Der indische Rechtsanwalt Henri Tiphagne ist mit dem diesjährigen Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International ausgezeichnet worden. Der 59-Jährige setzt sich in seinem Heimatland seit Jahrzehnten für eine Gesellschaft ein, in der niemand wegen seiner Herkunft benachteiligt wird. Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çalışkan sagte, seine Arbeit gegen Folter und Diskriminierung könne weltweit ein Beispiel sein. Tiphagne hatte Mitte der 1990er Jahre eine Organisation namens People's Watch gegründet, die gegen das indische Kastensystem kämpft.

Auch Bundespräsident Joachim Gauck würdigte die Arbeit Tiphagnes und seiner Mitstreiter. "Möge Ihr gemeinsames Engagement viele Menschen an vielen Orten aufrütteln und inspirieren, wachsam zu sein und ihre Stimme zu erheben, wenn den Menschenrechten Gefahr droht", erklärte er. "Die Menschenrechte sind unser gemeinsames Gut, und ihre Verteidigung liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung."

Gauck würdigt Arbeit von Amnesty International

Zugleich würdigte Gauck die Arbeit von Amnesty International. Die Menschenrechtsorganisation leiste einen unverzichtbaren Beitrag zum Prinzip gemeinschaftlicher Teilhabe und Verpflichtungen. Das sei gerade in Zeiten, in denen die universelle Bedeutung der Menschenrechte vielerorts relativiert werde, unvergleichlich wichtig. "Eine Tradition der Folter, eine Kultur der Entrechtung und Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersgläubige, gegen Frauen, Homosexuelle oder Migranten ist mit den Menschenrechten nicht vereinbar. In keinem Land der Welt."

Tiphagnes Organisation dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und vertritt Betroffene vor Gericht. Ein von ihm gegründetes Institut organisiert außerdem Fortbildungen für Lehrer und betreut Schulprogramme zum Thema Menschenrechte.

Er nehme den Preis stellvertretend für "all die mutigen Männer und Frauen entgegen", die sich in Indien für die Menschenrechte einsetzten, sagte Tiphagne anlässlich der Ehrung. Zugleich beklagte er, der Raum für zivilgesellschaftliches Engagement werde immer kleiner. "Die Regierung nimmt uns die Luft zum Atmen."

Preis zum achten Mal verliehen

Nichtregierungsorganisationen müssen sich in Indien gesondert registrieren lassen, wenn sie Fördergelder aus dem Ausland beziehen. Zur Überprüfung der NGO kann die Registrierung 180 Tage ausgesetzt werden, was viele Organisationen an den Rand des Bankrotts bringt. Die Konten von People's Watch wurden zwischen 2012 und 2014 wiederholt eingefroren. Mitarbeiter ohne Lohn waren gezwungen, zu kündigen, Programme mussten eingestellt werden. Die Organisation klagte dagegen und bekam in einem Verfahren recht.

Mit dem Menschenrechtspreis zeichnet Amnesty Persönlichkeiten und Organisationen aus, die sich unter schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen. In diesem Jahr wurde er zum achten Mal verliehen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.