Hier geht es direkt zum Fragebogen an die Flüchtlingshelfer.

Wegen des großen Interesses an dem Fragebogen haben wir uns entschlossen, die Umfrage noch bis zum 2.12. zu verlängern. Die Ergebnisse werden wir demnächst bei ZEIT und ZEIT ONLINE veröffentlichen.

Zwei, drei Mal die Woche kümmert sich Juliane Goetzke neben Studium und Job bei ZEIT ONLINE um das, was neu ankommende Flüchtlinge in Berlin gerade brauchen: Sie sortiert Spenden, verteilt Essen oder Kleider an Männer, Frauen und Kinder, die oft tagelang vor dem Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, warten, bis sie in eine Unterkunft vermittelt werden. Manchmal nimmt sie auch Familien, die sonst auf der Straße schlafen müssten, für ein paar Nächte mit in ihre eigene WG.

Ahmad* zum Beispiel, einen Handwerker aus Iran, der mit seiner Frau und drei kleinen Kindern vor etwa sechs Wochen in Berlin ankam. Ahmad erzählt, dass viele muslimische Flüchtlinge nach den Anschlägen in Paris Angst hätten, die Menschen in Europa könnten sie jetzt verachten. Es sei aber nicht fair, von diesen Verbrechern auf alle Muslime zu schließen, sagt er: "Wenn ein Christ in Norwegen ein Attentat verübt, dann fürchtet sich auch niemand vor allen Christen."

"Spaß macht das nicht"

Für die 22-jährige Goetzke ist der Terror der Islamisten kein Grund, ihr Engagement zu verringern. Sie wird auch nicht aus Erschöpfung oder wegen Desillusionierung aufhören. "Spaß macht es aber nicht", sagt sie. "Es ist absolut frustrierend, wenn mitten in Berlin Familien mit kleinen Kindern Hunger haben." Zwar sei heute vieles professioneller organisiert als am Anfang, aber noch immer basiere die Hilfe auf dem Geld und der Arbeit der Freiwilligen. Goetzke treibt deshalb auch die Wut an: "Olympia ist möglich, Menschen zu ernähren nicht?"

Wenn die Flüchtlinge weiter auf die Bundesländer verteilt werden, geht es ihnen auch nicht automatisch gut, hat Goetzke erlebt. Anfang Oktober wohnten fünf junge Syrer in Götzkes WG: der 22-jährige Faruk* mit seinen drei älteren Schwestern und einem älteren Brüder. Sie stammen aus einer wohlhabenden Familie, hatten aber in der inzwischen zerstörten Altstadt von Aleppo gelebt und alles verloren. Einen ganzen Sonntag haben sie aus Dankbarkeit für Goetzke und ihre Mitbewohner gekocht.

Hilferufe aus Dresden

Nach einem Wochenende in der WG sind die Geschwister jedoch nach Dresden ins Flüchtlingsheim in der Hamburger Straße gebracht worden, das wegen der brutalen Übergriffe von Sicherheitsleuten auch überregional bekannt ist.

Faruk schickte Goetzke Hilferufe via Facebook. Anfang November ist Goetzke hingefahren. Faruk sprach von Schlagringen, die sich ein paar der Sicherheitsleute überzogen und davon, lieber wieder nach Syrien zurückzuwollen, als so zu leben. Die Geschwister seien selbst zwar nicht geschlagen worden, hätten aber entsetzliche Angst gehabt. Goetzke hatte ihnen gezeigt, wo sie umsonst Deutschunterricht nehmen könnten – aber auch darauf hätten sie warten müssen. Es fehlen die Lehrer, alle Plätze sind belegt.

Inzwischen sind aber alle fünf in eine Unterkunft in Gotha umgezogen. Sie haben auch gut sechs Wochen nach ihrer Ankunft noch keinen Antrag auf Asyl stellen können – dafür die Sorge, jahrelang in Achtbettzimmern ausharren zu müssen und weder studieren noch arbeiten zu dürfen. Vor der Flucht nach Europa hatte Faruk in Damaskus Medizin studiert, sein Bruder Architektur.

Willkommenskultur in Lüneburg

Schon vor der aktuellen Krise hat Goetzke in Lüneburg Flüchtlingskindern bei den Hausaufgaben geholfen oder Behördengänge erledigt. Hier wurde rechtzeitig eine Kaserne zur Flüchtlingsunterkunft umgebaut, sagt sie. Es kämen natürlich längst nicht so viele Flüchtlinge an wie in Berlin, die Stadt könne aber auch deswegen mit den Flüchtlingen gut umgehen, weil hier sowohl Hilfsorganisationen als auch Freiwillige zusammenarbeiten, die schon vorher aufeinander eingespielt waren: Caritas und Kirchengemeinden ebenso wie Antifa-Gruppen, Studenten und betuchte Rentnerinnen.

Juliane Goetzke kennt die Situation vor dem Lageso in Berlin, hat einen Blick in die Hamburger Straße in Dresden geworfen und die Willkommenskultur in Lüneburg  erlebt – Ausschnitte aus der Wirklichkeit der Helfer und der Flüchtlinge.

Wir möchten gerne einen Überblick gewinnen und bitten Sie deshalb, uns in diesem Fragebogen mitzuteilen, wie Sie ihre Rolle als ehrenamtlicher oder hauptberuflicher Helfer erleben. Wie lange wollen Sie weitermachen? Und wie haben die Anschläge von Paris ihr Engagement beeinflusst? Bitte erzählen Sie uns auch, was sie in den Unterkünften erleben. Was fehlt den Menschen am dringlichsten? Welche Konflikte beobachten Sie?

Wenn wir die Fragebögen ausgewertet haben, werden wir zwar kein repräsentatives Bild der Situation der Flüchtlinge oder Helferinnen zeigen können. Aber wir können aus den persönlichen Berichten herauslesen, welche Probleme dringend gelindert werden müssen. Und welche Unterstützung die Helfer jetzt brauchen.

Wegen der großen Gefahr des Missbrauchs dieser Umfrage würden wir Sie gern telefonisch oder per E-Mail kontaktieren können – auf Wunsch natürlich auch anonym. Bitte füllen Sie diesen Fragebogen bis zum 2. Dezember aus. Und leiten Sie ihn bitte auch an andere Helferinnen und Helfer weiter. 

* Die Namen sind von der Redaktion geändert