Sprechen über Köln

Gab es nach den Massensexangriffen von Köln ein Medienversagen? Jeder, der die Diskrepanz sah zwischen den vielen Meldungen, die über Facebook und Twitter liefen, und dem gleichzeitigen Schweigen in Nachrichtensendungen und Onlineportalen, konnte kaum zu einem anderen Schluss kommen. Mittlerweile gibt es eine, wohlgemerkt nur eine, mögliche technische Erklärung für die merkwürdige Verzögerung zwischen Ereignis und Berichterstattung: Der Polizeibericht von Köln vom Neujahrsmorgen erwähnte den Horror nicht, der sich in der Nacht zuvor rund um den Hauptbahnhof abgespielt hatte. Kölns Polizeipräsident nannte dies mittlerweile unumwunden einen "Fehler", ohne freilich auf dessen Ursachen einzugehen.

Genau aber diese Ursachen gilt es zu erforschen, und zwar nicht nur in der Pressestelle der Kölner Polizei, sondern auch in vielen Redaktionen. Auf den Punkt gebracht geht es um die Frage: Wo genau verläuft die Grenze zwischen verantwortlich-zurückhaltender Berichterstattung und ängstlichem Verschweigen?

Ja, es gibt hier eine Unsicherheit. Allerdings gibt es für diese Unsicherheit genauso schlechte wie gute Gründe.
Zu den guten Gründen zählt, dass Behörden wie Journalisten, anders als rein private Twitterer, eine besondere Verantwortung haben: Es ist ihre Pflicht zu recherchieren, bevor sie publizieren. Diese Pflicht besteht auch fort, wenn das, was geschieht, vermeintlich "offenkundig" ist.

Sicher, es gibt Ereignisse, die sich für jedermann offenkundig vollziehen. Terroranschläge, die von zig Kameras gefilmt werden, zum Beispiel. Was in Köln passiert ist, war nicht auf diese unmittelbare Weise offenkundig. Das Geschehen fügte sich vielmehr erst allmählich zu einem Bild, und zwar vor allem durch die Meldungen in sozialen Netzwerken.

Während sich diese Konkretisierung vollzog, wuchs zugleich die Wut auf die "Mainstream"-Medien. Diese Wut ist zwar verständlich, aber Tatsache ist: Es brauchte schlicht eine gewisse Zeit der Informationsansammlung, nicht zuletzt auf Grundlage wütender Postings, um sich ein einigermaßen verlässliches Bild zu machen. Private Twitter-Berichterstatter können es sich gönnen, zu dokumentieren zugleich emotionsgetriebene Richter des Geschehens zu sein. Journalisten dürfen das nicht. Dabei sei verraten: Auch als Journalist ist es bisweilen schwer, seine Wut im Zaum zu halten. Das müssen wir zunächst einmal aber. Ein hartes Urteil lässt sich später immer noch fällen.

Die Gefahr der Selbstzensur

Damit zum schlechten Grund für die Unsicherheit darüber, wann zu reden und wann zu schweigen ist. Genauso wie der Versuchung, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, müssen Journalisten der Gefahr widerstehen, ihr Denken, insbesondere die Suchrichtung ihrer Recherche, zu zensieren. Diese innere Zensurgefahr entspringt in Fällen wie in Köln natürlich der Angst, als Rassist oder Flüchtlingsfeind verunglimpft zu werden, sobald man die Suchrichtung einschlägt, ob die Herkunft der Täter etwas mit der Art der Tat zu tun gehabt haben könnte.

Geradezu beispielhaft passiert ist das der Journalistin Birgit Kelle. Sie hatte in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass die Täter laut zahlreicher Zeugenaussagen arabisch beziehungsweise nordafrikanisch aussahen und dafür plädiert, Gewalttäter gleich zu behandeln, ohne Ansehen von Nationalität, Hautfarbe oder Sprache. Ein alles anderer als radikaler Standpunkt, sollte man meinen. Meinen aber längst nicht alle. Die Journalistin Teresa Bücker schoss Kelle auf Twitter an, es sei widerlich, "Menschen, denen sexualisierte Gewalt widerfährt, für Ihren Rassismus zu instrumentalisieren" und erntete dafür 163 Favs.

Offenbar genau weil das so schnell geht, weil das Wort Rassismus in Deutschland so zuverlässig fällt wie der Sturzregen aus der Gewitterwolke, fragte das ZDF am Abend des 4. Januar vorsichtshalber über den Twitteraccount @heuteplus: "Was denkt ihr: Wie sollte @heuteplus über die Angriffe in der Silvesternacht in Köln berichten?" Über diese Frage regten sich eine Menge User auf. Zu Recht, denn sie legt einen Mangel an innerer Unabhängigkeit nahe, wie man ihm vielleicht einem weisungsgebunden Beamtenstadl nachsehen könnte, nicht aber einer Nachrichtenredaktion.

Das entschuldigt gar nichts

Zum Journalistensein gehört mittlerweile ein inneres Ölzeug, eine weiche Schutzhaut gegen die Beleidigungen und die Scheiße, die massig fliegen, egal, was man sagt. So wenig das für die Streitkultur in diesem Land spricht – es ist schlicht der Preis geworden für das Privileg, seine Meinung an exponierte Stelle zu sagen.

Ach so, meine Meinung zu Köln: Die Scheu vor vorschnellen Schlüssen darf selbstverständlich nicht die Bereitschaft trüben, naheliegende Möglichkeiten zu ergründen. Vielleicht hat das, was geschehen ist, tatsächlich etwas mit der Tabuisierung von Sex und mit Männlichkeitsvorstellungen in der muslimischen Kultur zu tun – und mit dem Kulturschock, der auftreten kann, wenn man mit einer solchen Prägung in einer sexuell vergleichsweise lässigen Gesellschaft wie in Deutschland lebt. Wer nie flirten gelernt hat, neigt womöglich zum Rabiatentum.

Achtung jetzt, liebe Appeasement-Verdächtiger: Das entschuldigt gar nichts. Es bedeutet nur, dass solchen Jungs gründlich der Kopf gewaschen gehört.

Und Achtung, liebe Rassismus-Verdächtiger: Es gibt einen Unterschied zwischen kulturbedingten Gruppeneigenschaften und der biologistischen Abwertung von Menschen. Über das eine darf man reden, über das andere nicht.