Mit einigem Recht kann man behaupten, dass die Wiege der Kirche in der Türkei steht. Christus wurde in Bethlehem geboren und starb in Jerusalem. Doch tatsächlich spielt sich etwa die Hälfte der Apostelgeschichte im westlichen Kleinasien ab. Die sieben Gemeinden der Apokalypse; die frühen Konzilien, die das Credo des christlichen Glaubens formulierten: Nizäa, Konstantinopel, Ephesos, Chalcedon – allesamt in der heutigen Türkei. Kirchenväter wie Basilius oder Johannes Chrysostomus wirkten hier. Und allen voran: Petrus und Paulus.

Die rund 200.000 Bewohner von Antakya, dem antiken Antiochia nahe der syrischen Grenze, nennen den Ort am Fluss Orontes stolz die "wichtigste Stadt des Christentums". Denn Antiochia war das erste Zentrum der frühen Christen – nicht Jerusalem. Hier in dem mondänen (und vielleicht deshalb toleranten) römischen Urlaubs- und Vergnügungsort wirkte der Völkerapostel Paulus. Der antike Melting Pot war Treffpunkt der Angesagten und damit auch ein Handelsplatz moderner religiöser Ideen. Die Apostelgeschichte berichtet, dass die Anhänger Christi erstmals in Antiochia "Christen" genannt worden seien.

Dass es gerade im Nahen Osten eine verwirrende Vielfalt christlicher Kirchen und Denominationen gibt, liegt – wie später auch im Islam – an den streitvollen Findungsprozessen der eigenen Lehr- und Glaubenssätze in den ersten Jahrhunderten. Im Zuge der spätantiken ökumenischen Konzilien entstanden vier Kirchenfamilien mit je eigenen Liturgieformen: 1. die sogenannten Kirchen des Ostens; 2. die frühen orthodoxen Kirchen der Syrer, Kopten, Äthiopier und Armenier; 3. die spätere, griechische und georgische Orthodoxie; 4. und zuletzt die (west-)römische mit den diversen später wieder mit Rom unierten katholischen Ostkirchen.

Auch der Irak zählt zu den ältesten Siedlungsgebieten des Christentums. Im früheren Mesopotamien (Zweistromland) stellten Christen vor der Expansion des Islam im 7. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit. Danach nahm der Anteil immer weiter ab – auf heute nur noch zwei bis drei Prozent. Ihre Zahl ist seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 nicht mehr zu bestimmen.

Die größte christliche Konfession sind die mit Rom verbundenen Kirchen, also die katholischen Chaldäer als mit Abstand wichtigste christliche Denomination mit früher rund 200.000 Mitgliedern. Daneben gibt es Katholiken des armenischen, lateinischen, byzantinischen und syrischen Ritus, Altorientalen (Assyrer, Armenier, Syrisch-Orthodoxe), orthodoxe Christen sowie Protestanten.

Vor 100 Jahren lebten in Syrien noch 30 Prozent Christen

Auch Syrien war früher mehrheitlich christlich. Heute gehört eine klare Bevölkerungsmehrheit von geschätzt 75 Prozent dem sunnitischen Islam an; es regiert jedoch eine alawitische Minderheit. Als maximal zehn Prozent der Bevölkerung werden Christen unterschiedlichster Konfessionen geführt, wahrscheinlicher sind es aber fünf bis sechs Prozent. Vor 100 Jahren sollen es noch 30 Prozent gewesen sein. Einige syrische Christen sprechen Syrisch-Aramäisch, also eine ähnliche Sprache wie einst Jesus.

Die größte christliche Denomination mit mehr als 50 Prozent sind die Syrisch-Orthodoxen (Jakobiten) unter dem Patriarchat von Antiochien; die zweitgrößte sind die Griechisch-Orthodoxen. Zudem gibt es katholische Melkiten, die Assyrische "Kirche des Ostens" (Nestorianer), Armenier und die mit Rom verbundene syrisch-katholische Kirche. Die Melkiten gehören zu den Kirchen des Ostens, sind jedoch mit Rom uniert. Ihre Mitglieder sehen sich als Nachkommen der ersten christlichen Gemeinden aus Jerusalem und Galiläa. Ihre Gottesdienste feiern sie überwiegend in arabischer Sprache.