Zum Beispiel Burhanettin Yildiz. Er ist Kurde, floh mit 13 Jahren allein aus der Türkei nach Deutschland, ist Geschäftsmann in Hamburg.

Zum Beispiel Deniz Çağlayan. Geboren und aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg, türkischer Pass, arbeitet in einem Burgerladen.

Yildiz und Çağlayan waren die Fremden. Ein minderjähriger Flüchtling und ein Gastarbeiterkind, mit Namen, die den Deutschen kompliziert erscheinen, mit einer fremden Religion. Doch nun sind neue Fremde da, viele: Menschen, die noch kein Deutsch sprechen, die teils aus Gegenden stammen, die weit entfernt von Deutschland liegen und auch weit entfernt von dem, was Yildiz und Çağlayan kennen.

Für die Beziehung zwischen Deutschen mit Migrationshintergrund und denen ohne könnte die Ankunft der Flüchtlinge eine Chance sein: Werden sie einander vor diesem Kontrast vertrauter?

Yildiz fühlt sich eigentlich angekommen. Der 32-Jährige ist mit einer Deutschen verheiratet, als Großhändler für SIM-Karten und Auslandseinheiten liefert er nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch nach Brasilien und in die USA, er hat fünf Angestellte. "Ich habe sechs, sieben Jahre Unterstützung vom Staat bekommen", sagt Yildiz, "jetzt gebe ich durch meine Steuern ein Vielfaches davon zurück." Aber ihm begegnen auch Menschen wie der alte Mann in der U-Bahn, die zu ihm sagen: "Sie sprechen aber gut Deutsch." Sie merken gar nicht, dass Yildiz angekommen ist.

Jetzt integrieren sie andere

In diesen Tagen ist Yildiz eine Brücke geworden zwischen alteingesessenen Deutschen und Flüchtlingen. Er spendet SIM-Karten für die Flüchtlinge in einem benachbarten Erstaufnahmelager. "Ich will meinen Teil tun", sagt er. Ein großer Telefonanbieter hat ihn in seine Zentrale eingeladen. Die Firma wollte von ihm, dem Migranten, wissen, wie sie sich am besten für Flüchtlinge engagieren kann.

Unter den freiwilligen Helfern, die die Flüchtlinge überall im Land versorgen, seien überproportional viele mit Migrationshintergrund, sagt die Integrationsforscherin und stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, Naika Foroutan. "Sie sind inzwischen Teil der Gesellschaft, die sich hier auskennt, und helfen den Neuangekommen", sagt Foroutan. Es ist ein Rollenwandel: Früher sollten sie integriert werden. Jetzt integrieren sie andere.

Foroutan nennt das Aufrückereffekt: Kommt eine neue Gruppe dazu, wachsen die zuvor Angekommenen näher an die Mehrheitsgesellschaft heran und die Neuen nehmen ihren bisherigen Platz ein – den der Außenseiter, die am stärksten um Anerkennung kämpfen müssen.

Noch etwas ist Foroutan aufgefallen: In Fernsehberichten werden auch die Helfer, die offensichtlich einen Migrationshintergrund hatten, oft nur mit Namen und Funktion genannt – schenkt Tee aus, verteilt Kleider –, ohne Zusätze wie: stammt aus der Türkei; hat selbst arabische Wurzeln. Sie wurden nicht mehr als Migranten definiert.

Kurdisch sprechen gilt plötzlich als Skill

Es geraten also zwei Dinge in Bewegung: Wie die Migranten ihre Stellung in der Gesellschaft wahrnehmen. Und mehr noch, wie die Mehrheitsgesellschaft auf sie blickt. Yildiz wird jetzt von den anderen Deutschen als so integriert wahrgenommen, wie er sich schon lange fühlt.

Für andere bringt die Flüchtlingskrise einen sozialen Aufstieg: Kurdisch, Türkisch, Arabisch oder Farsi zu sprechen, sei bislang keine angesehene Fähigkeit gewesen, sagt die Wissenschaftlerin Foroutan, es wurde vielmehr mit einem niedrigen sozialen Status verbunden. Doch nun werden zweisprachige Menschen gebraucht, um zu übersetzen: "Eine Sprache, die als Mangelware gilt, zu beherrschen, ist jetzt eine große Kompetenz. Das verändert die Position dieser Menschen in unserer Gesellschaft." Plötzlich arbeiten sie gleichberechtigt mit Alteingesessenen zusammen, die sogar auf sie angewiesen sind.

Für Foroutan ist umgekehrt auch denkbar, dass gut gebildete Flüchtlinge die Stereotype über Muslime in Deutschland verändern. "Früher haben wir einen türkisch oder arabisch aussehenden Mann oder eine Frau mit Kopftuch in die untere Schicht einsortiert. Mittlerweile können muslimische Einwanderer auch mit Prestige verbunden werden, das ist neu", sagt sie. Auch andere Klischees über Muslime werden zumindest auf die Probe gestellt: Zwar sei auch das bedrohliche Bild des jungen, aggressiven Mannes wieder aktuell geworden, sagt Foroutan. Aber daneben existieren, quasi als Gegenthese, auch Bilder von Familienvätern, die ihr Kleinkind schützend auf dem Arm halten. Oder von Männern, die weinen.