Wenn man Karl-Heinz anruft, fast ein Jahr nach seinem ersten Besuch bei Pegida und ihn fragt, ob ob man ihn mal besuchen könne, sagt er: "Na, wenn Sie mich finden, können Sie das gerne versuchen." Er meint das nicht böse, er wohnt nur wirklich Jenseits von allem. Ein altes Bahnwärterhäuschen hat er sich umgebaut in den vergangenen Jahren, es liegt hinter Feldern an einer kleinen Schlucht, und der Weg dorthin ist im Winter so zugeschneit, dass Karl-Heinz mit den Bauern immer darüber streitet, ob er sich Bäumchen als Wegweiser an den Rand pflanzen darf, damit er überhaupt nach Hause findet oder raus, je nachdem. 

Immer wieder montags hat Karl-Heinz in diesem Jahr zu Pegida gefunden. "So alle drei Wochen war ich da", schätzt er, das macht dann mindestens 15 Besuche. Erstmals fuhr er am Abend des 1. Dezember 2014 nach Dresden. Damals war er einer von geschätzt 7.000, es war Pegidas siebter Auftritt und die Zeit ihres stärksten Wachstums. Karl-Heinz war keiner der ganz frühen, der Pioniere. Er war einer derjenigen, der Pegida über die Schwelle zum bundesweit beachteten Phänomen geholfen hat. Damals wollte er sich Pegida nur mal anschauen und seinen Nachnamen nicht in der Presse lesen. Heute, ein Jahr später, ist er Stammgast in Dresden und sich seiner Sache auch längst so sicher, dass er seinen Nachnamen nennt. "Rackel. Wie der Dackel nur mit R."

Er empfängt vorne an der Straße, wo auch der Briefkasten steht, damit der Postbote nicht bis zu ihm fahren muss. Er hat lange auf Montage gearbeitet und später Getränkeabfüllautomaten in ganz Europa aufgebaut, repariert und transportiert. Jetzt ist er 69 Jahre alt. Die grauen Haare trägt er kurz, über dem weißen Hemd einen schwarzen Wollpullover, dazu Jeans und zu Hause Hausschuhe. In der Wohnzimerschrankwand ein Bild seiner vor zwei Jahren verstorbenen zweiten Frau. Daneben die Bücher Gendergaga, Heinz Buschkowskys Neukölln ist überall und zwei Mal Thilo Sarrazin. Rackel stellt Mohnkuchen und Filterkaffee auf den Tisch. Dann zieht er die Bilanz seines Pegida-Jahres.

Selbst ein Flüchtling?

"Es hat ja doch einen gewissen Erfolg, die ganze Geschichte", urteilt er. "Es gibt ein Recht auf Asyl, aber es gibt kein Recht auf besseres Leben. Das wird jetzt klar formuliert, das hätte man vor einem Jahr noch gar nicht sagen können. Da hätte man gleich wieder 'ne Klatsche gekriegt."

Rackel ist 1987 selbst geflohen, aus Sachsen in den Westen, weil er es in seinem Land, der DDR, nicht mehr aushielt. Sein Sohn hat ihm deshalb gesagt, er sei doch selbst Wirtschaftsflüchtling. Aber für Rackel ist das gar nicht zu vergleichen. Denn erstens sei er ja Deutscher und kein Muslim, und zweitens ging es ihm ja nicht um Geld damals. Anders als den Flüchtlingen heute, "die kommen ja vor allem aus wirtschaftlichen Gründen". Woher er das weiß? "Ich habe da mal einige Artikel ausgeschnitten", sagt Rackel, der seit über 25 Jahren den Spiegel abonniert hat. 

Er legt jetzt einen kleinen Schnippsel aus der Lokalzeitung auf den Fliesentisch. Im Text, erschienen im Sommer, wird ein Asylbewerber aus dem Kosovo zitiert, der jetzt in einem sächsischen Dorf lebt und schätzt, dass 90 Prozent seiner Landsleute aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kämen. Dieser Kosovare ist also Rackels Quelle und wenn man erwidert, dass selbst, wenn man dieser Einschätzung glaubt, in den vergangenen Monaten kaum noch Menschen vom Westbalkan kommen, sondern überwiegend Syrer, Afghanen und Iraker, dann beugt Rackel sich vor und sagt: "Na die könnten ja auch bei sich im Land bleiben, wenn sie wirklich nur Sicherheit wollen!" Er habe letztens gehört, in Damskus, der syrischen Hauptstadt, sei alles wie immer, "da geht der Alltag ganz normal weiter". Von den Bomben auf die Vororte der Stadt und den Giftgasangriffen hat er nichts gehört.

