Nordafrikaner. Seit den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht wird dieser Begriff gebraucht, um kriminelle Marokkaner, Algerier und Tunesier zusammenzufassen. Wir haben drei Männer in Berlin getroffen. Abdessamad Idrissi, 34, aus Marokko, Youcef Chaouch, 30, Algerier, geboren in Paris, und Ghassen Rahmani, 32, Tunesier, geboren in Hamburg. Alle drei sind in Facebook-Gruppen aktiv, in denen sich jeweils Marokkaner, Algerier und Tunesier in Berlin vernetzen. "Ah, den kenne ich doch", sagt Abdessamad, als er Ghassen sieht. Die beiden haben sich auf einer Party kennengelernt. Alle duzen sich.

ZEIT ONLINE: Wenn ihr auf einer Party seid, wie oft hört ihr die Frage: Woher kommst du eigentlich?

Ghassen Rahmani, 32, geboren in Hamburg, aufgewachsen in Tunesien und Frankreich. Sein Vater ist Tunesier, seine Mutter Italienerin. Er hat in Tunesien die Schule beendet und Tourismus studiert, dann zwei Jahre lang in Paris gearbeitet. Vor sechs Jahren kam er nach Berlin, studierte hier Hotelmanagement, nun macht er eine Umschulung zum Handelskaufmann. 2015 hat er sich einbürgern lassen. Er hat jetzt die italienische, tunesische und deutsche Staatsbürgerschaft. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

Ghassen Rahmani: Ständig.

ZEIT ONLINE: Was antwortest du?

Ghassen: Kommt drauf an, wer fragt. Ich bin Italiener, Tunesier und auch Deutscher. Aber Deutsche fragen mich oft, ob ich Inder bin oder Südamerikaner. Araber fragen mich immer drei Dinge, die nerven: Wie bist du hierher gekommen? Bist du verheiratet? Wann fährst du in die Heimat?

Youcef Chaouch: Ich sage immer, ich bin Algerier, geboren in Paris. Das Problem ist, die Deutschen sehen in mir nur den Franzosen.

Abdessamad Idrissi, 34, stammt aus dem Süden Marokkos. Seit knapp sieben Jahren ist er mit einer Deutschen verheiratet, sie haben zwei Kinder. Seit 2010 leben sie in Deutschland, seit acht Monaten in Berlin. Er ist Programmierer und arbeitet bei einem IT-Startup. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wieso ist das ein Problem? 

Youcef: Ich will das Bild von Algeriern verbessern, nicht das von Franzosen. Ich bin nicht direkt ein Vorbild, aber ich habe immerhin studiert, ich bin kein Drogenhändler, ich klaue nicht. Aber die Deutschen ordnen mich lieber in die Schublade des Franzosen ein. So bin ich euch ähnlicher, dann ist es leichter, mich zu verstehen.

Ghassen: In Deutschland ist Ausländer eben nicht gleich Ausländer. Mein Stiefvater ist Holländer. Für die Menschen hier ist er der Deutsche, weil er blond ist. Ich bin der Ausländer, obwohl ich in Hamburg geboren bin.

Abdessamad Idrissi: Wenn mich jemand nach meiner Herkunft fragt, antworte ich einfach, ich komme aus Marokko. Das ist meine Identität, dafür schäme ich mich nicht. Meistens fragen sie dann auch: Bist du Araber? Ich spreche arabisch, aber ich bin kein Araber. Ich bin Berber. Und dann muss ich erklären, dass Berber schon lange vor den Arabern in Nordafrika gelebt haben.

Ghassen: Ja, man sagt zu Tunesiern, Marokkanern, Algeriern einfach Araber. Warum? Weil sie arabisch sprechen? Die Südamerikaner sind auch keine Spanier.

ZEIT ONLINE: Was wäre der richtige Ausdruck?

Ghassen: Das sind einfach Nordafrikaner.

ZEIT ONLINE: Das ist der Begriff, der in Deutschland seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht plötzlich präsent ist. Ist der nicht auch pauschalisierend?

Abdessamad: Der Begriff Nordafrikaner ist neu. Aber ich finde ihn besser als zum Beispiel Maghreb-Araber, wie man in arabischsprachigen Medien sagt. Er ist präziser. Tunesier, Algerier, Marokkaner haben fast die gleiche Tradition.

ZEIT ONLINE: Ghassem, du hattest bisher die tunesische und die italienische Staatsbürgerschaft. Jetzt hast du dich auch in Deutschland einbürgern lassen. Warum?

Ghassen: Ich bin ja in Hamburg geboren. Und ich wollte die soziale Sicherheit.

Youcef Chaouch, 30, ist in Paris bei algerischen Eltern aufgewachsen. Er besitzt einen algerischen und einen französischen Pass. Er hat große Teile seiner Kindheit in Algerien verbracht und fühlt sich als Algerier. Seit sechs Jahren lebt er in Berlin, er hat deutsches und französisches Recht in Potsdam studiert und macht jetzt seinen Master of Law. Sobald er einen Job gefunden hat, will er sich einbürgern lassen. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

Youcef: Du möchtest Hartz IV bekommen! (lacht)

Ghassen: Nein, das kann man auch als Italiener bekommen, das ist kein Problem. (alle lachen) Ich wollte unbedingt einen deutschen Pass haben, um nicht mehr diskriminiert zu werden. Ich hatte das Gefühl: Entweder bist du Deutscher und hast eine gute Position, oder du bist ein Ausländer und zum Reinigen angestellt. Ein Ausländer, der keine Aufenthaltsgenehmigung braucht, weil er Europäer ist, und sich einfach für eine bessere Position bewirbt: Das wird als frech empfunden. Ich habe in einem Hotel am Ku'damm gearbeitet. Ich war immer eine halbe Stunde zu früh. Und sie meinten zu mir: Warum bist du so früh? Du bist doch Ausländer. Du kannst mindestens fünf Minuten zu spät kommen.

ZEIT ONLINE: Wollten sie nicht gerade, dass du dich strikt an die Regeln hältst?

Ghassen: Ja, aber ich habe es mit den Regeln übertrieben. Du sollst zwar alles richtig machen. Aber du musst Raum nach oben lassen, damit der Deutsche noch besser sein kann als du.

Youcef: Ich habe das nie erlebt. Ich bin schockiert. Schreibst du in deinem Lebenslauf, dass du auch Tunesier bist?

Ghassen: Nein, das weiß hier keiner.

ZEIT ONLINE: Also steht jetzt nur noch deutsch in deinem Lebenslauf?

Ghassen: Nein, deutsch-italienisch, nur deutsch ist ja langweilig.