Die aktuellen Ereignisse zu den Terror-Anschlägen in Paris lesen Sie in unserem Liveblog.

Schon ein Blick aus dem Küchenfenster reicht: Am Tag nach den Attentaten ist alles anders. Unsere am Samstag sonst gut belebte Rue Bleue im neunten Pariser Arrondissement zwischen Opéra und Montmartre ist wie leer gefegt. Viele unserer Nachbarn folgen den Anweisungen der Polizei: Bloß nicht unnötig außer Haus gehen, schließlich liegen die Tatorte der vergangenen Nacht in Fußwegdistanz  zu unserem Viertel. Es könnten ja noch Terroristen unterwegs sein.

Aber das bedeutet nicht, dass die Leute in unserem Viertel feige sind. Nur mein pakistanischer Zeitungsverkäufer will es so sehen: "Die Leute sind verdattert, nach außen zeigen sie Trauer, innerlich sind sie nervös. Die Franzosen sind in solchen Situationen nicht hart genug." Doch das sagt ein Mann, der die tendenziell undemokratischen pakistanischen Verhältnisse wohl besser kennt als die demokratischen französischen. Deshalb muss man ihm verzeihen. In Wirklichkeit ist unser Viertel eine Hochburg des ehemals revolutionären und heute immer noch durch und durch aufgeklärten Paris. Deshalb ist es auch ein wehrhaftes Viertel.

Da sind zum Beispiel die beiden grün gekleideten Müllmänner afrikanischer Herkunft, die jeden Morgen unsere Straße abfahren. Gut, an diesem Morgen haben sie aus Sorge vor weiteren Attentaten mit ihrem Vorgesetzten verhandelt, dass sie nicht schon um sechs Uhr im Dunkeln, sondern erst um acht Uhr bei Tageslicht aufbrechen mussten. Aber nun hält sie nichts mehr zurück: "Wir haben keine Angst. Wir machen unseren Job", sagen sie. Tatsächlich führt ihre Route ganz nah an den Tatorten der Nacht vorbei. 

Also darf es nicht verwundern, wenn die französische Verkäuferin in der Bäckerei koreanischer Inhaber mit fast jedem Stammkunden bereden kann, welcher gemeinsame Bekannte denn am vorherigen Abend im Bataclan war. So heißt der Konzertsaal im benachbarten elften Arrondissement, in dem in der Nacht so viele Menschen sterben mussten. Wohlmöglich bis zu hundert an der Zahl. Der Saal fasst allerdings mehr als tausend Gäste, bisher kennen wir hier in der Bäckerei noch keine Opfer.  Aber viele können schreckliche Flucht-, Geiselhaft- und Verletzungsgeschichten von Bekannten erzählen. Sie sprechen in einem betont sachlichen Ton; bloß nicht klatschen, bloß nichts übertreiben. Nach dem Motto: "Es gab schlimmere Zeiten." Und: "Das ist nur der Anfang."

Der Geist der Bürgerwehren

So sehen es auch die drei Clochards mit ihren Bierdosen und dem mir gut bekannten Schäferhund Max vor dem Franprix-Supermarkt an der Rue Faubourg Poisonnière. "Es hätte auch uns treffen können", sagen sie mit einiger Berechtigung, denn die Attentäter hatten es besonders auf das Straßenpublikum vor Cafés und Geschäften abgesehen. "Spätestens Weihnachten wird es weitergehen", meinen sie – furchtlos und schon halb angetrunken in der Früh.

Ernster verhandelt man die Dinge am Tresen von Lyashid, dem Wirt des Eckcafés an der Rue Bleue. Hier formiert sich im Geiste die Bürgerwehr alter, revolutionärer Tage. Sich nichts anhaben lassen, weitermachen wie an jedem anderem Tag, den Terroristen und ihrer Angstmacherei keinen Zoll nachgeben. Darauf bestehen Lyashids Gäste. "Zweifele nicht an Frankreichs Reife", warnt mich ein befreundeter Kunstkritiker bei Kaffee und Croissant.