Mehr als zweieinhalb Jahre eisernes Schweigen enden vielleicht in dieser Woche im NSU-Prozess. Nicht nur Beobachter wollen endlich hören, was die Hauptangeklagte Beate Zschäpe zu sagen hat – beziehungsweise ihr Anwalt Mathias Grasel, der ihre schriftliche Einlassung verliest. Angehörige der NSU-Mordopfer wollen endlich wissen, warum die Terrorzelle ausgerechnet jemanden aus ihrer Familie für einen grausamen rechtsextremen Terrorakt ausgewählt hat.

Zschäpes Aussage könnte erlösende Antworten bringen. Sie könnte aber auch bislang unbekannte und möglicherweise enge Verbindungen der drei mutmaßlichen NSU-Mörder in die rechtsextreme Szene Deutschlands enthüllen. Oder sie wird eine große Enttäuschung – wenn Zschäpe versucht, mit juristisch geschliffenen Sätzen so viel Schuld wie möglich an sich abperlen zu lassen. Schon beteuert Zschäpes Anwalt, die von ihm verlesene Aussage werde "sich mit allen angeklagten Punkten beschäftigen und wir werden da auf jeden einzelnen Punkt eingehen". Denn wenn Zschäpe einen Strafrabatt für sich erreichen will, so muss sie zur Aufklärung der mutmaßlichen NSU-Morde beitragen. Das wiederum wäre zum wesentlichen Teil geschafft, wenn Zschäpe Antworten auf diese fünf Fragen liefert.

1. Wie haben Sie vom Tod Ihrer Komplizen erfahren?

Kurz vor 12 Uhr am 4. November 2011 erschossen sich Zschäpes Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem misslungenen Banküberfall in einem Wohnmobil. Eine Polizeistreife hatte die beiden im Eisenacher Stadtteil Stregda gestellt. Gut drei Stunden später zündete Zschäpe die Wohnung des Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße an und begann eine mehrtägige Flucht quer durch Deutschland.

Wie sie vom Tod der Männer erfuhr, ist eines der größten Rätsel des NSU-Komplexes. Ermittlungen des BKA schlossen aus, dass Zschäpe in den Nachrichten vom Vorfall in Eisenach gehört hatte. Auch online hatte sie ausweislich der Daten auf ihrem Computer nicht nach Neuigkeiten gesucht. Hatten unbekannte Verbindungsmänner ihr die Nachricht zukommen lassen?

Nachgewiesen ist, dass sich das Handy eines alten Bekannten, des Jenaer Neonazis André K., am selben Tag zweimal in die Funkzelle in Eisenach einbuchte, die auch den Bereich des Wohnmobils abdeckte. K. erklärte gegenüber den Ermittlern jedoch, er sei dort vorbeigefahren, um mit seinem Vater ein Auto zu kaufen. Auf Zschäpes Handy fanden sich keine Spuren.

Mit ihrem mutmaßlichen Fluchthelfer, dem Mitangeklagten André E., telefonierte sie erst nach der Brandstiftung. Für Verwunderung sorgt im NSU-Komplex seit Langem auch schon eine Szene, die sich ebenfalls nach der Brandstiftung zutrug, also zu einem Zeitpunkt, als Zschäpe mutmaßlich schon über den Tod ihrer Kameraden informiert war. Eine knappe Stunde nachdem sie das Haus in Brand gesteckt hatte, wurde Zschäpe von einer Nummer des sächsischen Innenministeriums angerufen. Sie hob nicht ab. Von zwei verschiedenen Handys aus dem Fundus des Ministeriums folgten am selben Tag bis kurz nach 21 Uhr noch zehn weitere Anrufe. Warum jemand aus dem Staatsapparat versuchte, die doch seit Jahren versteckt lebende Frau zu erreichen, ist bisher eines der großen Rätsel des Prozesses.

2. Waren Sie in die Morde und Anschläge eingeweiht?

Essenziell für die Anklage ist die Frage nach Zschäpes Wissen um die Taten ihrer Komplizen Mundlos und Böhnhardt. Die Anklage lautet auf zehnfache Mittäterschaft beim Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Für beides muss Zschäpe sich allerdings über die Mordserie im Klaren gewesen sein – andernfalls hätte sie Delikte nicht dulden und somit unterstützen können.

Kann ihr die Mitwisserschaft nicht nachgewiesen werden, so werden ihre Verteidiger versuchen, Zschäpe als mehr oder weniger harmlose und ahnungslose Mitbewohnerin darzustellen, die mit zwei heimlichen Mördern im Untergrund unter einem Dach gelebt hat. Gegen diese These spricht allerdings, dass Zschäpe etwa ein Zeitungsarchiv über die Taten verwaltete und DVDs mit dem Bekennervideo des NSU verschickte – auf beiden befanden sich Fingerabdrücke der Angeklagten.

3. Wie kam der NSU an Schusswaffen?

Insgesamt vier Pistolen nutzten Mundlos und Böhnhardt bei den zehn Morden der NSU-Serie – bei den neun Morden an Migranten war darunter immer die tschechische Česká 83. Das Arsenal der Gruppe war jedoch viel größer: Insgesamt 20 Schusswaffen stellten die Ermittler im Wohnmobil der Männer und in der Zwickauer Wohnung sicher, zudem 1.600 Schuss Munition.

Die Česká ist die einzige Waffe, deren Schmuggelroute zum Trio weitgehend sicher rekonstruiert werden konnte; beteiligt waren demnach die Mitangeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S. Wer aber besorgte die anderen 19 Stück? Möglicherweise beteiligt waren Mitglieder der mittlerweile verbotenen Organisation Blood & Honour, wie abgefangene Kommunikation rechter Kameraden nahelegt. Ob die lose Truppe jedoch in der Lage war, so viele Waffen zu besorgen, ist zweifelhaft. Hilfreich waren womöglich Unterstützer, die im Zeugenstand jede Beteiligung von sich wiesen – oder bislang völlig unbekannte Helfer.