In den Sammelunterkünften hätten sexuelle Minderheiten es schwer, sagt auch Díaz vom Rubicon. Beim Bundeskriminalamt gibt es zu homophob motivierten Straftaten in Flüchtlingsheimen bislang keine Statistik. "Wir erfahren momentan aber immer öfter von solchen Übergriffen in Flüchtlingsheimen. Da zieht auch schon mal jemand ein Messer", sagt die Sozialarbeiterin: "Viele outen sich deshalb gar nicht." Doch gesonderte Heime für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, wie es sie etwa in Berlin geben soll, hält Díaz trotzdem für falsch, auch wenn viele Hilfesuchende sich das wünschten. "Das kommt einer Ghettoisierung gleich." Besser sei es, die Sammelunterkünfte nach und nach abzuschaffen, auf Einzelunterbringungen zu setzen und für mehr Aufklärung zu sorgen.

"Ich habe mich gezwungen, auf die Beschimpfungen nicht zu reagieren", sagt Shilan. Ihr kam es vor, als habe sie nirgendwo eine Perspektive, als sei die Flucht nie zu Ende. Sie war kurz davor, nach Algerien zurückzugehen, da wurde ihr zusammen mit einer anderen Frau eine Wohnung zugeteilt. Shilan findet bei baraka Freunde. Sie besucht inzwischen einen Deutschkurs, sie spielt Fußball in einem Kölner Verein.

Djamila ist jedoch noch in Algerien, sie hat die Wut von Shilans Familie zum Glück nicht erreicht. Vielleicht haben sie nie herausgefunden, mit wem Shilan zusammen war. Sie zeigt auf ihrem Smartphone ein Foto von der Frau, die sie liebt. Sie hält es vorsichtig in der Hand, als könnte es allein durch ihren Händedruck zerbrechen. Aber Djamila soll nicht in einem Flüchtlingsheim leben müssen. "Ich will mich um sie kümmern und für sie sorgen können – das kann ich erst, wenn ich Asyl und eine Arbeit habe."

Traumatisierte Flüchtlinge verschweigen manchmal ihre Homosexualität

Doch ob Shilan bleiben darf, ist ungewiss. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ist prinzipiell der Auffassung, "dass Personen, die wegen ihrer Homosexualität Angriffen, unmenschlicher Behandlung oder massiver Diskriminierung ausgesetzt sind und deren Regierungen sie nicht schützen können oder wollen, als Flüchtlinge anerkannt werden sollten". Das Bundesamt erklärt dazu, dass zunächst geprüft werde, wie schwer die Verfolgung von Homosexuellen im Heimatland sei und dann, inwiefern der Antragsteller davon selbst betroffen sei. "Die Gefahr muss mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und zielgerichtet wegen der sexuellen Ausrichtung drohen", heißt es beim Bamf. Die Flüchtlinge müssen "glaubhaft" machen, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Nur: Wie soll das gehen?

"Das ist ein Riesenproblem", sagt Markus Ulrich, der Sprecher des Schwulen- und Lesben-Verbandes (LSVD). Das Bamf erwarte einen "schlüssigen Sachvortrag" und eine "lückenlose Schilderung". Manche traumatisierte Flüchtlinge verschwiegen jedoch im ersten Gespräch ihre sexuelle Orientierung. Schließlich sollen sie jetzt Instanzen vertrauen, die in ihrem eigenen Land zu den Verfolgern gehörten. Sie fürchteten sich auch manchmal vor den Übersetzern, die die Informationen an die Botschaft oder an die Familie weitergeben könnten, sagt Ulrich. Kann Shilan einem Behördenmitarbeiter glaubhaft machen, dass von ihrer Familie, die sie immer noch liebt, eine große Gefahr ausgeht? Dass es in Algerien für sie keinen Schutz gibt? Und dass sie auch in Spanien und Frankreich verfolgt wird?

Alexandra hat Asyl in Deutschland bekommen. © Rebecca Erken

Bei baraka trifft Shilan auf die Russin Alexandra*, deren Geschichte ihr Hoffnung macht. Die Transfrau Alexandra ist vor zwölf Jahren aus Russland geflüchtet. "Im Jahr 2003 gab es im Ausland kaum Informationen darüber, wie sexuelle Minderheiten in Russland behandelt werden. Durch die sozialen Netzwerke ist das heute anders", sagt Alexandra, deren lange dunkelblonde Haare über ein rosafarbenes Top fallen.

Sie erzählt, wie sie in Moskau immer wieder verprügelt wurde, weil sie als Alexander "zu weiblich" wirkte. Schon lange wusste Alexander da, dass er lieber Alexandra sein möchte. Als sie angegriffen wurde, habe sie von der Polizei nie Hilfe bekommen, sagt die 36-jährige Verkäuferin. Im Gegenteil: "Die Täter haben sie laufen lassen und mich mehrere Stunden festgehalten". Irgendwann standen Männer mit Messern vor ihrer Tür.

Vergewaltigung im Flüchtlingsheim

Ihre Flucht zog sich über mehrere Jahre hin. Sie führte über Finnland, Dänemark, Schweden, die Niederlande und Belgien irgendwann nach Deutschland. Doch auch in der deutschen Sammelunterkunft war sie nicht sicher. Alexandra erzählt reglos von einer Vergewaltigung in einem Flüchtlingsheim im Norden von Deutschland, als ob sie nichts mit ihr zu tun hätte. Sie erzählt von einem unter Drogen stehenden syrischen Täter, der nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wurde und nach vier Monaten wieder freikam. Sie erzählt von ihrem Selbstmordversuch, als hätte sie ihn nicht überlebt.

Doch dann sagt sie: "Ich habe schließlich den blauen Flüchtlingspass bekommen. Das war der schönste Tag in meinem Leben." Auch auf dem Papier ist sie inzwischen zu Alexandra geworden. Alexander ist in Russland geblieben.

Shilan hofft darauf, dass auch ihr ein Neuanfang gewährt wird. Doch erst einmal muss sie zurück ins Krankenhaus. Ihr Knie wird wohl gut verheilen – was mit ihren anderen Wunden geschieht, ist ungewiss.

* Namen von der Redaktion geändert