Sie haben sich direkt an den Zaun gesetzt, dort wo die Kameras sie am besten sehen können. "We want freedom" steht auf den Schildern, die sie hochhalten, "we want freedom" rufen sie im Chor und "not back to Turkey", dazu reißen sie ihre Arme hoch. Ungefähr hundert Männer protestieren an diesem Dienstagmittag am Haupteingang des Lagers Moria auf Lesbos gegen das, was dieses Lager für sie seit dem 20. März ist: ein Gefängnis. Sie dürfen nicht heraus und werden bewacht von griechischen Polizisten in schweren Uniformen und Helmen. 

Am Tag eins nach Beginn der sogenannten Rückführungen illegaler Migranten in die Türkei ist der Ausnahmezustand auf der griechischen Insel Lesbos schon wieder ein anderer. Heute legten keine Boote mit Flüchtlingen mehr ab in die Türkei. Dafür gibt es nun diese Proteste: Die Ungewissheit macht die Insassen des Camps wütend.

Jetzt kommt Kavita Kapur durch das Tor des Lagers. Die 30-Jährige ist eine der wenigen, die hinein dürfen und auch hinaus, und die auch erzählen kann und will über die Situation im Inneren. Die kalifornische Anwältin ist seit einem Monat auf Lesbos, "eigentlich wollte ich hier kochen für die Flüchtlinge", erzählt sie, aber dann war ihre Anwaltslizenz doch nützlicher. Und, dass sie fließend Urdu spricht, die Sprache der Pakistaner im Lager.

Gestern war Kapur bei ihnen. Sie kennt viele der Pakistaner bereits, weil diese bis zum 20. März nebenan im Camp Better days for Moria untergebracht waren, wo auch sie half. Nun waren sie alle aufgeregt. "Sind wir die nächsten, werden wir jetzt abgeschoben?" fragten sie Kapur. "Was passiert jetzt mit uns?" Und Kapur musste immer wieder sagen: "Ich weiß es nicht."

Es gibt so wenige, die etwas wissen. Die sagen können, ob wirklich alle im Lager die Chance haben, Asyl zu beantragen. Das ist der einzige Weg, sich vor den Abschiebungen in die Türkei zu schützen. Die gestern Abgeschobenen hatten laut Auskunft der griechischen Behörden genau das nicht getan: Asyl beantragt. 

Die Männer streckten Kapur Zettel entgegen, alle auf Griechisch, und fragten, ob das ihre Asylpapiere seien. Kapur versteht aber kein Griechisch. Viele wussten gar nicht, ob sie schon Asyl beantragt hatten. "Sie verstehen nicht, was passiert", sagt Kapur, "weil sie keine Informationen bekommen oder weil sie diese nicht verstehen". Vor allem jene, die in einem nochmals umzäunten Bereich innerhalb des Camps bleiben müssen, seien vertröstet worden, wenn sie den Polizisten im Lager baten, Asyl beantragen zu können. So haben sie es zumindest Kapur erzählt.

Heute nicht, morgen

Also versuchte Kapur, ihnen dabei zu helfen – und bekam es mit der kafkaesken Bürokratie im Camp zu tun. Die Polizisten schickten sie zum Einsatzleiter, der war aber nicht mehr da. Also ging sie in das Büro, in dem die Asylanträge bearbeitet werden sollen. Dort sagte ihr eine freundliche Frau, die Polizei sei dafür zuständig, die Asylantragsteller zu ihnen zu bringen. "Also, was soll ich tun?" fragte Kapur zurück. "Sie arbeiten doch alle für die griechische Regierung, und direkt da drüben sind diese Menschen die Asyl beantragen sollen. Gehen Sie doch einfach mit mir rüber zu denen!" Das könne sie nicht tun, sagte die Frau – und schickte sie zu einem anderen Polizisten, der rauchend im Schatten saß. "Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden die heute und morgen nicht abschieben", sagte der Kapur nur. Man werde eine Liste mit ihnen machen. Morgen.

Das reichte Kapur nicht. Also ging sie zurück zu den Pakistanern und erstellte selbst eine Liste all jener die Asyl beantragen wollten. Fast 40 insgesamt. Mit dieser kam sie am Tag darauf, am heutigen Dienstag, zurück ins Camp. In Begleitung eines Polizisten schaffte sie es wieder ins Asylbüro und wollte der Mitarbeiterin die Liste übergeben. Ging aber nicht. "Wir können das nicht annehmen, diese Namen müssen von der Polizei zu uns kommen." Da standen sie sich also gegenüber, die Freiwillige Helferin mit der fertigen Liste und die Regierungsangestellte, die die Liste nicht wollte. Kapur wusste nicht mehr weiter. 

Da kam zufällig ein Mitarbeiter des UNHCR vorbei. Beim Flüchtlingshilfswerk, die auch eine Vertretung im Camp haben, wurde sie die Liste endlich los. 

Das ist also der Stand an diesem Dienstagmittag. Kapur sitzt jetzt im Schatten vor dem Camp, erschöpft. Sie hofft, dass ihre Liste etwas gebracht hat. Hinter dem Zaun sitzen noch immer die demonstrierenden Pakistaner auf dem Boden und rufen nach Freiheit und Asyl.