Heinrich Bedford-Strohm, die Charmeoffensive in Person, wird die evangelische Kirche in den nächsten sechs Jahren repräsentieren. Die Synode, das Parlament des Protestantismus, hat ihn als Vorsitzenden des 15-köpfigen Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bestätigt.

Im Hauptamt bayerischer Landesbischof, versteht sich Bedford-Strohm auf eine unbefangene und zugleich politisch ambitionierte Freundlichkeit. Der 55-Jährige will gewinnen, Menschen und Wahlen. Und er beherrscht die Kunst, selbst Distanzierungen noch in freundliche Worte zu packen. In der Flüchtlingskrise hat er vor dem Kirchenparlament eine "Ethik der Einfühlung" gefordert und Kanzlerin Angela Merkel den Rücken gestärkt: Wir schaffen das, weil wir es schaffen müssen. "Der Versuch, uns durch Abschottung die Not vom Leibe zu halten, wäre ethisch nicht zu rechtfertigen", sagt er. Und hat zugleich Verständnis, dass die Ärmeren hier Angst haben vor Verteilungskämpfen: "Doch auch unser Reden über diese Ängste muss von Empathie geprägt sein. Wenn es das nicht mehr ist, ist unser Nein gefordert."

Vor der in Bremen tagenden Synode ließ er sich zu einem seiner seltenen, kalkulierten Zornesausbrüche hinreißen. Kurz zuvor, Anfang November, hatte der Bundestag die organisierte Sterbehilfe unter Strafe gestellt, eine Position, für die auch er gekämpft hat. Vor der Abstimmung hatte er auf der Internetseite eines Sterbehilfevereins den Satz gelesen, der Bundestag entscheide darüber, ob sich in Deutschland eine freie Demokratie oder ein Gottesstaat durchsetze. "Ja, geht's noch?" erregte er sich vor der Synode. Und verteidigte vehement das Recht der Kirchen, sich wie andere gesellschaftliche Gruppen auch an öffentlichen Debatten zu beteiligen. "Mit Argumenten", schiebt er nach.

Vater Staat und Mutter Kirche sind geschieden

Wo Argumente gelten, ist er in seinem Element. Mit Leidenschaft war Bedford-Strohm Dozent in Heidelberg, Pfarrer in Coburg und Professor in Bamberg. Und man sagt ihm nach, dass er überall eine Spur von Freunden hinterließ. Gespräche, Debatten und die Begegnung mit Menschen scheinen ihn nicht zu ermüden. Er schöpft Kräfte daraus. Mit ihm bekommt die evangelische Kirche ein freundliches, zugleich volkstümliches und politisches Gesicht. Er hat das Zeug dazu, die evangelische Kirche zu einen, die sich in viele Richtungen aufspaltet.

In seinen Jahren als Professor in Bamberg von 2004 bis 2011 hat Heinrich Bedford-Strohm die Konzeption für ein Christentum in der Gegenwart entwickelt, die Öffentliche Theologie. Er bezeichnet sie auch als Befreiungstheologie für eine demokratische Gesellschaft. Bedford-Strohm weiß, dass sich die Verbindung der Kirche zum Staat gelöst hat: Die Ehe zwischen Vater Staat und Mutter Kirche ist geschieden.

Die Kirche muss diese neue Position aber nicht als Verfall früherer Ordnungen betrauern. Sie braucht nicht auf die Wiederherstellung einstiger Macht warten und muss nicht an Vorrechten von früher kleben. Und sie braucht sich auch keine "Entweltlichung" verordnen, wie es der frühere Papst Benedikt XVI. seiner Kirche empfahl. Die Kirche kann ihre Position in der Postmoderne auch als neue Freiheit begrüßen. Sie kann sich mit ihren Überzeugungen und ihren Ideen an die ganze Gesellschaft wenden. Sie kann das Gewissen der Gesellschaft sein, ihr Kitt, ihre Zukunftswerkstatt und die Schatzkammer ihrer Traditionen. Und sie kann die Emanzipation der Gesellschaft von jeder Bevormundung begrüßen, auch von religiöser. Dazu muss sie ihre Überzeugungen in eine Sprache übersetzen, die Menschen verstehen. Öffentliche Theologie muss zweisprachig sein, sagt Bedford-Strohm. Und sie muss ihre Menschendienlichkeit unter Beweis stellen.

Seine Position ist gefragt. In Berlin haben sich ihm schnell die Türen geöffnet. Mit Innenminister Thomas de Maizière hat er einen Kompromiss ausgehandelt, als der einen Streit um das Kirchenasyl anzettelte. Im Januar hat Bill Gates, der reichste Mann der Welt, ihn persönlich getroffen, um die evangelische Kirche in Deutschland für seine globale Impfallianz zu gewinnen, mit der er die übelsten Kinderkrankheiten ausrotten will. In den USA ist Bedford-Strohm seit seinem Studium in Berkeley bei San Francisco bekannt. Über Jahre hat er sich im Weltkirchenrat für einen Ausgleich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eingesetzt. Seine Frau Deborah ist Amerikanerin. Als einziger in seiner fünfköpfigen Familie besitzt er nur einen deutschen Pass.