Wir haben in einem Aufruf freiwillige Flüchtlingshelfer gebeten, uns ihre Erfahrungen zu schildern. Daraufhin sind mehr fast 3.500 Zuschriften gekommen. Morgen zeigen wir eine Auswertung. Vorab porträtieren wir heute sieben Helfer, die sich gegen das teilweise Versagen der Behörden und des Staates stemmen.

Die Managerin vom Lageso

Schon wieder klingelt ihr Handy. Victoria Baxter drückt den Anrufer weg und steckt das Telefon zurück in ihre Manteltasche. Sie steht vor der Krankenstation des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin und versucht der Mutter eines fünf Tage alten Babys zu erklären, wann sie beim Arzt und wann bei der Registrierungsstelle sein soll. "Komm so früh wie möglich", sagt sie auf Englisch. "Ich bin dann auch wieder hier." Vicky, wie sie von allen genannt wird, verbringt seit dem 18. August fast jeden Tag auf dem Lageso-Gelände.

Hierhin müssen Berliner Flüchtlinge zur Erstregistrierung und um Sozialleistungen zu bekommen. Hunderte warten täglich im Freien, manchmal wochenlang. Die katastrophalen Zustände haben es mittlerweile in die internationale Presse geschafft, Lageso steht für deutsches Versagen und die Schattenseite der Willkommenskultur.

Vicky versucht, das Chaos zu verkleinern. Die kleine, energiegeladene Frau verteilt Tee und Bananen, organisiert Termine mit Ämtern oder Ärzten, sucht Schlafplätze, hört sich Sorgen an, weist Helfer ein. Um 16 Uhr muss sie nach Hause zu ihrem Sohn. Verschnaufpause. Danach kommt sie oft zur Nachtschicht wieder.

Zeit, ihr eigenes Leben zu organisieren, bleibt kaum. Momentan lebt sie von Hartz IV, den Gründerzuschuss für eine eigene Sprachschule hat sie sausen lassen, als im Sommer die Lage am Lageso eskalierte. Jetzt hat das Jobcenter ihren Hartz-IV-Satz gekürzt, weil sie zwei Termine nicht wahrgenommen hat. Auch das Jugendamt hat sich angekündigt, sie vernachlässige ihren Sohn.

Manchmal ist selbst ihr alles zu viel: Kaum Unterstützung von den Behörden, wenig Anerkennung von den Flüchtlingen, Zoff unter den Helfern und kein Ende in Sicht. An solchen Tagen schließt sie sich zu Hause ein und geht nicht mehr ans Telefon.

"Aber ich kann nicht anders, das hier ist meine Berufung", sagt sie. Vicky Baxter ist ständig im Stress, aber sie lacht trotzdem viel. Wer mit ihr Schritt halten kann, bekommt eine Ahnung davon, was ihr diese Arbeit bedeutet. Sie engagiere sich schon immer, sagt sie. "Integration ist meine Lebensaufgabe."

"Ich weiß, was es heißt für Integration zu kämpfen"

Baxter ist vor 37 Jahren in Ghana geboren, kurz vor ihrem achten Geburtstag kam sie mit ihrem Vater nach Deutschland. Zwanzig Jahre lebte sie in Hamburg, wuchs im als Ghetto verschrienen Stadtteil Steilshoop auf. "Ich weiß, was es heißt, für Integration zu kämpfen", sagt sie. Seit zehn Jahren lebt Baxter in Berlin, hat eine 18-jährige Tochter und einen zehnjährigen Sohn.

Zum Mittagessen bestellt sie Bratkartoffeln mit Speck. Deftige deutsche Küche, das mag sie. Nach ein paar Minuten kommt ein Makler dazu, ein alter Bekannter, er hat eine Immobilie für eine mögliche Notunterkunft gefunden. Wenn die Senatsverwaltung zustimmt, organisiert Baxter bald eine neue Unterkunft für Flüchtlinge. Denn Schlafplätze sind immer noch knapp.

Baxter ist eine Netzwerkerin, eine Pragmatikerin und Multitaskerin. Immer wieder klingelt ihr Telefon, während sie mit dem Makler über das Gebäude spricht. Die Zeit ist knapp, schon sind die beiden unterwegs zur Besichtigung. Der Teller mit den Bratkartoffeln ist noch halbvoll.

Von August bis November war Baxter im Freiwilligenteam der Bürgerinitiative Moabit hilft. Auf deren Website lacht sie bei der Übergabe eines gespendeten Autos in die Kamera. "Mit großer Freude nahm Wicky den Schlüssel des neuen Flitzers entgegen", steht unter dem Beitrag vom 9. November. Ihr Vorname ist falsch geschrieben und auch ihr Verhältnis zu Moabit hilft ist nicht mehr von Freude geprägt.

"Alle gegen alle – dabei können wir es nur gemeinsam schaffen"

Baxter ist zurück von der Besichtigung und wuselt wieder auf dem Lageso-Gelände herum. Überall sitzen, stehen und gehen Flüchtlinge, viele wirken ziellos. "Hier auf dem Gelände wird zu viel Politik gemacht", sagt Baxter. Sie meint: Zu viele Interessen treffen aufeinander, jeder Beteiligte sieht den anderen als Gegner und beharrt auf seinen Positionen. Wie in einem Parteiensystem, in dem Rechte schon aus Prinzip gegen Linke sind, die Opposition generell gegen die Regierung – auch wenn sie für das Gleiche kämpfen. Auf dem Lageso sind das: Senatsverwaltung, Sicherheitsdienst, soziale Träger, Freiwillige. Alle sind überlastet und jeder gibt die Schuld den anderen. "Alle gegen alle", sagt Baxter. Und mittendrin schwimme Moabit hilft, das sich gerade mit allen auf dem Gelände zerstreite. "Dabei können wir es nur gemeinsam schaffen."

Baxter und andere Freiwillige distanzieren sich deshalb von Moabit hilft und haben einen neuen Verein gegründet. Er heißt die Basis, denn als solche betrachten sie sich. Die Satzung ist geschrieben und liegt schon beim Amtsgericht. Am Sonntag soll das erste öffentliche Treffen stattfinden.

Simone Gaul