Mitglieder in der päpstlichen Kommission zum Schutz von Minderjährigen sind auch der 57 Jahre alte Brite Peter Saunders, der als Kind von zwei Jesuiten in einer Wimbledoner Schule missbraucht worden ist, sowie die Irin Marie Collins, die als 13-Jährige von einem Kaplan im Krankenhaus vergewaltigt wurde. Saunders kritisierte Franziskus scharf. In einem Interview mit der US-Online-Zeitung The Daily Beast sagte er: "So sehr Franziskus bewundert wird, hat er sich doch ein paar echte Schnitzer erlaubt und wir müssen ihn damit von Angesicht zu Angesicht konfrontieren." Der Kommentar des Papstes über Barros sei "schrecklich", ein "schwerer Fehler" sowie eine Beleidigung von Juan Carlos Cruz und vielen anderen Gläubigen in Chile gewesen. "Als die Äußerungen des Papstes bekannt wurden, ließ Collins über ihren Twitter-Account wissen, sie sei "entmutigt und betrübt".

Saunders fordert nun, dass sich Franziskus beim nächsten Treffen der Kommission den Fragen der Mitglieder stellt. Allerdings kommt die Kommission nur zweimal im Jahr zusammen, das nächste Mal im Februar 2016.

Die Stimmung in der 17-köpfigen Gruppe, die aus Laien und Priestern zusammengesetzt ist und das Flaggschiff des Papstes im Kampf gegen Missbrauch sein soll, ist angespannt. Bei einigen Mitgliedern herrscht offener Unmut über Saunders und seine öffentlichen Stellungnahmen, die die Kommission in ein schlechtes Licht rückten. Saunders sagt, er und Collins würden trotz des Unbehagens im Vatikan und anderen Bereichen der Kirche "keine Ruhe geben".

Franziskus muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er mit zweierlei Maß misst. Warum berief er den Australier Kardinal George Pell, der unter Benedikt XVI. wegen seiner umstrittenen Rolle im Missbrauchsskandal der australischen Kirche bereits als Kandidat für die Leitung der Bischofskongregation durchgefallen war, zum Chef des neuen Wirtschaftssekretariats? Den ehemaligen belgischen Primas, seinen alten Bekannten, Kardinal Godfried Danneels, nominierte Franziskus persönlich als Teilnehmer für die letzten beiden Bischofssynoden, obwohl Danneels im Jahr 2010 nachweislich ein Missbrauchsopfer aufgefordert hatte, seine Anschuldigungen gegen einen Bischof nicht öffentlich zu machen. Im Fall Barros drängt sich erneut der Verdacht auf, dass alte Seilschaften bei Franziskus mehr wiegen als das Versprechen, rückhaltlos aufzuklären.

Verdächtige E-Mails

Die Spur führt dabei zu zwei Granden des chilenischen Episkopats. Der frühere Erzbischof von Santiago de Chile, Francisco Javier Errázuriz Ossa, sowie dessen Nachfolger Ricardo Ezzati Andrello, sind Vertraute von Franziskus aus dessen Zeit in Argentinien. Während viele in Chile Errázuriz und Ezzati als Männer des alten Systems von Vertuschung und Mittäterschaft einstufen, ließ der Papst beide zu hohen Ehren kommen. Den heute 82 Jahre alten Errázuriz berief er in den von ihm 2013 gegründeten Kardinalsrat für die Reform der Kurie. Ezzati wurde 2014 zum Kardinal ernannt. Beiden wird vorgeworfen, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben. Über die Karrieren von Errázuriz und Ezzati unter Franziskus sagt Cruz: "Für uns Opfer waren diese Nominierungen wie ein Tritt ins Gesicht, vom Papst persönlich."

Errázuriz und Ezzati wiederum blockierten die Berufung von Cruz in die päpstliche Kommission für Kinderschutz. Nachdem vertrauliche E-Mails im September an die Öffentlichkeit gelangt waren, in denen Cruz von den beiden Kardinälen als "Schlange" und "Wolf" diffamiert wird, entschuldigte sich der Präsident der Kommission, Kardinal Seán O'Malley, persönlich bei Cruz.

"Der Papst steht weiterhin auf der Seite der Täter und derjenigen, die die Täter schützen", sagt Cruz bitter. Er hat nun einen Brief zum Fall Barros an den Papst geschrieben. Bis heute hat er keine Antwort aus dem Vatikan erhalten.