Als der Unterricht vorbei ist, lächelt Ahmad immer noch. Zum Abschied sagt er: "Ich danke Ihnen." Claudia Berten lächelt zurück, obwohl ihr nicht danach ist. Sie ist frustriert, wie sie später zugibt: "Aber zumindest hat er eine andere Meinung kennengelernt."

Wenige Minuten zuvor in einem Zimmer in der Volkshochschule Berlin-Mitte: Berten steht vor einer Tafel, an den Tischen vor ihr sitzen Anna aus Serbien, Laura aus Spanien, Valeryia aus Weißrussland – und Ahmad. Der 31-Jährige ist Syrer, seit einem Jahr in Deutschland und als Flüchtling anerkannt. In ein paar Wochen kommt seine Verlobte nach Deutschland, sie wollen heiraten.

Claudia Berten ist hier die Lehrerin. Nur dass ihre Schüler keine Kinder mehr sind. Sie lernen hier auch nicht Biologie oder Mathe. Im Arbeitsheft werden Dinge gefragt wie: Was hat die deutschen Werte verändert, Schönheit oder Emanzipation?

Sie lernen Deutschland. Willkommen im Integrationskurs.

Alle im Kurs duzen sich, das ist einfacher, sagt Claudia Berten.

Claudia: In Deutschland sind alle gleich. Wenn deine Frau sagt: Ich bleibe gern zu Hause, ich putze gern für dich, dann ist das okay. Aber wenn sie sagt, sie möchte arbeiten …
Ahmad: Sie sagt das nicht.
Claudia: Doch, das ist der Unterschied.
Ahmad: Ja, du sagst das vielleicht. Aber unsere Frauen wollen das nicht.
Laura: Hast du sie gefragt?

Mehr als eine Million Flüchtlinge und Einwanderer sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Die, die Aussicht auf eine Zukunft im Land haben, sollen integriert werden. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen sich Politiker parteiübergreifend einig sind. Doch was bedeutet das, Integration?

Auf einen Kurs heruntergebrochen 600 Stunden Deutschunterricht plus 60 Stunden Orientierung: Der Integrationskurs sei "die wichtigste integrationspolitische Fördermaßnahme des Bundes", wie das Innenministerium auf seiner Website schreibt. Dessen Teilnehmer sollen das Wichtigste über Staat, Geschichte und Gesellschaftsordnung lernen. Für anerkannte Flüchtlinge wie Ahmad ist der Kurs Pflicht.

Die deutsche Vielfalt erklären

Ahmad ist für Claudia Berten der erste Schüler, der ein Syrer und gleichzeitig Flüchtling ist. Bis zur Anerkennung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dauert es aktuell Monate. Das heißt: Die Tausenden Flüchtlinge, die seit September hier in Deutschland eingetroffen sind, werden ihre Kurse erst beginnen.

Claudia Berten unterrichtet seit 20 Jahren Deutsch als Fremdsprache – genauso lange, wie sie in Berlin lebt. Damit integriert sie schon länger, als es Integrationskurse gibt. Die hat der Bund erst 2005 auf den Weg gebracht.

Claudia Berten ist 47 Jahre alt, sieht aber viel jünger aus ("Das macht die Arbeit"). Sie lächelt meistens, eigentlich immer, erklärt Dinge langsam und deutlich in typischer Lehrermanier, mögen muss man sie trotzdem. "Ich sehe mich nicht nur als Lehrperson", sagt sie. "Ich sehe mich als ein Beispiel von vielen." Heißt: ein Beispiel für eine Meinung, für einen von vielen Lebensstilen in Deutschland. So erzählt sie ihren Schülern, dass sie nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Sie will Schülern, die aus einem anderen kulturellen Hintergrund kommen, von Deutschland erzählen: "Man darf nicht vergessen, dass viele kaum Kontakte außerhalb der Schule haben."

Es ist der zehnte von zwölf Terminen Orientierungskurs. Claudia Berten hat bereits erklärt, dass die Würde des Menschen in Deutschland ein Grundrecht und was der Unterschied von der Landtags- zur Bundestagswahl ist. Eine Diskussion habe es darüber nie gegeben, erzählt sie. An diesem Tag sollen Ahmad und die anderen etwas über "Mensch und Gesellschaft", so heißt das Modul, lernen. Dazu gehört auch das Thema Gleichberechtigung.

Claudia Berten (v.l.) gemeinsam mit ihren Schülerinnen Valeryia und Laura. Ahmad möchte nicht fotografiert werden. © Valerie Schönian

Ahmad: Bei uns machen die Frauen die Hausarbeit.
Claudia: Aber du bist jetzt hier.
Ahmad: Ja, aber du hast gesagt, es gibt Regeln, an die man sich halten muss. Und dann gibt es Werte, zum Beispiel, wer die Hausarbeit macht. Und welche Werte ich lebe, ist meine eigene Entscheidung.

Claudia Berten verteilt Bildkarten an die Schüler: Da ist ein altes Ehepaar zu sehen, das schon Jahrzehnte verheiratet sein soll, oder ein Tisch, an dem Kinder, Erwachsene und Großeltern zusammensitzen: eine Großfamilie. Ahmad bekommt die Karte, auf der zwei Männer in Anzug zu sehen sind, mit Rosen und jubelnden Menschen hinter ihnen: zwei Schwule, die ihre Eingetragene Lebenspartnerschaft feiern.

Sie gibt ihm absichtlich die Karte. Um zu sehen, wie er reagiert. Ahmad antwortet, was darauf zu sehen ist: ein homosexuelles Ehepaar. Er diskutiert nicht. Claudia Berten will die Vor- und Nachteile wissen. Der Nachteil, sagt Ahmad: Den Kindern fehle Vater- oder Mutterfigur. Der Vorteil: Nicht alle Lebensformen in Deutschland seien gleich, das sei nicht so langweilig.

