"Europa, dieses große Versprechen"

Dieses asoziale Europa dieser Tage, was Albert Einstein dazu wohl sagen würde? Vermutlich würde der Physiker nur mit dem Kopf schütteln angesichts der leidenden Flüchtlinge vor den Grenzen der EU; angesichts der Uneinigkeit unter den Nationen Europas; angesichts des ungarisch-österreichischen Protektionismus und des britischen Narzissmus. Einstein war überzeugter Europäer. Als Unterstützer der Paneuropa-Union trat er vor knapp Hundert Jahren für die Vision eines politisch, wirtschaftlich und militärisch vereinten Europas ein. Zumindest ein Teil davon ist mittlerweile Realität.

Das Paneuropa-Magazin aus dem Jahr 1925 © Steffen Dobbert

"Ja, unbedingt", antwortete Einstein 1925 auf die Frage, ob die Schaffung der Vereinten Staaten Europas notwendig sei. Ob so ein vereintes Europa tatsächlich irgendwann existieren würde, beantwortete der Nobelpreisträger mit: "Materiell sicher. Psychologisch?" Da hatte er wohl seine Zweifel. Einstein und viele weitere Persönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts – Felix Mendelssohn Bartholdy, Thomas und Heinrich Mann – beantworteten die Fragen in der Zeitschrift Paneuropa, um "einen Überblick zu geben, wie weit sich der Paneuropa-Gedanke in den führenden Köpfen und Kreisen Europas durchgesetzt hat", heißt es dort.

Und heute? Was denken Europäer, die ohne Weltkriegserfahrung aufwuchsen, die den Gründungsgedanken der EU also nicht miterlebt haben? Wollen sie ein noch stärker vereintes Europa? Oder hat diese Generation schon genug von dieser EU? Das Projekt Generation Europe ist dem nachgegangen und hat jungen Europäern heute die gleichen Fragen wie Albert Einstein und Co. gestellt. Wir veröffentlichen ausgewählte Antworten.  


"Ich fühlte mich mehr als Europäerin, denn als Tschechin"

Alena Hrachová, 27, Akademikerin, Herkunft: Tschechien © Juliane Henn


Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für notwendig?
Das war und ist ein Muss, um auf unserem Kontinent weiterhin für Frieden zu sorgen. Die Europäer sollten gerade heute diese Grundidee der europäischen Integration nicht vergessen. Nur ein vereintes Europa kann sich Bedrohungen von innen und außen erfolgreich entgegenstellen.

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für möglich?
Seit der ersten Idee einer EU verläuft der Weg ja genau in diese Richtung, immer mehr nationale Elemente wurden integriert. Momentan halte ich es jedoch nicht für möglich, dass dieser Prozess in einem einzigen europäischen Staat endet. Viele Länder sind dazu noch nicht bereit. Vielleicht wird Europa eines Tages dazu gezwungen, um mit anderen großen Ländern der Erde noch mithalten zu können. Selbst wenn das passiert: Ich bin überzeugt, ein vereintes Europa wird seinen Charme durch seine Vielfalt behalten.

Und wer bist Du, wo fühlst Du Dich zu Hause?
Ich bin Alena. Geboren wurde ich in Tschechien, aber meine europäische Identität war mir immer genauso wichtig wie meine tschechische – manchmal sogar wichtiger. Besonders während meiner Zeit außerhalb Europas fühlte ich mich mehr als Europäerin denn als Bürgerin Tschechiens. Es gab Zeiten, da habe ich meine nationale Identität sogar komplett vergessen. Wo ich mich zu Hause fühle? In den vergangenen Jahren habe ich in drei Ländern gelebt und mich immer da zu Hause gefühlt, wo ich glücklich war, weil mein Partner mit mir zusammen war und ich etwas verwirklicht habe.

Was bedeutet Europa für Dich und was sollte es einmal sein?
Europa bedeutet Heimat für mich, und das sollte auch so bleiben. Daneben steht Europa auch für die vielen Möglichkeiten und Optionen, die es seinen Bürgern ermöglicht. Ich bin stolz, davon profitieren zu können – so wie Millionen andere Europäer auch. Umziehen in ein anderes Land, Arbeiten, Studieren und Leben innerhalb der EU war niemals leichter als heute – großartig. Europa ist eine stabile demokratische Region, die ihren Frieden durch Aussöhnung und Ausgleich erreicht hat. Wenn das so bleibt, möchte ich mein Leben in diesem Europa verbringen.

