Das Frankfurter Gutleutviertel – es ist ein Gebiet radikaler Gegensätze: Auf der einen Seite stehen die eleganten Neubauten am Westhafen, weiter westlich gibt es die günstigen Wohnungen mit hohem Ausländeranteil. Und irgendwo dazwischen – nach einer Geschäftsstelle der Arbeiterwohlfahrt, einem Kiosk und ein paar Speditionen – trifft man auf eine Brachfläche mit kleinen, unauffälligen Verschlägen aus Holzresten. Im Matsch liegen Müllreste, Stoffe und Kleidersäcke. Hier, mitten in der Frankfurter City, leben Milan [Name von der Redaktion geändert] und etwa 30 weitere Menschen. Viele von ihnen zählen sich zur Roma-Gruppe.

Zwei junge Roma verlassen an diesem Morgen ihre Hütte. Sie gehen Flaschen sammeln in der Stadt, erklärt Milan, der vor etwa drei Wochen in das Camp kam. Eigentlich möchte er heute nicht mit Leuten von draußen reden, mit jenen, die sich für das wundersame Camp zwischen den Industriebauten interessieren. Doch dann grinst er plötzlich, dreht sich eine Zigarette und erzählt von seinem Tag.

Auch Milan geht in der Stadt Flaschen sammeln. Seine beiden Kinder, erzählt der 22-Jährige, leben bei seiner Mutter in Alba Iulia, einer Stadt in der Mitte Rumäniens. Seine Familie wollte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit nach Deutschland bringen. Mit Kindern sei es schwierig, irgendwo unterzukommen und viel zu gefährlich. Erst brauche er Arbeit, dann könnten die Kinder hinterherkommen.

Seit etwa einem halben Jahr ist Milan nun in Deutschland. Er ist EU-Bürger, spricht deutsch, hat zwar keinen gelernten Beruf, ist aber Menschen und allen möglichen Berufen gegenüber aufgeschlossen. Vor vier Wochen war er im Jobcenter, "aber ich habe nicht verstanden, wie es funktioniert. Die meinten, ich bräuchte irgendein Ticket aus Bonn, und haben mich weggeschickt".

Es ist keine Seltenheit, dass Mitarbeiter in Jobcentern ablehnend auf Roma reagieren, sagt Andrea Wierich von Amaro Foro, einer interkulturellen Organisation von Roma und Nicht-Roma. Häufig würden sie sofort wieder weggeschickt. 

Antiziganismus zeigt sich in den Ämtern, auf der Straße – und auch hier im Gutleutviertel. Vor der Brache steht ein Mann. Er sagt, er verstehe nicht, warum "die Zigeuner" ihren Müll nicht zumindest an die hintere Ecke der Brache schmeißen können: "Die mögen das anscheinend so."

Die Stadt kümmert sich nicht

Die Müllentsorgung in der Frankfurter City ist keine private Angelegenheit, sondern liegt in der Verantwortung der Kommunen. Doch die Stadt hat sich bislang nicht gekümmert. Im Verlauf des Vormittags kommt immerhin ein Mitarbeiter der Stadtreinigung vorbei. Er verspricht, dass der Müll heute abgeholt wird.   


Milan sagt, er hatte keine andere Wahl, als Rumänien zu verlassen. Als Roma habe er keinen Job bekommen, wurde von Polizisten, die in seine Siedlung kamen, geschlagen.

Roma werden in Rumänien von behördlicher, wie auch von gesellschaftlicher Seite diskriminiert. Drei Viertel der geschätzten 2,2 Millionen Roma in Rumänien leben in Armut, haben keinen Zugang zu Bildung und Arbeitsplätzen. Es existieren Gesetze gegen die Diskriminierung der ethnischen Gruppe, die jedoch von den Behörden nicht angewandt werden. In den Westbalkanländern ist die Lage ähnlich.

Außerdem bleibt Roma in Rumänien in einem Großteil der Fälle der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt. Laut Informationen von Amnesty International müssen sie besondere Schulen besuchen und erhalten in manchen Kommunen nicht einmal einen Personalausweis.