Hans Mommsen ist tot. Der Historiker starb nach langer Krankheit am Donnerstag, dem Tag seines 85. Geburtstages, in der Nähe des Starnberger Sees. Entsprechende Berichte der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bestätigte das Bestattungsinstitut Zirngibl in Tutzing. Mommsen galt als einer der wichtigsten Forscher der Nachkriegszeit.

Seine wissenschaftliche Laufbahn begann der in Marburg geborene Mommsen am Historischen Seminar der Universität Tübingen. Es schlossen sich Stationen in München und Heidelberg an. Schließlich kam er an die Bochumer Ruhr-Universität, wo er von 1968 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1996 als Professor für Neuere Geschichte lehrte. Außerdem war er Gastprofessor und Fellow an bedeutenden Universitäten, etwa in Harvard, Princeton und Oxford. 

Zu Mommsens Forschungsschwerpunkten zählten die Themen Arbeiterbewegung, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Er zählte im Historikerstreit Mitte der 1980er Jahre zu den entschiedensten Gegnern des Berliner Geschichtsprofessors Ernst Nolte. Dieser hatte in einem Artikel den Holocaust als mögliche Reaktion auf die Verbrechen der sowjetischen Kommunisten beschrieben. Daraufhin entbrannte unter deutschen Historikern ein auch im Ausland beachteter Streit um die Bedeutung und eine mögliche Verharmlosung der Nazi-Gräueltaten.

Mommsen entstammte einer bedeutenden Historikerdynastie. Er ist Urenkel des legendären Liberalen und Althistorikers Theodor Mommsen, der 1902 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Auch Hans' Zwillingsbruder Wolfgang machte sich als engagierter Geschichtswissenschaftler einen Namen. Die Mommsen-Zwillinge wurden zur Institution unter deutschen Historikern. Der ältere, 1976 gestorbene Bruder, Karl Mommsen, lehrte in Basel Regionalgeschichte. Auch ihr Vater Wilhelm war Historiker, der allerdings wegen Verstrickungen während der NS-Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Fuß fassen konnte. 

"Einer der ganz Großen seines Fachs"

Politisches Engagement spielte in der Familie Mommsen stets eine große Rolle. So präsentierte sich Hans Mommsen immer wieder als konfliktfreudiger Wissenschaftler. Als Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Jahr 2006 heftig kritisiert wurde, nachdem er nach jahrelangem Schweigen seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS gestanden hatte, nahm Mommsen ihn in Schutz. Er nannte die öffentliche Aufregung "unangebracht". Die Kritik an Grass sei vielfach "scheinheilig", denn tatsächlich müsse sie an die deutsche Öffentlichkeit selbst gerichtet werden.

In der Frankfurter Rundschau schrieb er damals: "Die mangelnde Bereitschaft der Nation, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen und ihr Bestreben, sie auf die NS-Täter im engeren Sinne zu projizieren, ist ja erst die Erklärung dafür, dass vor allem von Angehörigen der späten Kriegsjahrgänge ihre Mitgliedschaft in der Waffen-SS, der NSDAP oder anderen Apparaten des Regimes verschwiegen wurde, um öffentlichen Diffamierungen auszuweichen."

Mommsens letztes Buch erschien 2014. Unter dem Titel "Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa" zog er die Bilanz seiner jahrzehntelangen Holocaust-Forschung. DIE ZEITwürdigte Mommsen anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahre 2010 als "einen der ganz Großen seines Fachs". Er gehöre zu jenen Repräsentanten der langen Generation sozialliberaler Historiker, die in den 1960er Jahren angetreten sei, die westdeutsche Geschichtswissenschaft von verstaubten Traditionen zu befreien. "Er hat das historische Selbstverständnis der Republik im Sinne einer demokratischen Bürgerkultur geprägt wie kein Zweiter."