Über wen sprechen wir überhaupt? Das ist ein zentrales Thema der Kriminologie. Sind minderjährige männliche Einwandererkinder ohne Ausbildung in Paris vergleichbar mit weiblichen schwarzen Jugendlichen mit High-School-Abschluss in Chicago? Wenn nein – warum nicht? Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen? Was muss getan, was unterlassen werden? Wie viel Mitgefühl darf man haben, wie viel Wut?

Die entscheidende Frage jeder Wissenschaft, daher auch der Sozialwissenschaft, daher auch der Kriminologie, ist die der "Differenzierung", also der Unterscheidung und Relativierung. Es gibt Erscheinungen des Lebens und Erfahrungen des Alltags; es gibt Erklärungen, Theorien, Korrelationen. Hinter jeder Wegkreuzung der Erkenntnis können Denkfehler, Kurzschlüsse und Fehlerquellen liegen.

Beispiel Ausländerkriminalität: Selbst wenn wir eine bestimmte Ethnie als "Ausländer" definiert haben, stellen sich viele Fragen: Wie sind Altersstruktur, Geschlechtsstruktur, Sozialstruktur dieser Ethnie im Vergleich zur Mehrheit? Wie hoch sind die Verzerrungen der Wahrnehmung dadurch, dass "Fremde" – überall und immer – einer wesentlich höheren Aufmerksamkeit und sozialen Kontrolle unterliegen als "Einheimische"? Welche Ungleichzeitigkeiten, Verwirrungen, Überspitzungen werden von ethnischen Minderheiten in die Aufnahmeländer integriert, ohne dass eine "Kultur" dafür verantwortlich gemacht werden kann? Was ist importiert, was ist vorgefunden? 

Aus 50 Jahren Forschung in Deutschland meinen wir, ein paar Erkenntnisse zu haben, die tragfähig sind. Dazu gehört, dass die Desintegration und Kriminalitätsbelastung der zweiten oder dritten Einwanderergeneration deutlich höher ist als die der ersten, die in besonderem Maße auf Anpassung und Integration ausgerichtet ist und dafür sogar dramatische soziale Deklassierungen in Kauf nimmt: Ein kurdischer Ingenieur geht zu Ford ans Band; eine tunesische Lehrerin wird Änderungsschneiderin, ein afghanischer Medizinstudent räumt bei Lidl Regale ein. Diese Menschen tun und ertragen das, weil es ihren Kindern "einmal besser gehen soll".

Die Einwanderer machen dabei – das darf keinesfalls vergessen werden – viele Fehler: Sie fürchten sich; sie halten starr an den Traditionen ihrer Heimat fest; sie flüchten sich in Gewohnheiten aus der alten Kultur; sie reden nur mit sich selbst, und in ihrer Muttersprache. Das alles ist falsch und manchmal auch dumm, aber überaus menschlich und verständlich. Die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts haben sich in den USA oder in Australien kein bisschen anders verhalten: Stille Nacht, Osterhase, erzgebirgische Schnitzerei, Sepplhut, Karl Moik. Noch heute hüpfen bezopfte deutsche Mädels in vierter Generation in Namibia herum, und ihre Großeltern machen ihnen weis, so sei Deutschland. 

Und dann noch etwas, notorisch unterschätzt: Nehmen wir einmal an, liebe Leser, in Deutschland wird alles immer schlechter, wie es uns gewisse "besorgte" Kreise weismachen wollen. Der Rhein wird wieder giftiger, die Straßen unsicherer, der Mann impotenter, die Währung volatiler. Was tun Sie dann? Wann ist die Grenze erreicht, an der Sie ihren Rimowa-Koffer packen und nach Tansania aufbrechen, im Gepäck ein paar Gramm Gold, ein Abitur aus Herzogenaurach und eine Schlagbohrmaschine von Bosch?

Das dauert verdammt lange. Selbst wenn fast gar nichts mehr zu leben und zu fressen da ist, kriecht der besorgte Bürger erfahrungsgemäß noch vor den Palästen der Reichen herum, hält die Hand auf und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, auf dem Viehmarkt von Casablanca oder der Müllkippe von Neu-Delhi oder dem Hafen von Shanghai sein Auskommen zu suchen. Umgekehrt: Was sind das wohl für Menschen, die aus Casablanca und Neu-Delhi und Shanghai hierher kommen?

Es sind eben nicht die Dümmsten, nicht die Feigsten, nicht die Hilflosesten. Es sind Menschen, die genau das tun, wovon der deutsche Reihenhaus-Besitzer träumt, wenn er ein paar Bruce-Willis-Filme gesehen und ein paar Jobs verloren hat: das Schicksal selbst in die Hand nehmen. So haben wir, verehrte "Abendländer gegen Islamisierung", ganz Amerika erobert und die Nordwest-Passage entdeckt und die Tuberkulose besiegt.