Die aktuellen Ereignisse zu den Terror-Anschlägen in Paris lesen Sie in unserem Liveblog.

Eine gespensterhafte Ruhe liegt gegen zwei Uhr in der Nacht zum Samstag über dem Platz der Republik in Paris, wo sonst auch um diese Zeit an einem Wochenende noch reger Betrieb herrscht. Alle Cafés sind geschlossen. Nur gelegentlich heulen noch die Sirenen der Blaulichtwagen, die bis Mitternacht die ganze Stadt wach halten. Noch weiß niemand, nicht einmal der französische Präsident genau, wie viele Opfer es in dieser Nacht gab. In ersten Berichten ist von mindestens 120 Toten die Rede. Feststeht aber, dass es die schlimmste Nacht der Pariser Nachkriegsgeschichte war.

Präsident François Hollande gibt kurz vor zwei Uhr nachts vor dem Konzertsaal Bataclan eine Stellungnahme vor laufenden Kameras: "Frankreich lässt sich nicht beeindrucken. Das ist Barbarei", sagt der Staatschef. Er ist mit mehreren Ministern gekommen, um sich den Ort des schwersten Verbrechens dieser Nacht anzusehen. Der Bataclan ist eine Pariser Institution, ein Pilgerort für Rockfans. Mehrere Terroristen, schildern Augenzeugen, eröffneten hier am späten Freitagabend das Feuer auf die Konzertgäste. Laut ersten Polizeimeldungen sterben etwa 100 Menschen. Einige Konzertgäste erzählen Reportern, wie sie durch Hinterausgänge aufs Dach flüchteten. Andere berichten, wie sie zwischen Leichen lagen. "Sie haben nichts gesagt. Ich sah sie nur schießen. Sie schossen, schossen, schossen", sagt ein Heavy-Metal-Fan, den Sanitäter in eine Schutzjacke gehüllt haben.

Täter feuerten auf Cafébesucher

Insgesamt waren laut unbestätigten Informationen etwa sieben bis acht Täter in der Stadt unterwegs. Erste Anschlagsorte waren mehrere Cafés entlang einem großen Boulevard zum Platz der Republik. Die Cafés waren voller Menschen, viele von ihnen saßen auf den Terrassen. Dabei sollen etwa 40 Menschen getötet worden sein. Handyaufnahmen eines Taxifahrers zeigen, wie die Täter durch eine Straße zogen und mit ihren Gewehren um sich feuerten. Es ist noch nicht bestätigt, aber wahrscheinlich, dass es die gleichen Täter waren, die etwas später in den Bataclan-Konzertsaal eindrangen. Als die Polizei den Saal stürmte, sprengten sich drei der Täter selbst durch Sprengstoffgürtel in die Luft. Wenig später war der Konzertsaal von Krankenwagen umstellt. Auf den Bürgersteigen lagen mit Planen zugedeckte Leichen. 60 Verletzte befanden sich in der Nacht noch in Lebensgefahr.

Noch sind die Motive der Täter unklar. Regierung und Polizei wollen in der Nacht nicht öffentlich spekulieren, um andere nicht zum Nachahmen der Taten anzuregen. Viele Medien verdächtigen den "Islamischen Staat". Kein Zweifel besteht aber daran, wem der Angriff gilt: den Franzosen, und zwar jedem und jeder einzelnen.

Die Attacke begann in Saint-Denis, der nördlichen Vorstadt von Paris, wo an diesem Abend das Fußballländerspiel Frankreich-Deutschland stattfand. Zwei Selbstmordattentäter töteten dort mehrere Menschen. Präsident Hollande, der dem Fußballspiel beiwohnte, wurde vorzeitig unter höchstem Sicherheitsschutz zurück zu seinem Amtssitz, dem Élysée-Palast, gebracht. Dort traf er noch vor Mitternacht die ersten Entscheidungen: Er verhängte über das ganze Land den Ausnahmezustand und führte augenblicklich an allen Landesgrenzen Kontrollen ein. Einen "erbarmungslosen Kampf" kündigte er den Terroristen an. Alle französischen Oppositionsführer pflichteten ihm bei. 

In Washington hatte US-Präsident Barack Obama sogar noch vor Hollande öffentlich das Wort ergriffen und von einem "Angriff auf unsere Werte, auf die Menschheit" gesprochen. Wenig später sagte Hollande seine Teilnahme am G-20 Gipfel an diesem Wochenende in der Türkei ab. Außenminister Laurent Fabius wird ihn vertreten.

Vergleiche mit Anschlägen von Madrid und Mumbai

In den französischen Fernsehnachrichten zogen Kommentatoren in der Nacht Vergleiche zu den Attentaten in Madrid 2004 und im indischen Mumbai 2008. Ein landesweiter Ausnahmezustand war in Frankreich zuletzt während des Algerienkrieges im Jahr 1955 verhängt worden. Präsident Jacques Chirac hatte vor zehn Jahren den Ausnahmezustand während der sozialen Unruhen in den Pariser Vorstädten verhängt. Der Schritt erweitert vor allem die Einsatzmöglichkeiten der Polizei, die nun ohne richterliche Genehmigung Durchsuchungen durchführen kann. Die Grenzkontrollen, etwa in Kehl bei Straßburg, setzten bereits in der Nacht ein. Zuvor hatten manche von einer Schließung der Grenzen berichtet, doch davon war keine Rede.

Auffällig war, dass sich die Täter das gleiche Stadtviertel von Paris ausgesucht hatten wie die Attentäter des 11. Januar, die das Satiremagazin Charlie Hebdo überfallen und zwölf Menschen getötet hatten. Augenzeugen schilderten im Radio, sie hätten angeblich Worte der Täter aufgeschnappt. Demnach hätten diese gerufen, dass sie ihre Brüder rächen würden, die Frankreich in Syrien töte. Bestätigen sich diese Aussagen, dann dürfte bald die Rede von der Ausweitung des französischen Kriegs im Nahen Osten auf das Heimatland sein. Doch in dieser Nacht sprach Präsident Hollande noch nicht von Krieg, nur vom Kampf gegen den Terrorismus. Manchen war das nicht genug. Im oppositionellen französischen Fernsehen TF 1 fielen bereits spitze Töne, ob der Präsident denn angemessen reagiere.