Mustafa Ali, ein 17-jähriger Junge aus Syrien, trägt sein T-Shirt als Maske. Damit schützt er sich vor dem Tränengas, das die mazedonische Polizei am Sonntagmittag einsetzt. Sie will Hunderte Menschen daran hindern, den Grenzzaun bei Idomeni zu öffnen und widerrechtlich von Griechenland nach Mazedonien zu gelangen. Der Junge steht 100 Meter von der Grenzlinie entfernt. "Ich sitze seit 55 Tagen in Idomeni fest. Das ist unsere letzte Chance. Ich habe mindestens 15 bis 20 Leute gesehen, die von Plastikgeschossen schwer verletzt wurden", sagt er ZEIT ONLINE.

Die Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze ist nach wie vor angespannt. Die Migranten werfen Steine auf mazedonische Polizisten und Soldaten, die ihrerseits Tränengasgranaten und Plastikgeschosse auf griechischen Boden feuern. Das Behelfslager von Idomeni ist in dichten Nebel von Tränengas gehüllt. Es ist die Hölle, Idomeni ist ein riesiges offenes Schlachtfeld. Kleine Kinder und Familien laufen davon, um sich außer Gefahr zu bringen. Man hört Explosionen, dazwischen Babygeschrei. Offene Feuer, umgeknickte Bäume, verbrannte Zelte. Menschen flüchten, ihre Gesichter sind mit weißer Creme bedeckt. Zur gleichen Zeit beschießt ein Wasserwerfer der mazedonischen Polizei eine Gruppe von Migranten. Über unseren Köpfen fliegen ein griechischer und ein mazedonischer Hubschrauber Patrouille.

Jonas Hagensen, Sprecher von Ärzte ohne Grenzen in Idomeni, sagt, dass Hunderte von Menschen nach Trinkwasser und Medizinern verlangen, um ihre Atemnot zu behandeln. "Zu unserem Zelt wurden ungefähr 20 Leute gebracht, die von Plastikgeschossen und Polizeiknüppeln hart getroffen worden waren. Fünf von ihnen wurden ins Krankenhaus von Kiklis eingeliefert", berichtet Hagensen. "Ein afghanischer Junge erzählte mir, dass die Polizisten zu Beginn der Zusammenstöße zehn Leute festgenommen hätten, die auf den Zaun geklettert waren, und dass sie diese auf mazedonischer Seite eine Stunde lang geschlagen hätten, bevor die Flüchtlinge zurückgeschickt wurden."

Die Griechen nehmen niemanden fest

Freiwillige Helfer und einzelne Einheimische versuchen, ihnen zu helfen. Migranten stehen vermummt auf den Feldern – einige zeigen ausländischen Reportern die Reste von Tränengas-Granaten. Die griechische Polizei kann nichts tun, um diese Tragödie zu verhindern. Ein Beamter in Idomeni fragt: "Es sind Tausende von Migranten, die sich hier erheben. Wie sollten wir sie aufhalten können?" Der griechische Polizeisprecher Petros Tanos sagte ZEIT ONLINE, dass es keine Festnahmen gebe.

Am Rand des Behelfslagers von Idomeni sitzt Ahmed, 21 Jahre alt und aus dem Irak. Zweieinhalb Stunden hat er dem Aufruhr zugeschaut: "Sie behandeln uns wie Tiere. Meine Familie und ich stecken hier seit 40 Tagen in der Falle und warten darauf, nach Mazedonien einzureisen. Jetzt ist die Sache schwieriger für uns. Ich habe Angst, dass die griechische Polizei eine Evakuierung plant, um Idomeni aufzuräumen", sagt Ahmed.

Die Zusammenstöße – die schlimmsten in Idomeni seit dem 29. Februar – begannen am Mittag, als 500 Migranten plötzlich zum Zaun liefen und versuchten, ihn niederzureißen. Am Samstag wurde eine anonyme Broschüre in arabischer Sprache verteilt, die die 13.000 Flüchtlinge in Idomeni zur Auflehnung aufrief. Wieder einmal zeigte sich, dass Gerüchte noch gefährlicher sind als der Schlamm oder die Krankheiten in Idomeni. "Tränengas und Plastikgeschosse gegen eine Menschenmenge zu verwenden, ist eine gefährliche Sache", sagte Giorgos Kyritsis, der Sprecher des Krisenstabs der griechischen Regierung für die Flüchtlingskrise. Er forderte die Menschen dazu auf, Gerüchten keinen Glauben zu schenken.