Wenige Tage vor Inkrafttreten des Abkommens der EU mit der Türkei und der Abschiebung der ersten Flüchtlinge in die Türkei eskalieren Proteste auf den griechischen Inseln. Mindestens 700 Flüchtlinge haben bis zum Nachmittag den sogenannten Hotspot der griechischen Insel Chios verlassen. Darunter sollen auch viele Familien sein. Sie suchten eigenständig nach geeigneten Unterkünften auf der Insel, teilte die Regierung in Athen mit. Mehrere Medien berichteten, die Flüchtlinge hätten zuvor das Tor des Lagers aufgebrochen. Ihr Leben sei in dem Hotspot nicht mehr sicher, sagten sie.

In der Nacht zuvor war es auf Chios zu schweren Ausschreitungen gekommen, nachdem die Flüchtlinge gegen ihre Internierung protestiert hatten. Nach einer Messerattacke zwischen Syrern und Afghanen mussten mindestens zwei Männer mit Stichverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei setzte der Nachrichtenagentur ANA zufolge Blendgranaten ein, um die Proteste aufzulösen.

Die Randalierer zerstörten auch ein Zelt zur medizinischen Versorgung, Ärzte der Welt zog als Reaktion zunächst sein Team aus dem Lager ab. Athen schickt Bereitschaftspolizisten auf die Insel. Darum hatten die Behörden auf Chios gebeten, da es fast jeden Tag zu Ausschreitungen kommt. Die Lage sei extrem angespannt, hieß es. Das Lager auf Chios ist für 1.200 Menschen ausgelegt, Berichten zufolge waren es zuletzt 1.500. Journalisten haben keinen Zutritt mehr zu den Registrierungszentren, schon gar nicht zu denen auf den Inseln.

In den Notunterkünften auf dem Festland gibt es seit Längerem Unruhen. In der Hafenstadt Piräus, wo etwa 5.600 Flüchtlinge warten, gingen vor zwei Tagen Gruppen afghanischer und syrischer Männer aufeinander los und bewarfen sich mit Steinen. Das Hafengelände soll nun schrittweise geräumt werden – im Laufe des Freitags sollten rund 700 Afghanen in offizielle Auffanglager des Landes gebracht werden. Zwar sind die Menschen am Hafen von Piräus nicht von der Rückführung betroffen, weil sie vor dem 20. März in Griechenland angekommen sind. Allerdings fühlen sie sich, genau wie die Menschen in Idomeni, in Griechenland gefangen, seit die mazedonische Grenze geschlossen ist.

Im Lager von Idomeni im Norden des Landes würde nach Einschätzung griechischer Medien "ein Funke" reichen, um die explosive Lage zu entzünden. Dennoch zeigt sich die griechische Polizei hier wie andernorts extrem zurückhaltend, selbst wenn sie von den Menschen attackiert wird. "Die Polizei hat den Befehl, so wenig wie möglich einzugreifen", sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Dimitris Vitsas dem Sender Skai. "Unsere erste Aufgabe ist es, die Familien und Kinder zu schützen." Die Behörden versuchen seit einigen Tagen, die rund 10.000 Menschen dazu zu überreden, freiwillig in eines der offiziellen Auffanglager zu fahren. Bisher folgen vor allem Familien mit Kindern dem Aufruf. Seit Wochen gibt es Gerüchte über eine mögliche Räumung des Camps.

Die Chancen der Flüchtlinge, nach Westeuropa zu gelangen, haben sich deutlich verschlechtert, seit sich die EU vor zwei Wochen mit der Türkei über die Rückführung der Flüchtlinge geeinigt hat. Alle Menschen, die seit dem 20. März auf illegalem Wege über die Ägäis nach Griechenland gekommen sind, sollen zurück in die Türkei gebracht werden. Für jeden Syrer, den die EU abschiebt, soll ein anderer Syrer auf legalem Wege in die EU kommen. Am Freitagabend stimmt das griechische Parlament über das Abkommen ab, am Montag soll laut Zeitplan mit den Rückführungen begonnen werden.

Türkei schiebt laut Amnesty International Tausende Syrer ab

Die EU-Kommission schätzt, dass am Montag die ersten 500 Menschen von den Hotspots auf den griechischen Ägäisinseln abgeschoben werden. Dazu hat die EU-Grenzschutzorganisation Frontex Boote bereitgestellt. Griechische Sicherheitsexperten fürchten aber, dass sich die Betroffenen nicht widerstandslos auf die Schiffe und in die Türkei zurückbringen lassen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR forderte die an dem EU-Türkei-Abkommen beteiligten Länder dringend auf, die nötigen Sicherheitsmaßnahmen bei den geplanten Abschiebungen einzuhalten.

Amnesty International warf unterdessen der Türkei vor, schon seit Wochen täglich bis zu hundert Syrer abzuschieben. Dies sei ein "Verstoß gegen internationales Recht", erklärte Amnesty. Die Türkei sei "kein sicherer Drittstaat", in den die EU "bedenkenlos Schutzbedürftige zurückschicken" dürfe. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter sagte, die Bundesregierung prüfe diesen Sachverhalt derzeit. Die in dem Amnesty-Bericht enthaltenen Informationen könne er jedoch nicht bestätigen.