Über das Leben des IS-Chefs und selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi ist wenig bekannt. Nun hat sich Saja al-Dulaimi, die seine Ex-Frau sein soll, erstmals zu ihrem Leben mit Al-Bagdadi geäußert. In einem Interview mit der schwedischen Boulevardzeitung Expressen berichtet sie, wie sie mit Al-Bagdadi verheiratet wurde, warum sie ihn verließ – und warum sie jetzt nach Europa ziehen möchte.

Ihren Angaben zufolge war sie im Jahr 2008 für einige Monate mit Al-Bagdadi verheiratet, den sie damals unter dem Namen Hicham Mohammad kennenlernte. Nach wenigen Monaten, als sie von ihm schwanger gewesen sei, habe sie ihn verlassen, weil das Leben als seine Zweitfrau schwer gewesen sei. Sie habe erst im Frühjahr 2014, als sie in den Libanon einreiste und dort festgenommen wurde, erfahren, dass ihr Ex-Mann eine Terrororganisation leitet, sagt Al-Dulaimi. Zweifel daran sind angebracht – zumal es Berichte darüber gibt, dass sie mit falschen Dokumenten reiste und Geld an islamistische Gruppen in Syrien geschmuggelt haben soll.   

Im Interview erzählt die 28-Jährige, die vor vier Monaten aus der libanesischen Haft entlassen wurde und seitdem mit ihren vier Kindern an einem geheimen Ort im Libanon lebt, vom Leben mit Al-Bagdadi. Ihre Geschichte – so sie denn tatsächlich mit Al-Bagdadi liiert war, wovon die libanesischen Behörden ausgehen – verrät dabei viel über die Allianzen zwischen "Islamischem Staat", Al-Nusra-Front und irakischen Militärs aus der Ära von Saddam Hussein.

Al-Dulaimi stammt aus einer konservativen irakischen Oberschichtfamilie in Bagdad. Ihr erster Ehemann arbeitete zunächst als Leutnant in einer Bodyguard-Einheit von Saddam Hussein und schloss sich später der Terrorgruppe Jaish al-Rashideen an, die gegen die Amerikaner kämpfte. Als er bei Kämpfen starb, wurde Al-Dulaimi ihrer Darstellung zufolge mit Al-Bagdadi verheiratet. Ein Verwandter habe die Verbindung vorgeschlagen, Al-Dulaimis Vater habe akzeptiert. Die Washington Post berichtete im vergangenen Jahr, Al-Dulaimis Vater – ein hochrangiger Kämpfer der Al-Nusra-Front, der inzwischen möglicherweise zum IS übergelaufen ist – habe sich die Hochzeit aus politischen Gründen gewünscht.

Sie sei mit ihren zwei Kindern zu Al-Bagdadi, seiner ersten Ehefrau und seinen Kindern gezogen, berichtet Al-Dulaimi. Eine "mysteriöse Persönlichkeit" sei er gewesen. Tagsüber sei er in der Universität gewesen, manchmal sei er tagelang verschwunden. Sie hätten wenig miteinander gesprochen; die Beziehung sei oberflächlich gewesen. Al-Bagdadi habe ihr abends beim Essen vor allem Befehle erteilt. Allerdings sei er ein fürsorglicher Vater gewesen, der sich rührend um ihre zwei Babys aus erster Ehe gekümmert habe: "Er war der ideale Vater. Er war ja Lehrer. Er wusste besser, wie er mit den Kindern umgehen sollte, als mit der Mutter." Im Jahr 2007 hatte Al-Bagdadi seine Dissertation vorgelegt und arbeitete danach als Universitätsdozent.

Al-Bagdadis erste Ehefrau sei nicht mit seiner zweiten Ehe einverstanden gewesen. Nach drei Monaten habe sie, Al-Dulaimi, ihren Mann verlassen – da war sie schon schwanger. Die libanesischen Behörden, die einen DNA-Test unternahmen, gehen davon aus, dass es sich bei Al-Dulaimis knapp achtjähriger Tochter um Al-Bagdadis Kind handelt. Die irakischen Behörden gehen jedoch davon aus, dass Al-Dulaimi und Al-Bagdadi nie verheiratet waren.

Al-Dulaimi nennt keine Details über Al-Bagdadi

Auch der Nahostexperte Will McCants vom Thinktank Brookings Institute, den die New York Times zitiert, hat Zweifel. Weggefährten Al-Bagdadis berichteten stets nur von zwei Ehefrauen; Al-Dulaimi sei nicht dabei. Auch sei der Name Hicham Mohammad bislang nicht mit Al-Bagdadi in Verbindung gebracht worden – obwohl von Al-Bagdadi, der mit bürgerlichem Namen Ibrahim Awwad Ibrahim al-Badri heißt, einige Pseudonyme bekannt sind.

Auffällig an dem Interview ist auch, dass Al-Dulaimi keine Details nennt: weder zum Wohnort noch zu Al-Bagdadis Arbeit noch zur Anzahl seiner Kinder. Zum letzten Mal habe sie im Jahr 2009 mit Al-Bagdadi Kontakt gehabt, gibt Al-Dulaimi an. Er habe von der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter erfahren und habe sie zur Rückkehr bewegen wollen. Im Herbst 2013 wurde Al-Dulaimi in Syrien festgenommen. Sie habe dort Verwandte besucht, behauptet sie.

Die libanesischen Behörden sehen das anders: Al-Dulaimi wurde im Dezember 2014 wegen Finanzierung von Terrorismus verurteilt. Unklar ist, ob sie die Al-Nusra-Front oder den "Islamischen Staat" unterstützt haben soll. Auch einer ihrer Brüder soll ein hochrangiger Kämpfer der Al-Nusra-Front sein, ein weiterer Bruder soll einen Anschlag in der südirakischen Stadt Basra verübt haben. Ein Jahr war sie in Haft, ebenso wie ihre Kinder. Zuvor hatte Al-Dulaimi bereits sechs Monate in einem syrischen Gefängnis verbracht. Damals war sie bei einem Gefangenenaustausch zwischen dem syrischen Regime und der Al-Nusra-Front freigekommen.

Wie die britische Boulevardzeitung Daily Mail berichtet, soll Al-Dulaimi, die oft als gut aussehende Frau beschrieben wird, vom IS benutzt worden sein, um Mädchen und Frauen anzuwerben. Verlässliche Informationen dazu gibt es allerdings nicht. Trotzdem ist ihre Rolle mindestens zweifelhaft – und wohl weit entfernt vom Opferstatus, den sie sich im Interview gibt. 

Sie sei sich keiner Schuld bewusst, sagt Al-Dulaimi. "Ich bin eine Frau, die viel durchgemacht hat und die im Gefängnis viel gelitten hat. Wenn ich mit Al-Bagdadi hätte leben wollen, hätte ich wie eine Prinzessin leben können. Ich will kein Geld. Ich will Freiheit." Auch die Ausbildung ihrer Kinder sei ihr wichtig, so Al-Dulaimi. Deshalb wolle sie nach Europa ziehen. Warum Länder, die unter dem Terror ihres angeblichen Ex-Mannes leiden, sie aufnehmen sollten, sagt sie nicht.