Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Das Eigene

Vor wem fürchten Sie sich mehr: Vor dem Verbrecher oder dem Verrückten? Eine kindlich erscheinende Frage, mag sein – aber verwenden Sie, liebe Leser, doch einmal zwei Minuten Ihrer Zeit darauf.

Ich kann für mich selbst sagen: Seit meiner Kindheit fürchtete ich mich eher vor dem Verrückten als vor dem Bösen. Das hat natürlich etwas mit Macht zu tun, nämlich der Macht über Worte und Begriffe und Bilder. Was ein "Verbrecher" war, wusste ich schon früh: Diebe vor allem (obwohl ich mich an keinen einzigen Diebstahl in meinem Dorf erinnern kann); unklare Räuberfiguren (Quelle: Enid Blyton; Karl May; Fenimore Cooper); Mörder (ab dem 10. Lebensjahr. Quelle: Fernsehen). Andererseits natürlich die ganze Palette der Freibeuter: Robin von Locksley! Sir Francis Drake! Sindbad der Seefahrer! Pancho Villa! Odysseus! Sie alle: ein Haufen Verbrecher, und – der Graf von Monte Christo sei mein Zeuge – ein noch größerer Haufen unschuldig Geknechteter. Die Sache konnte emotional in der Regel unter "kann man so oder so sehen" abgelegt werden, mit einem deutlichen Sympathie-Übergewicht für die Freiheitskämpfer (was allerdings kein Wunder, sondern gerade das Ziel war).

Das Wahnsinnige traf anders, und näher. Eine Hausangestellte erzählte, ihre Mutter laufe nachts mit der Axt durchs Haus, um Vergewaltiger zu vertreiben. Ein den Eltern befreundeter Zahnarzt wurde "zur Entspannung" bei uns aufgenommen und murmelte, Jack-Nicholson-gleich, beim Abendessen, er wisse schon, dass man meine kleine Schwester nur deshalb an den Tisch gesetzt habe, um ihn zu "prüfen". Die auffälligsten der chronischen Alkoholiker unter den Patienten meines Vaters (er war Arzt) bissen ihren Frauen ganze Stücke aus den Brüsten oder schlugen ihre Söhne bis zur Bewusstlosigkeit. Wer sich mit drei Flaschen Korn verrammelte oder plötzlich verschwand, der kam "nach Marsberg", also in die "Provinzial-Irrenanstalt Marsberg" (heute: LWL-Landeskrankenhaus). Die Witze meiner Kindheit über die Irren und den Wahnsinn spielten sämtlich dort: "in Marsberg".

Das Fremde

Der Verbrecher ist uns nahe. Er ist wie wir, deshalb benötigen wir, um uns von ihm zu unterscheiden, gewisse Hilfestellungen.

Natürlich: Wer uns zusammenschlägt und unser Handy wegnimmt oder unsere Geldbörse oder unsere Rolex, ist ein Drecksack. Andererseits: Handy und Geldbörse oder Rolex sind ja auch nicht nichts, oder? Da haben wir ja was dafür hingelegt und geleistet und geschuftet. Dass der Verbrecher das für lau haben will, ist ziemlich sympathisch. Wir hielten es nämlich gern auch so wie er, bloß wir trauen uns nicht. Und warum nicht? Wegen des Strafrechts. So einfach!

Oder was denken Sie über das Verhältnis von Angst und Moral, liebe Leser? Der Kolumnist als Opfer weiß Bescheid: Vorgestern kaufte ich Briefmarken für 100 Euro. Anschließend ging ich in ein Feinkostgeschäft und kaufte Pilze. Um sie abzuwiegen, legte ich die Tüte mit den Briefmarken für etwa 50 Sekunden aus der Hand. Schon war sie weg. In Reichweite befanden sich vier ältere Damen vom Baden-Badener Nerz-Typus. Eine von ihnen muss es gewesen sein. Sie entkam unentdeckt. Vermutlich hält sie heute beim Bridge-Abend einen Vortrag über den moralischen Verfall des Prekariats. 

Anders der Irre: Er beschmiert sich mit Exkrementen. Er isst Tote. Er malt sich an oder sticht sich mit glühenden Nadeln. Er springt aus dem Fenster, obwohl die Nacht ruhig und das Wetter klar ist. Er schaut uns an, als ob er sei wie wir, und ist doch ein anderer. Ein Körperfresser (Jack Finney; Don Siegel 1956, Philip Kaufman 1978), der unsere Gestalt hat, aber keinen Zugang zu unserer Emotion. Er schlachtet uns. Er ist "eine kaputte Maschine" (Allen Parker: Midnight Express). Aber wo ist die Fabrik? Und was bedeutet das für uns?

Damals…

Mit diesen Fragen befassen sich der Bauer, der Philosoph, der Arzt und der Richter schon Tausende von Jahren. Sie kennen ja, liebe Leser, die (aus unerklärlichen Gründen meist auch noch humpelnden) Irren aus den Filmen des frühen Technicolor, also zwischen 1230 und 1789: kreischende oder geifernde Schreckensgestalten, die den Reichen mit Hilfe marginaler erster Polizeikräfte vom Hals gehalten wurden, den anderen aber nicht. Paris, Stadt der Gauner und Bettler und der Irren-Königin! Amerika, auf Kokain statt auf Absinth, blickte darauf wie auf ein Panoptikum der Zwerge.