"Ein EU-Super-Staat würde die Länder überfordern"


"Ein EU-Super-Staat würde die Länder überfordern"

Henry King, 24, Student, Herkunft: England © Privat

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für notwendig?
Nein. Europa funktioniert als ein supranationales Gefüge, das ist die beste Form, um die sehr verschiedenen Kulturen zusammenzubringen. Indem Europa grundsätzliche Standards etabliert, statt den Ländern alles zu diktieren, gibt es seinen Mitgliedsstaaten einen sehr passenden Rahmen, in dem diese wachsen und sich besser um ihre Bürger kümmern können.

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für möglich?
Nein. Die Sprachen, Kulturen, Währungen und historischen Hintergründe in den einzelnen Mitgliedsstaaten sind einfach zu verschieden. Diesen Super-Staat zu kreieren würde von 28 Ländern erfordern, ihre Geschichte und Souveränität abzulegen und sich einem System anzupassen, das sich immer wieder als ineffizient erwiesen hat. Die Menschen sind von der Politik desillusioniert, besonders auf der europäischen Ebene. Die Wahlbeteiligung zeigt, dass die Menschen gegenüber europäischer Politik indifferent sind, oder ihre Abneigung zum Ausdruck bringen wollen. Ein vereintes Europa würde dieses Problem nur noch verstärken.

Und wer bist Du, wo fühlst Du Dich zu Hause?
Ich habe während meines Studiums ein Jahr in Frankreich verbracht, im Rahmen des Erasmus-Projekts. Sich überhaupt zu Hause zu fühlen, ist für mich ein interessantes Gedankenspiel, da ich in vier verschiedenen Ländern gelebt habe. In Großbritannien fühle ich mich am heimischsten, aber ich fühle mich auch als ein Teil von Europa. Großbritannien ist ein multikultureller Schmelztiegel. Darauf kann man stolz sein.

Was bedeutet Europa für Dich, und was sollte es einmal sein?
Europa bewahrt die Multikulturalität und Akzeptanz, die in Großbritannien so vorherrschend sind. Es repräsentiert für mich eine Fülle von Möglichkeiten zum Studieren, Arbeiten und Reisen. Ich konnte ein Jahr lang als Praktikant in Frankreich arbeiten, ohne ein Arbeitsvisum beantragen zu müssen. Europa sollte weiterhin einen Rahmen für Integration zwischen Ländern schaffen und erhalten, die sich fundamental unterscheiden.

"Europa, dieses große Versprechen"


"Europa, dieses große Versprechen"

Elisa Simantke, 29, Journalistin, Herkunft: Deutschland © Kitty Kleist-Heinrich/Tagesspiegel

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für notwendig?
Vor einigen Jahren noch hätte ich sicher Ja geantwortet. Damals hätte mehr Zentralisierung für mich mehr Gleichheit und einen Abbau der Binnengrenzen bedeutet, eine echte europäische Identität. Doch heute, nachdem ich bereits seit einigen Jahren über die Eurokrise und die Entwicklung der Union berichte, sehe ich das anders. Es ist so wichtig wie nie zuvor, gleiche Regeln und Grundsätze für alle Mitgliedstaaten zu schaffen und dabei auch mehr Rechte innerhalb der EU-Institutionen in der Gesetzgebung an das EU-Parlament zu übertragen – dem einzigen direkt gewählten Organ. Aber ich denke nicht, dass eine Form der "Vereinigten Staaten Europas" als Über-Staat hilfreich wäre, all die Kompromisse zu finden, die der Vielfalt der 28 Mitgliedstaaten angemessen sind. Die Eurokrise hat gezeigt, dass ein extrem autoritäres Vorgehen und das Aufzwingen einer bestimmten wirtschaftlichen Idee in dem betroffenen Volk und seiner Regierung den Glauben an die Vorteile der Union nachhaltig zerstören kann. Ein solch autoritärer Ansatz – der bei fast jeder Forderung nach mehr Zentralisierung mitschwingt – kann nicht das Ziel einer echten paneuropäischen Idee sein.

