Der Tag, an dem im Vatikan der Krieg ausbrach – Seite 1

Es ist der 3. Juli 2013, das Fest des heiligen Apostels Thomas. Papst Franziskus erwacht bei Tagesanbruch, wie jeden Morgen, in Zimmer 201, einer der wenigen Suiten im Gästehaus Santa Marta, wo er seit seiner Wahl zum Papst beschlossen hat zu wohnen; er weigert sich, in die prachtvollen päpstlichen Gemächer umzuziehen, und hat damit von Anfang an mit Gewohnheiten und dem Protokoll gebrochen. Alles scheint wie immer: Gebete, die Messe, die der Papst in der Kapelle des Gästehauses feiert und in der er eine starke Metapher gebraucht: "Jesus erwartet von uns, dass wir mit unseren Werken der Barmherzigkeit das tun, wozu er auch den Heiligen Thomas aufgefordert hatte: den Finger in die Wunde zu legen." Dann ein bescheidenes Frühstück. Aber es wird kein Tag wie jeder andere werden. Fast vier Monate nach dem Konklave ist die Stunde gekommen, um das Werk der großen Reformen zu beginnen, das den Katholiken in aller Welt versprochen wurde.

Mit diesem Tag beginnt ein Krieg. Ein Krieg im Vatikan, der bis heute andauert und in den Hinterzimmern der vatikanischen Paläste geführt wird. (…)

Papst Franziskus wird auf der Sitzung zur Erörterung des Jahresabschlusses des Heiligen Stuhls erwartet. An der vertraulichen Sitzung nehmen, wie sonst auch, die Kardinale des Rates zur Untersuchung der organisatorischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls teil, deren Vorsitz der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone innehat. Die Anwesenheit des Papstes ist nicht zwingend vorgeschrieben, doch Papst Franziskus möchte teilnehmen. Er hat der Elite der katholischen Kirche, die dort vollständig versammelt ist, etwas Wichtiges mitzuteilen. Franziskus wird in dieser Sitzung den Finger in die Wunden des Vatikans legen und in nie dagewesener Weise mit alten Gewohnheiten brechen. Es sollte ein Bruch mit unabsehbaren Folgen sein.

Die Recherche

Ich habe die Worte gehört, die der Papst bei diesem vertraulichen Treffen gesprochen hat. Noch nie hat es das zuvor gegeben: Ein Journalist besitzt die Live-Aufnahme eines internen Meetings im Vatikan, an dem auch der Papst teilgenommen hat. (…)

Mit Papst Franziskus am Tisch sitzen die 15 Kardinäle des Rates für Wirtschaftsfragen und außerdem die Führungsspitzen jener Strukturen, die die Finanzen des Heiligen Stuhls kontrollieren: die APSA (die Güterverwaltung des Heiligen Stuhls), praktisch die Zentralbank des Vatikans, die unter anderem das gewaltige Immobilienvermögen der heiligen römisch-katholischen Kirche verwaltet; das Governatorat, jene Organisation, der die Museen, die kommerziellen Dienstleistungen, die Auftragsvergabe für die ordentliche und außerordentliche Instandhaltung von Gebäuden und Einrichtungen, das Vatikanische Postamt und die Telefondienste unterstellt sind; die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, der die Aufsicht über alle Körperschaften des Vatikans zukommt, und das IOR, die Bank, die für die Verwaltung der für die religiösen und karitativen Werke bestimmten Mittel zuständig ist. Es sind also alle da, auf die es ankommt. (…)

Das vertrauliche Meeting

Wenige Stunden nach seinen gewohnten religiösen Verpflichtungen bereitet sich der Papst auf den Tag im Apostolischen Palast vor. Wie immer überprüft er seinen Terminkalender persönlich.

"Das habe ich immer so gemacht. Ich trage ihn bei mir, in meiner schwarzen Aktentasche. Da drinnen sind der Rasierer, mein Gebetbuch, der Terminkalender und ein Buch zum Lesen." Am Vormittag steht eine Audienz mit Erzbischof Jean-Louis Bruguès an, dem Bibliothekar und Archivar des Heiligen Stuhls. Doch der wichtigste Termin ist erst für zwölf Uhr angesetzt.