Fremde müssen sich eben schnell anpassen

Als Rackel dann schon 40 Minuten geschildert hat, warum er die Flüchtlingspolitik falsch findet, sagt er plötzlich: "Aber ich wüsste auch kein Rezept, wie man die Sache ändern soll." Zaun um Deutschland? "Dann müsste das ja Österreich ausbaden." Das Geld könnte man ihnen streichen, "denn das zieht natürlich, dann würden viele sagen, das lohnt sich nicht mehr". Aber das ginge ja nicht wegen der Gesetze, "in Deutschland geht es ja immer nach den Gesetzen", sagt Rackel und man kann ahnen, dass ihn in diesem Fall die Gesetze stören, weil sie eine Ordnung, wie er sie sich wünscht, verhindern.

In dieser Ordnung kommen auch Fremde vor, das schon. Seine Mutter kam aus Siebenbürgen, und damals, als die Eltern zusammenfanden, haben die Deutschen hier gespottet: "Der Rackel-Fritz, der hat eine aus Rumänien! Hat der denn hier keine gefunden?" Der Sohn kann das heute noch erzählen und will damit sagen: Die Fremden wurden immer schief angeguckt. Sie müssen sich eben schnell anpassen. "Meine Mutter war bald eine sehr, sehr beliebte Frau im Ort."

Hauptsache kein Nazi

Wenn Rackel aus seinem Einsiedler-Häuschen Richtung Stadt fährt, kommt er an einer Unterführung vorbei. Im Sommer, erzählt er, habe da jemand ein Hakenkreuz hingemalt und ein SS-Zeichen. Da sei er direkt umgedreht und habe Lösungsmittel geholt von zu Hause, habe versucht, die Schmierereien wegzukriegen. "Meine Hände waren ganz schwarz davon, ganz dreckig." Und dann sagte er leise triumphierend: "Da können Sie schon sehen, dass ich mit solchen Sachen wirklich nichts zu tun habe." 

Damit ist für Rackel die Beweisführung eigentlich abgeschlossen. Weil er gegen Hitler ist, kann er kein Nazi sein. Und weil er kein Nazi ist, sind seine Meinungen schon in Ordnung. Die Anklage, die der Großteil des Landes gegen Pegida und also auch gegen ihn erhebt: abgeschmettert. 

Rackels Bruder, der damals mit ihm in den Westen geflohen ist, lebt noch in Regensburg und demonstriert nicht mit bei Pegida. Manchmal telefonieren die beiden, dann sagt der Bruder im Westen, so berichtet es Rackel: Klar, können wir die Flüchtlinge nicht alle aufnehmen, aber deshalb gleich auf die Straße gehen? Nein, ist doch im Großen und Ganzen alles in Ordnung.

Sensibler im Osten

Rackel erklärt sich diese Ost-West-Spaltung, auch in seiner Familie, so: Die im Westen haben sich schon gewöhnt an die Fremden in den vergangenen Jahren ("Das ging ja langsam."), sie machen sich grundsätzlich weniger Sorgen um die Ordnung im System ("Wir im Osten sind da sensibler."), und außerdem sind sie, mal abgesehen von Bayern, nicht so heimatverbunden. 

Rackel sagt oft Sätze wie: "Noch ist es ja ruhig." Oder: "Ich kann Ihnen prophezeien, es wird noch schlimmer." Drängt man ihn zu sehr, Belege für seine Sorgen zu liefern, sagt er: "Das sind halt nur meine Befürchtungen." Oder: "Ich kann das ja nicht beweisen."

Als Arbeiter, als "einfacher Mensch", sei das nun mal so. "Wir wissen die Dinge vielleicht nicht besser, wir kennen uns nicht so aus. Aber wir haben halt unsere Meinungen."

Rackel hat gerade ein neues Projekt. Er baut sich auf sein Häuschen ein kleines Holztürmchen. Kaum zwei Meter breit ist es und drei Meter hoch, der Hausherr will jetzt noch Stufen zum Hochklettern einbauen und dann ganz oben eine Fensterscheibe. Der Blick geht dann über die Felder und die Hügel, die er seit Jahrzehnten kennt, zu jedem weiß er eine Geschichte. Rackel freut sich schon auf seinen Heimat-Hochsitz. Er sagt: "Von da aus werde ich mir die Welt dann anschauen."