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für möglich?
Momentan sicher nicht. Die neue nationalistische Welle in den EU-Mitgliedstaaten würde nur von jedem weiteren Versuch profitieren, mehr Verantwortung und Rechte an Brüssel zu transferieren. Die in ganz Europa verbreitete Anti-Brüssel-Stimmung zu ignorieren, kann nicht die Lösung sein, es braucht eine offene Diskussion darüber, in welchen Feldern eine engere Zusammenarbeit sinnvoll und notwendig ist – und wie die Errungenschaften der Vergangenheit – wie zum Beispiel Schengen und die Abschaffung der Grenzkontrollen an Binnengrenzen – vor dem Populismus gerettet und bewahrt werden können.

Und wer bist Du, wo fühlst Du Dich zu Hause?
Ich bin Journalistin und schreibe über EU-Politik und –Wirtschaft für den Tagesspiegel. Ich lebe seit einigen Jahren in Berlin und fühle mich hier sehr zu Hause. Aufgewachsen bin ich in einer südwestdeutschen Kleinstadt. Das Freiheitsgefühl in Berlin habe ich vom ersten Tag an genossen.

Was bedeutet Europa für Dich und was sollte es einmal sein?
Europa steht für mich bis heute für ein großes Versprechen. Ein gewaltiges Friedensprojekt, das diesem Kontinent seine bisher längste Periode an freundschaftlichem, nachbarschaftlichem Umgang beschert hat. Aber ich sehe diese Idee gefährdet durch wachsenden Nationalismus in den Mitgliedstaaten und durch eine in Brüssel vorherrschende rein ökonomische Sichtweise auf viele europäische Probleme. Es spricht zwar jeder über ein Demokratiedefizit in der Entscheidungsfindung auf EU-Ebene, aber bisher sehe ich kein ernsthaftes Bemühen, diesen Zustand zu ändern. Eines Tages könnte es dafür zu spät sein.

"Europa ist das Anliegen jeder Generation"


"Europa ist das Anliegen jeder Generation"

Ljudmyla, 30, Studentin, Herkunft: Ukraine © Pavlo Slobodnychenko

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für notwendig?
Europa gibt es doch schon, und wenn es schon existiert, dann ist es auch vereinigt. Meinungsunterschiede darüber müssen ausdiskutiert werden. So ist Europa, es spricht nicht nur von der Demokratie, es lebt sie.

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für möglich?
Viele Europäer sprechen zu oft über die negativen Seiten Europas, ohne sich Gedanken zu machen, was es bedeutet, alleine zu sein und zu wissen, dass niemand zu dir stehen wird, wenn was Schlechtes passiert. Europa ist ein Bündnis von Staaten, die einander kennen, zueinander stehen und eine gemeinsame Verantwortung tragen sollten. Aber um diesen konstanten Zusammenhalt zu schaffen, braucht man Verständnis füreinander, das nur durch Austausch, Förderung von gemeinsamen Projekten und einen gemeinsamen europäischen Informationsraum geschaffen werden kann. Was unsere Vorfahren erreicht haben, wird nicht automatisch aufrechterhalten. Europa ist die Aufgabe jeder neuen Generation, ein Prozess, der nie aufhören wird, der Rahmenbedingungen und Richtungsweiser braucht. Die Formel Europas ist einfach: Wenn unser Freund leidet, leiden wir. Wenn unser Freund angegriffen wird, helfen wir. Dies kann aber nur dann klappen, wenn wir unsere Nachbarn kennen.

Und wer bist Du, wo fühlst Du Dich zu Hause?
Ich studiere an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Dolmetschen und Interkulturelle Studien. Derzeit arbeite ich auch im Forschungsprojekt zum zivilgesellschaftlichen Engagement der ukrainischen Diaspora, das vom Institut für Europäische Politik in Berlin und dem Institut für öffentliche Angelegenheiten in Warschau durchgeführt wird. In meiner Freizeit schreibe ich ein deutschsprachiges Ukraine-Blog und beschäftige mich mit kulturellen Projekten, um die Ukraine in Deutschland präsenter zu machen und mehr Verständnis zu schaffen. Die Ukraine ist mein Heimatland und ich fühle mich dort zu Hause. Deutschland ist aber das Land, das mir sehr nah am Herzen liegt und dessen Zukunft mir nicht gleichgültig ist.

