot Act erinnern, den die USA nach den Anschlägen des 11. September 2001 beschlossen hat, gingen auch in Frankreich die Meinungen auseinander.

Und die Regierung bemühte sich parallel die bestehenden Ungleichheiten und Benachteiligungen in der Gesellschaft irgendwie aufzufangen. Er wolle, hatte Valls zwei Wochen nach den Anschlägen gesagt, gegen "die Gettos, die gesellschaftliche Apartheid und das soziale Elend" vorgehen. Eine Behörde ist im Aufbau, die sich innerhalb des Jugendschutzes eigens darum kümmert, die Radikalisierung Einzelner zu verhindern. In den Gefängnissen sollen nicht nur geschlossene Abteilungen für radikale Islamisten abgetrennt, sondern auch noch mehr Imame für ihre Seelsorge eingestellt werden. Die Werte, zu denen sich im Januar so viele Franzosen bekannten, sollen in den Schulen aktiver vermittelt werden. 

Seit Freitagnacht ist jedoch klar: Die Attentäter vom Januar waren keine isolierten Fanatiker. Ihr Netzwerk hat sich weiter versponnen und nun an sieben Orten nahezu gleichzeitig losgeschlagen. Vor dem Petit Camobodge und dem Carillon, in der Rue de la Fontaine du Roi, in der Rue Charonne, in dem Konzertsaal Bataclan und vor dem Fußballstadion Stade de France.

Rasch kletterten die Zahlenangaben zu den Opfern auf mehr als 120. Noch in der Nacht erklärte François Hollande seinen Landsleuten, dass am Samstag alle öffentlichen Gebäude, sämtliche Schulen und Universitäten geschlossen bleiben würden, dass man die Grenzen streng überwachen werde und ab sofort der Ausnahmezustand gelte: "Es gibt Grund, Angst zu haben", sagte der Staatspräsident. "Bleiben Sie zu Hause!" 

Heute fühlt sich Paris tatsächlich an wie tot.