Eigentlich wird der Papst schon erwartet, doch in einem der unzugänglichsten und eindrucksvollsten Räume des Palastes geht er noch einmal aufmerksam seine Notizen durch. Der Saal, mit Stuckarbeiten und Gobelins von unschätzbarem Wert, liegt im dritten Stock, zwischen den päpstlichen Gemächern, die seit dem Auszug Benedikts XVI. leer stehen, und dem Staatssekretariat. Die Kardinäle stehen derweil wartend in Grüppchen zusammen und unterhalten sich gedämpft. Spannung liegt in der Luft.

Sie sind in der angrenzenden Sala Bologna versammelt. (…)

Das Dokument

Dann betritt der Papst die Szenerie, die ein halbes Konklave scheint: Da ist Kardinal Giuseppe Versaldi, der die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls leitet. Und dort, etwas abseits, Kardinal Giuseppe Bertello, ein eiserner Anhänger Bertones, der dem Governatorat vorsteht. Auch Kardinal Domenico Calcagno, Präfekt der vatikanischen Güterverwaltung APSA, ist anwesend. Kurzum: alle hohen Tiere der Finanz- und Vermögensverwaltung des Vatikans.

Offiziell steht die Bestätigung des Jahresabschlusses für 2012 auf der Tagesordnung, doch alle wissen, eigentlich geht es um anderes. Von Anfang an hat Papst Franziskus keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Kurie reformieren will. Schon im April 2013, genau einen Monat nach seiner Wahl, rief er eine neue Kommission ins Leben, die ihn bei der Führung der Kirche unterstützen soll: ein Beratungsgremium, dem acht Kardinäle aus fünf Kontinenten angehören und das die zentrale Machtstellung der im Vatikan lebenden Amtsträger brechen soll.

Und im Juni 2013, nur wenige Tage vor der vertraulichen Besprechung des Jahresabschlusses des Heiligen Stuhls, schuf der Papst die Päpstliche Kommission zur Berichterstattung über das IOR: eine Maßnahme, mit der die von zahlreichen Skandalen erschütterte Vatikanbank erstmals in ihrer Geschichte unter Aufsicht gestellt wurde. Die bisherige Aufsichtskommission der Bank, der damals Bertone vorstand, reichte dem Papst nicht. "Die Kommission hat die Aufgabe", so die Pressemitteilung des Vatikans, "Informationen über das Gebaren des IOR zu sammeln und die Ergebnisse dem Heiligen Vater vorzulegen." Papst Franziskus möchte klarer sehen und Informationen von einem neuen, unabhängigen Organ erhalten, das direkt an ihn berichtet.

Brisante Neuigkeiten also für die Kurie. Doch bislang weiß noch niemand so recht, welche Tragweite die Veränderungen haben werden. Will Papst Franziskus sich nur vordergründig und öffentlichkeitswirksam mit wortreichen Presseankündigungen zu Wort melden oder die Probleme tatsächlich an der Wurzel packen, die Machtzentren zerschlagen und die Seilschaften bekämpfen? Und wie viel weiß er von den Geheimnissen, die sich hinter den gewaltigen Geldströmen im Vatikan verbergen?

Auf der Sitzung vom 3. Juli 2013 bekommen die anwesenden Kardinäle eine unmittelbare Antwort auf all ihre Fragen. Als sie das namentlich gekennzeichnete, streng vertrauliche Dossier öffnen, das man jedem von ihnen aushändigt, befindet sich unter den Papieren ein zweiseitiges Schreiben, das der Papst eine Woche zuvor, am 27. Juni, von den fünf internationalen Revisoren der Präfektur erhalten hatte. Das Dokument ist dem Papst außerhalb jeden Protokolls zugegangen. Wie sich noch zeigen wird, waren es vor allem zwei Kardinäle, die die Bedenken der Revisoren zur vatikanischen Finanzverwaltung ernst nahmen und dem Papst die Papiere zukommen ließen: der getreue Santos Abril y Castelló und der Chef der Präfektur, Giuseppe Versaldi. Das Schreiben ist für die anwesenden Kardinäle ein Schock. Es listet alle Notfallmaßnahmen auf, die sofort ergriffen werden müssen, um den Bankrott der vatikanischen Finanzen abzuwenden. (…)