Was bedeutet Europa für Dich und was sollte es einmal sein?
Als ich in der Ukraine war, habe ich immer gedacht, dass ich Europäerin bin wie auch andere Ukrainer und dass die Grenze Europas dort verläuft, wo der Drang nach europäischen Werten wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit nicht mehr aktuell ist. Dann kam ich nach Deutschland und habe erfahren, dass die Ukraine hier nicht als europäischer Staat wahrgenommen wird, sondern mehr als Fremdkörper im Leib Europas. Europa, von dem ich immer träumte, hat sich nun auf Brüssel und dessen Beschlüsse reduziert. Statt mehr voneinander zu wissen und das kulturelle Verständnis füreinander zu fördern, spricht man über trockene Dokumente, die in Brüssel verabschiedet werden. Wenn das Interesse füreinander verschwindet und nur Brüssel im Mittelpunkt stehen wird, dann hat Europa keine Zukunft mehr, da Europa kein abstrakter Begriff ist. Europa sind wir.

"Ohne EU wäre Deutschland heute was anderes"

"Ohne EU wäre Deutschland heute was anderes"

Agon Kamberi, 26, Student, Herkunft: Mazedonien © Privat

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für notwendig?
Im Zuge der Globalisierung ist es sogar unabdingbar und aus geostrategischen Gründen wichtig. Ein vereintes Europa bringt viele Wettbewerbsvorteile und gleichzeitig bietet es Schutz für Mitgliedsstaaten mit kleineren Volkswirtschaften, die ansonsten unverhältnismäßiger Konkurrenz auf dem Weltmarkt gegenüberstehen würden. Damit ein harmonisches Zusammenleben in Harmonie wie in den letzten 70 Jahren besteht, brauchen wir ein vereintes Europa wie die Luft zum Atmen.

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für möglich?
Die Frage ist: In welcher Dimension? Ohne EU wäre Deutschland wahrscheinlich nie so schnell zu dem geworden, was es heute ist. In Krisenzeiten offenbart sich, inwieweit die Interessen der Mitgliedsstaaten auseinandergehen. Gewiss ist die aktuelle Flüchtlingskrise eine besondere Probe für Europa. Das vereinte Europa zu erhalten, ist das gegenwärtige Ziel. Ein Zustandekommen eines langfristig vereinten Europas halte ich für möglich, falls die wirtschaftlichen Zerreißkräfte innerhalb Europas beseitigt werden und die Interessen der Mitgliedsstaaten nicht in Konflikt stehen. Das ist nur durch Geduld möglich. Die Kunst besteht darin, die "Kinder" Europas beisammen zu halten und ihnen eine Perspektive in Aussicht zu stellen.

Und wer bist Du, wo fühlst Du Dich zu Hause?
Ich bin deutscher Staatsbürger, fühle mich der albanischen Ethnie zugehörig und habe eine Vorliebe für die ferne japanische Kultur. Als ich im Alter von 13 Jahren als Teenager, im Rahmen des Familiennachzugs, nach Deutschland kam, hatte ich zunächst etwas Heimweh. Zuvor war mein Vater als Gastarbeiter bereits in den Achtzigern nach Deutschland gekommen. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, besonders in den neunziger Jahren, als der Zerfall Jugoslawiens im vollen Gange war, dass viele Menschen gezwungen sind, aufgrund sich ändernder gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse ihre Heimat zu verlassen und anderswo eine neue Lebensgrundlage zu finden.

Was bedeutet Europa für Dich und was sollte es einmal sein? Europa sollte den Mitgliedsstaaten mehr Verantwortung übertragen. Es wäre angebracht, einige Regionen Europas stärker einzubeziehen und nicht auszugrenzen, etwa die Balkanstaaten, die sich als Kleinstaaten oft im Stich gelassen fühlen. Gleichzeitig sollte Europa Toleranz, Chancengleichheit, Gleichberechtigung und die Gerechtigkeit stärker fördern und aufrechterhalten. Europa zeichnet sich durch die verschiedenen Völker und Sprachen aus, die mehr oder weniger in eigenen Nationalstaaten leben.