Als es um seine zukünftige Ehe geht, sagt Ahmad: "Da bin ich Diktator." Er lacht, die anderen lachen mit, sie denken, es ist ein Scherz.  

Ahmad: Ich habe nicht die Erfahrung mit der Hausarbeit.
Laura: Du kannst das lernen.
Ahmad: Ich muss aber arbeiten.
Claudia: Und wenn deine Frau arbeitet und du nicht?
Ahmad: Nein, meine Frau muss sich um die Kinder kümmern.
Laura: Du hältst es für keine gute Idee, wenn Frauen arbeiten?
Ahmad: Nein, meine Schwester arbeitet auch, aber nur vier Stunden am Tag. Der Mann muss 40 Stunden oder mehr arbeiten, da habe ich keine Zeit für was anderes.
Claudia: In Deutschland kann es passieren, dass du keinen Job findest und deine Frau schon. Was dann?
Ahmad: Du meinst, wenn ich keine Arbeit habe? Nein, nein. Ich finde Arbeit.

Gesetze kann man lernen, Werte aber gehören zur Einstellung. Sie werden verinnerlicht, sind Überzeugungen. Kann man die jemandem beibringen?

Als Ahmad erzählt, wie er sich seine Ehe vorstellt, verschränkt Laura ihre Arme, Valeryia schaut auf ihr Smartphone, Anna lacht ungläubig auf. Wenn sie widersprechen, hebt Ahmad abwehrend die Hände und sagt: "Das ist meine Meinung!" Es wäre leicht, naheliegend sogar, jetzt zu rufen: Das darfst du nicht sagen. Claudia Berten aber nickt wie zustimmend, lacht und sagt: "Ahmad, das ist doch kein Problem", auch wenn sie etwas anderes denkt. Ahmad nimmt die Hände runter.

"Unsere Frauen sind anders"

Claudia Berten sagt später, dass es ihr darum gehe, das Gegenüber nicht in die Defensive zu bringen.

Ahmad: Frauen können nicht in den Krieg.
Claudia: Wer sagt das?
Valeryia: Im Zweiten Weltkrieg haben auch viele Frauen gekämpft.
Ahmad: Frauen haben Angst.
Laura: Nicht alle.
Ahmad: Aber die meisten, 99 Prozent.
Valeryia: Woher weißt du das, bist du eine Frau?
Ahmad: Ich habe fünf Jahre im Krieg gelebt. Sie haben alle Angst.

Ahmad spricht manchmal in einem Ton, als ob jemand das Logischste der Welt nicht verstehen würde: "Die Deutschen denken, wir Syrer haben nicht verstanden. Aber wir verstehen: Hier ist nicht Syrien, darüber müssen wir auch nicht diskutieren. Wir halten uns an die Gesetze. Aber wie man in der Familie lebt, entscheidet jeder selbst. Und unsere Frauen sind auch anders."

Claudia: Und wenn deine Frau sagt: Du sollst auch putzen?
Ahmad: Nein, das sagt sie nicht. In unserer Kultur macht die Frau das und der Mann die schweren Sachen.
Claudia: Hier ist es doch ein bisschen anders.
Ahmad: Was ist anders?
Claudia: Hier kann auch die Frau die schweren Sachen machen. Hier in Deutschland hat deine Frau alle Rechte.
Ahmad: Ja, natürlich hat sie alle Rechte. Man muss die Arbeit aufteilen.
Claudia: Ja, die Arbeit muss aufgeteilt werden.
Ahmad: Genau. Der Mann geht arbeiten, die Frau arbeitet zu Hause.

Claudia Berten nickt, die Stunde geht weiter. Am Ende sagt sie: "Natürlich kann jeder seine Werte leben, aber man muss gucken: Bin ich tolerant anderen gegenüber, auch innerhalb meiner Partnerschaft? Und wenn jemand sagt, ich will das so nicht, muss man darauf achten." Sie schaut mehr zu Ahmad als zu den anderen: "Habt Ihr Fragen zum Thema Gleichberechtigung?"

Ahmad hat keine.

Es war Claudia Bertens letzter Kurs mit Ahmad, ab morgen übernimmt ihre Kollegin, dann schreiben ihre Schüler den Abschlusstest. Ihr Re­sü­mee nach dieser Stunde klingt erst mal resigniert: "Die Toleranz geht nur bis zur Wohnungstür."

Was bringt dann so ein Integrationskurs?

"Man muss sich von dem Wunsch verabschieden, dass die Leute nach dem Kurs geläutert und 100 Prozent auf unsere Werte geeicht sind", sagt Claudia Berten. Die große Herausforderung komme erst nach dem Kurs, und die komme auf alle zu: "Eine Haltung kann man nur im Zusammenleben mit anderen verändern."

Und die Frustration? Die, sagt Claudia Berten, Lehrerin für Deutschland, verschwinde schnell, wenn sie sich sagt: "Zumindest hat er eine andere Meinung kennengelernt." Ahmad hat gesehen, es gibt verschiedene Vorstellungen vom Leben und die darf jeder verfolgen, wie er oder sie will. Dass das dann eben auch für Ahmad gilt, das ist etwas, an das sich wohl selbst Claudia Berten gewöhnen muss.

Wichtig, sagt sie noch, sei, dass man im Guten auseinandergeht. Damit das Gespräch nie abbricht.

Und Ahmad hat zum Abschied Danke gesagt.