Das ist es, was Claudia Berten ursprünglich an dem Syrer begeistert hat. Dass er alles so angenommen hat. Zu dem Zeitpunkt hatten sie noch nicht darüber gesprochen, wie sich Ahmad sein eigenes Familienleben vorstellt.

"Da bin ich Diktator"

Als es um seine zukünftige Ehe geht, sagt Ahmad: "Da bin ich Diktator." Er lacht, die anderen lachen mit, sie denken, es ist ein Scherz.  

Ahmad: Ich habe nicht die Erfahrung mit der Hausarbeit.
Laura: Du kannst das lernen.
Ahmad: Ich muss aber arbeiten.
Claudia: Und wenn deine Frau arbeitet und du nicht?
Ahmad: Nein, meine Frau muss sich um die Kinder kümmern.
Laura: Du hältst es für keine gute Idee, wenn Frauen arbeiten?
Ahmad: Nein, meine Schwester arbeitet auch, aber nur vier Stunden am Tag. Der Mann muss 40 Stunden oder mehr arbeiten, da habe ich keine Zeit für was anderes.
Claudia: In Deutschland kann es passieren, dass du keinen Job findest und deine Frau schon. Was dann?
Ahmad: Du meinst, wenn ich keine Arbeit habe? Nein, nein. Ich finde Arbeit.

Gesetze kann man lernen, Werte aber gehören zur Einstellung. Sie werden verinnerlicht, sind Überzeugungen. Kann man die jemandem beibringen?

Als Ahmad erzählt, wie er sich seine Ehe vorstellt, verschränkt Laura ihre Arme, Valeryia schaut auf ihr Smartphone, Anna lacht ungläubig auf. Wenn sie widersprechen, hebt Ahmad abwehrend die Hände und sagt: "Das ist meine Meinung!" Es wäre leicht, naheliegend sogar, jetzt zu rufen: Das darfst du nicht sagen. Claudia Berten aber nickt wie zustimmend, lacht und sagt: "Ahmad, das ist doch kein Problem", auch wenn sie etwas anderes denkt. Ahmad nimmt die Hände runter.

"Unsere Frauen sind anders"

Claudia Berten sagt später, dass es ihr darum gehe, das Gegenüber nicht in die Defensive zu bringen.

Ahmad: Frauen können nicht in den Krieg.
Claudia: Wer sagt das?
Valeryia: Im Zweiten Weltkrieg haben auch viele Frauen gekämpft.
Ahmad: Frauen haben Angst.
Laura: Nicht alle.
Ahmad: Aber die meisten, 99 Prozent.
Valeryia: Woher weißt du das, bist du eine Frau?
Ahmad: Ich habe fünf Jahre im Krieg gelebt. Sie haben alle Angst.

Ahmad spricht manchmal in einem Ton, als ob jemand das Logischste der Welt nicht verstehen würde: "Die Deutschen denken, wir Syrer haben nicht verstanden. Aber wir verstehen: Hier ist nicht Syrien, darüber müssen wir auch nicht diskutieren. Wir halten uns an die Gesetze. Aber wie man in der Familie lebt, entscheidet jeder selbst. Und unsere Frauen sind auch anders."

Claudia: Und wenn deine Frau sagt: Du sollst auch putzen?
Ahmad: Nein, das sagt sie nicht. In unserer Kultur macht die Frau das und der Mann die schweren Sachen.
Claudia: Hier ist es doch ein bisschen anders.
Ahmad: Was ist anders?
Claudia: Hier kann auch die Frau die schweren Sachen machen. Hier in Deutschland hat deine Frau alle Rechte.
Ahmad: Ja, natürlich hat sie alle Rechte. Man muss die Arbeit aufteilen.
Claudia: Ja, die Arbeit muss aufgeteilt werden.
Ahmad: Genau. Der Mann geht arbeiten, die Frau arbeitet zu Hause.

Claudia Berten nickt, die Stunde geht weiter. Am Ende sagt sie: "Natürlich kann jeder seine Werte leben, aber man muss gucken: Bin ich tolerant anderen gegenüber, auch innerhalb meiner Partnerschaft? Und wenn jemand sagt, ich will das so nicht, muss man darauf achten." Sie schaut mehr zu Ahmad als zu den anderen: "Habt Ihr Fragen zum Thema Gleichberechtigung?"

Ahmad hat keine.

Es war Claudia Bertens letzter Kurs mit Ahmad, ab morgen übernimmt ihre Kollegin, dann schreiben ihre Schüler den Abschlusstest. Ihr Re­sü­mee nach dieser Stunde klingt erst mal resigniert: "Die Toleranz geht nur bis zur Wohnungstür."

Was bringt dann so ein Integrationskurs?

"Man muss sich von dem Wunsch verabschieden, dass die Leute nach dem Kurs geläutert und 100 Prozent auf unsere Werte geeicht sind", sagt Claudia Berten. Die große Herausforderung komme erst nach dem Kurs, und die komme auf alle zu: "Eine Haltung kann man nur im Zusammenleben mit anderen verändern."

Und die Frustration? Die, sagt Claudia Berten, Lehrerin für Deutschland, verschwinde schnell, wenn sie sich sagt: "Zumindest hat er eine andere Meinung kennengelernt." Ahmad hat gesehen, es gibt verschiedene Vorstellungen vom Leben und die darf jeder verfolgen, wie er oder sie will. Dass das dann eben auch für Ahmad gilt, das ist etwas, an das sich wohl selbst Claudia Berten gewöhnen muss.

Wichtig, sagt sie noch, sei, dass man im Guten auseinandergeht. Damit das Gespräch nie abbricht.

Und Ahmad hat zum Abschied Danke gesagt.