Die beunruhigende wirtschaftliche Gesamtsituation war den Kardinälen im Detail nicht bekannt. Während der Kongregationen für das Konklave im März desselben Jahres hatte man ihnen Daten, Berichte und Zahlen vorgelegt, die jedoch fragmentarisch und zusammenhanglos geblieben waren. Und es waren gerade die für die einzelnen Dikasterien verantwortlichen Kardinäle gewesen, die beruhigende Nachrichten verbreiteten.

Zudem ist keiner der Kurienkardinäle an eine solche verpflichtende Informationsweitergabe gewöhnt. Was Papst Franziskus vor sich sieht, hat er daher vermutlich genau so erwartet. Und als guter Jesuit wird er die alarmierenden Daten der Revisoren dazu nutzen, um allen klar zu machen, dass von nun an nichts mehr so sein wird wie vorher.
Und dann ergreift der Heilige Vater das Wort. Ein Akt der Anklage, der sich 16 endlos lange Minuten hinzieht. Noch nie hat ein Papst auf einer Sitzung so harsche Worte geäußert. Und solche Worte müssen unbedingt geheim bleiben, weil sie zu schwer wiegen und weil alle, die diesen Saal betreten haben, absolutes Stillschweigen gelobt haben. Doch es sollte anders kommen. Jemand ahnte, auf welche Hindernisse der völlig neue Stil des Papstes stoßen würde – Sabotage, Manipulation, Diebstahl, Einbruch und Kriminalisierung der Reformanhänger – und schnitt die Vorwürfe des Papstes Wort für Wort mit.

Die Worte des Papstes

Im Saal herrscht absolute Stille. Das Aufnahmegerät schaltet sich ein, ohne dass jemand etwas bemerkt. Der Ton ist perfekt, die Stimme von Papst Franziskus unverkennbar. Der Papst spricht ruhig und sachlich, aber mit Nachdruck und Entschiedenheit. Sein Gesicht verrät Bestürzung und Missbilligung und dann wieder Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit. Er spricht als Bischof von Rom, auf Italienisch, ein wenig zögerlich zunächst, aber stets klar und deutlich. Zwischen den einzelnen Anklagepunkten macht er lange Pausen.

Die Pausen machen seine Worte noch dramatischer. Der Papst möchte, dass wirklich jeder der Kardinäle, selbst wenn er jahrelang alles stillschweigend hingenommen hat, nun begreift, dass der Moment gekommen ist, sich für eine Seite zu entscheiden.

"Wir müssen Licht in die Finanzen des Vatikans bringen und sie transparenter machen. Das, was ich jetzt sagen werde, soll eine Hilfe sein; ich möchte ein paar Dinge festhalten, die Euch sicher zum Nachdenken anregen werden.
Erster Punkt: Wir haben in den Generalkongregationen anlässlich des Konklaves übereinstimmend festgestellt, dass die Zahl der Be­schäftigten im Vatikan viel zu groß geworden ist. Dieser Umstand führt zu einer gewaltigen Geldverschwendung, die vermieden wer­den kann. Kardinal Calcagno sagte mir, dass die Personalkosten in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen sind. Da stimmt doch etwas nicht! Wir müssen dieses Problem in Angriff nehmen."

