Spontane Ideen und unkonventionelle Aktionen sind das Markenzeichen von Papst Franziskus. Auch bei seinem Kurzbesuch auf der griechischen Ägäisinsel Lesbos bleibt er sich treu: Franziskus hat angekündigt, zwölf syrische Flüchtlinge aus Lesbos nach Rom mitzunehmen, darunter sechs Kinder. Sie sollen nach Vatikanangaben vorerst im Kirchenstaat untergebracht werden.

Die Geflüchteten sollen bereits in Griechenland angekommen sein, bevor der EU-Flüchtlingspakt mit der Türkei in Kraft getreten ist. Deshalb werden die Schutzsuchenden nicht in die Türkei zurückgeführt. Kommentatoren werten die Geste als Zeichen der Unterstützung von Griechenland und als Kritik an einer Politik der Abgrenzung und geschlossenen Grenzen in Europa.

Der Papst bezeichnete seinen Kurzbesuch als eine "traurige Reise": "Wir erleben die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir werden so viele Menschen sehen, die leiden, die fliehen und nicht wissen wohin", sagte das geistliche Oberhaupt der katholischen Kirche. Seine Reise führe ihn "zu einem Friedhof, dem Meer", sagte der Papst, in Anspielung auf die vielen Flüchtlinge, die bei der Überfahrt vom türkischen Festland auf die griechischen Ägäisinseln ertrinken.

Einige Lagerbewohner brachen in Tränen aus

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hatte den Papst am Flughafen begrüßt. Tsipras sagte, der Besuch des Papstes sei historisch. Er biete Anlass zu betonen, dass es notwendig sei, für vor Krieg und Konflikten fliehende Menschen legale Fluchtwege zu öffnen. Zudem sei er stolz auf das griechische Volk, das Flüchtende trotz der eigenen finanziellen Not willkommen heiße. Umso mehr sei er das in Zeiten, in denen "einige unserer Partner sogar im Namen des christlichen Europas Mauern und Zäune errichten, um schutzlose Menschen davon abzuhalten, ein besseres Leben zu finden", sagte Tsipras.

Unmittelbar nach seiner Ankunft besuchte Franziskus das Aufnahmelager von Moria. Hilfsorganisationen kritisieren die Unterbringung der etwa 3.000 Flüchtlinge in dem sogenannten Hotspot als menschenunwürdig. Vor dem Papstbesuch seien Wände gestrichen, ein Abwassersystem installiert und Dutzende Migranten aus dem überfüllten Lager anderswo untergebracht worden, berichteten Mitarbeiter.

Der Papst begrüßte Dutzende Minderjährige, die meist auf eigene Faust die gefährliche Überfahrt aus der Türkei zu den griechischen Inseln gewagt hatten, wie der griechische Fernsehsender ERT berichtete. Im Lager warteten Hunderte Menschen. Viele trugen Plakate mit den Sprüchen "Wir wollen Freiheit" und "Du bist unsere Hoffnung". Einige Lagerbewohner brachen in Tränen aus. Unter ihnen waren Jesiden, Pakistaner und Kurden.

Danach ging es weiter in ein Zelt, wo der Papst mit Migrantenfamilien sprach. Auch der Patriarch der Orthodoxen Kirche von Konstantinopel Bartholomäos I. und der orthodoxe Erzbischof Hieronymus II. nahmen an den Treffen teil. Dort sagte Franziskus: "Wir hoffen, dass die Welt diese Situationen tragischer und wirklich verzweifelter Not beachtet und in einer Weise reagiert, die unserem gemeinsamen Menschsein würdig ist." Gemeinsam haben die Kirchenführer eine Deklaration unterschrieben, in der sie zur internationalen Solidarität mit Flüchtlingen aufrufen.

Franziskus ermutigte die Flüchtlinge und sagte, sie sollten die Hoffnung nicht sinken lassen. Er bedankte sich zudem bei den griechischen Bürgern für ihre Hilfsbereitschaft in der Flüchtlingskrise. "Ich bewundere das griechische Volk, das trotz seiner eigenen großen Schwierigkeiten seine Herzen und Türen offen gehalten hat", sagte er bei einem Treffen mit Inselbewohnern und der christlichen Gemeinde am Hafen der Inselhauptstadt Mytilini.

Dort wird er zum Abschluss der Reise gemeinsam mit Tausenden Menschen an die Flüchtenden erinnern, die die Überfahrt aus der Türkei nicht überlebt haben. Dort sind auch eine Schweigeminute und ein Gebet geplant.

Jeder dritte Geflüchtete ist ein Kind

Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge waren vergangenes Jahr über Lesbos nach Griechenland eingereist. Seit Beginn des Jahres trafen nach UN-Angaben bereits knapp 90.000 Menschen auf der Ägäisinsel ein, davon ein Drittel Kinder. Laut dem Flüchtlingspakt mit der Türkei werden seit dem 20. März aber sämtliche Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschickt, deren Asylantrag in Griechenland nicht angenommen wurde. Im Gegenzug für die Rücknahme der Flüchtlinge haben die EU-Länder zugesagt, für jeden zurückgeschickten Syrer bis zu einer Obergrenze von 72.000 Menschen auf legalem Wege einen anderen syrischen Flüchtling aus der Türkei aufzunehmen.

Der Papst hat sich schon mehrfach aktiv in die Weltpolitik eingemischt. Erst vor einigen Wochen kritisierte er beispielsweise den amerikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Der hatte gefordert, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Papst Franziskus wertete dies so: "Dieser Mann ist kein Christ." Zudem hatte der Papst vor seiner Reise nach Lesbos Trumps Rivalen, den Demokraten Bernie Sanders, in Rom persönlich getroffen. Sanders berichtete von seinem Treffen, er habe Franziskus für sein Eintreten für Gerechtigkeit und Moral in der Weltwirtschaft gedankt.

Rom - Drei syrische Familien finden Zuflucht im Vatikan Nach Papst Franziskus' Besuch auf der griechischen Insel Lesbos befinden sich nun drei syrische Familien auf seine Einladung in der Obhut des Vatikan. Sie sind froh, in Sicherheit zu sein, und lernen jetzt Italienisch.