Thilo Sarrazin ist ein gebildeter Mann. Er beharrt darauf, kein Rassist zu sein und brüllt auch in seinem neuen Buch Wunschdenken nicht: "Neger sind doof." Er sagt es mit anderen Worten: Mit historischen, ökonomischen und psychologischen Exkursen und Quellen will er dem Leser beweisen, dass das "kognitive Kapital" von Muslimen und Afrikanern nicht an das der Deutschen heranreiche und deshalb die europäischen Grenzen vor ihnen geschlossen werden müssten.

Sarrazin identifiziert zwar tatsächliche Probleme: Ja, Deutschland kann es schaffen, eine Million Flüchtlinge mit Essen und Kleidern zu versorgen – die Schwierigkeit ist, sie und möglicherweise ihre Familien dauerhaft zu integrieren. Sie werden auch nicht mal eben die Lücke füllen, die der demografische Wandel reißt.    

Nur zieht er auch wie schon in Deutschland schafft sich ab herablassende und zu kurz geratene Schlüsse daraus.

Besonders gerne nutzt er in Wunschdenken das Konzept der kognitiven Kompetenzen des Psychologen Heiner Rindermann, um zu beweisen, dass Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Afrika sich nicht integrieren lassen. Rindermann hat das Konzept der kognitive Kompetenzen nicht nur bei Individuen, sondern bei ganzen Gesellschaften festgestellt und war deshalb selbst schon des Rassismus bezichtigt worden. Man könne, sagt Sarrazin, diese kognitiven Kompetenzen entweder mit Intelligenztests oder Bildungsstudien wie den Pisa- oder TIMSS-Studien messen. In vielen Ländern Ostasiens lägen sie im Schnitt deutlich über dem europäischen Niveau, in den Ländern des Nahen Ostens aber darunter. Besonders niedrig sei die kognitive Kompetenz im Afrika südlich der Sahara.

Nur, was sagt es aus, wenn Kinder, die in schlecht ausgestattete Schulen gehen, weniger gelernt haben als Kinder, die europäische Bildungsstandards gewohnt sind? Dass sie noch viel lernen müssen, dass es Anstrengung kosten wird, aber doch nicht, dass sie nicht integrationsfähig sind. Anders Sarrazin.

Er schreibt, das kulturelle und kognitive Profil der aktuellen Flüchtlinge ähnele dem der muslimischen Zuwanderer, die bereits in Europa sind. "Es ist daher anzunehmen, dass sie sich hinsichtlich Bildungsleistung, Arbeitsmarktintegration, Sozialleistungsbezug, Kriminalität und Anfälligkeit für fundamentalistisches Gedankengut ähnlich entwickeln wie diese." 

Dass die Mehrheit der Migranten hierzulande gar nicht arbeitslos oder kriminell ist, kommt bei ihm nicht vor, dass die neuen Einwanderer sich in der Regel unbedingt integrieren wollen, auch nicht. Den Flüchtlingen heute bessere Integrationsangebote zu machen als den Gastarbeitern damals, ist für ihn auch keine Option.

Wie in Deutschland schafft sich ab beharrt der ehemalige Berliner Finanzsenator Sarrazin darauf, dass Intelligenz vor allem vererbt wird und beklagt, dass sich ausgerechnet Menschen aus Afrika (mit der niedrigen kognitiven Kompetenz) am häufigsten vermehrten. Er prognostiziert: Ein junger Flüchtling, der nach Deutschland kommt, würde sich quasi verfünffachen, weil er seine Familie nachholt und viele Kinder bekommt – obwohl er an anderer Stelle selbst sagt, Geschichte lasse sich nicht vorhersagen. Wie viele werden zurück in die Heimat gehen? Wie viele sich in Deutschland verlieben? Oder nie eine Familie gründen?

Rundumschlag gegen Euro, Inklusion, Energiewende

Sarrazin prangert in Wunschdenken nicht nur an, dass Angela Merkel die Grenzen nicht geschlossen hat, sondern doziert auf bald 600 Seiten über etliche andere Fehler, die Politiker seiner Ansicht nach machen. Gendermainstreaming, die Energiewende, die Einführung des Euro, Inklusion und andere Bildungsreformen – alles falsch. Die Hauptursache für diese Fehler liegt seiner Ansicht nach in einem falschen Berufsverständnis. Sachlich sollten Politiker handeln, moralische Utopien von einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich seien, hingegen meiden. Die würden Menschen in Raster zwingen, die sie unglücklich und unfrei machten. Um das zu belegen, beschreibt er beispielsweise die Utopien von Platon und Thomas Morus.

Politiker sollten sich deshalb darauf konzentrieren, dem Individuum zu ermöglichen, für sich selbst so viel wie möglich zu erreichen. Regeln müssten dafür sorgen, dass keiner dabei zu Schaden kommt. Sie müssen wiederum effizient durchgesetzt und kontrolliert werden. Freiheit, Sicherheit und mehr Wohlstand für alle – das könne nur ein starker Staat seinen Bürgern bieten und das sei schon schwierig genug.