Der Papst weiß bereits, dass ein Großteil dieser Personaleinstellungen auf Günstlingswirtschaft beruht. Die Leute werden für neue Projekte mit zweifelhaftem Ausgang oder auf Vorschlag oder Empfehlung von jemandem eingestellt. Nicht zufällig gibt es im Kirchenstaat nicht ein Personalbüro, wie in allen privaten Unternehmen, die mehr als Zehntausende Beschäftigte haben, sondern sage und schreibe 14, entsprechend den Machtzentren des Heiligen Stuhls. Der Ton von Papst Franziskus wird zunehmend schärfer, als er auf die alarmierendsten Punkte hinweist:

"Zweiter Punkt: Das Problem der fehlenden Transparenz besteht nach wie vor. Bei manchen Kosten lässt sich nicht nachvollziehen, wie sie zustande gekommen sind. Das sieht man, wie mir meine Gesprächspartner (die Rechnungsprüfer, auf die diese Vorwürfe zurückgehen, und einige Kardinäle) sagen, in den Bilanzen. Zusammenhängend damit glaube ich, dass man bei unserer Aufgabe, Licht in die Ursachen der Ausgaben und in die Art der Zahlung zu bringen, noch einen Schritt weiter gehen muss. Es müssen da­her sowohl über die Voranschläge als auch für den letzten Schritt, die Zahlung, genaue Aufzeichnungen geführt werden. Diese Auf­zeichnungen müssen sehr diszipliniert geführt werden. Einer der Verantwortlichen meinte zu mir: 'Ja, aber dann bringen sie uns einfach die Rechnung und dann müssen wir sie bezahlen …' Nein, müssen wir nicht. Wenn eine Sache ohne Kostenvoranschlag und ohne Genehmigung durchgeführt wurde, dann wird nicht bezahlt. Aber wer soll das dann bezahlen? Wir nicht. Da muss man hart bleiben, angefangen bei den Aufzeichnungen. Auch wenn es für den armen Sachbearbeiter peinlich ist: Wir zahlen nicht! Der Herr möge uns verzeihen, aber wir zahlen nicht.

T­r­a­n­s­p­a­r­e­n­z. Das macht man in der einfachsten Firma so und das müssen wir auch machen. Die Aufzeichnungen für den Beginn einer Arbeit müssen auch die Aufzeichnungen für deren Bezahlung sein. Vor jeder Anschaffung und vor jeglichen Bauar­beiten müssen mindestens drei verschiedene Angebote eingeholt werden, um das günstigste auswählen zu können. Ich nenne ein Beispiel: die Bibliothek. Der Kostenvoranschlag lautete auf 100 und bezahlt haben wir schließlich 200. Was ist passiert? Ein biss­chen mehr? Na gut, aber stand das im Kostenvoranschlag oder nicht? Aber wir müssen das doch zahlen! Nein, das müssen wir nicht. Das sollen sie selbst zahlen. Wir zahlen jedenfalls nicht! Das ist wichtig für mich. Disziplin, bitte!"

Papst Franziskus beschreibt einen Zustand, der von völliger Sorglosigkeit in wirtschaftlichen Angelegenheiten geprägt ist. Ein unvorstellbares Szenario. Der Papst ist wütend. Siebenmal wiederholt er "Wir zahlen nicht". Zu lange schon wurden Millionen bedenkenlos und mit schier unglaublicher Leichtfertigkeit aus dem Fenster geworfen, zur Bezahlung von Arbeiten, für die es weder Kostenvoranschläge noch die erforderlichen Überprüfungen gab, jedoch bis zur Unglaubwürdigkeit aufgeblasene Rechnungen. Viele profitierten davon und steckten das Geld der Gläubigen ein, die Spenden, die eigentlich für die Bedürftigsten gedacht waren. Der Papst wendet sich damit an jene Kardinäle, die den Dikasterien vorstehen und die mit dem Geld der Kirche jahrelang zu sorglos umgegangen und ihren Aufsichtspflichten nicht nachgekommen sind. Es ist eine deutliche Anklage, hart, direkt und unverblümt und durchaus demütigend für die Purpurträger: Der Papst hebt Dinge hervor, die jeder Verwalter, auch der bescheidensten Unternehmen, kennt und bestens versteht.

Übersetzung: Christine Ammann