Nach der Öffnung der Colonia-Dignidad-Akten durch das Auswärtige Amt verlangen Opfer der Sekte Entschädigungszahlungen vom deutschen Staat. "Für die, die damals Kinder waren, muss es wenigstens eine einmalige Entschädigung geben. 5.000 Euro pro Person wären angemessen", sagte die ehemalige Colonia-Bewohnerin Anna Schnellenkamp der Berliner Zeitung. Dabei gehe es um etwa 150 Betroffene.

Diese Menschen hätten entsetzliches Leid erlebt, seien misshandelt und von ihren Eltern getrennt worden, sagte Schnellenkamp. Der deutsche Staat müsse dafür einstehen, weil er von den Zuständen in der Colonia gewusst, jedoch nicht reagiert habe. Die Freigabe der Akten des Auswärtigen Amtes begrüßte Schnellenkamp als einen "sehr positiven und unerwarteten Schritt".

Schnellenkamp ist als Zeitzeugin vom Auswärtigen Amt eingeladen und bekommt Einsicht in dessen Archiv. In dem Interview mit der Berliner Zeitung berichtet sie Details aus den Briefwechseln und Protokollen. Seit 1966 hätten die deutschen Behörden "über alles" Bescheid gewusst, sagt sie und begründet damit die Forderung nach Entschädigung. "Viele ehemalige Colonos sind schwer traumatisiert. Wir brauchen psychologische Unterstützung." Die Hilfe der Bundesregierung sei im Jahr 2013 ausgelaufen.

Die Colonia Dignidad wurde 1961 in Chile von deutschen Auswanderern unter ihrem Anführer Paul Schäfer gegründet. Schon früh gab es Vorwürfe wegen Zwangsarbeit, sexuellen Missbrauchs, physischer und psychischer Gewalt – die aber zunächst nicht ernst genommen wurden. Schäfer tauchte 1995 unter, die Colonia Dignidad bestand noch bis 2005 weiter.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte vor wenigen Wochen unter dem Eindruck des Kinofilms Colonia Dignidad das Verhalten der deutschen Diplomaten als zu zaghaft bezeichnet und die Akten seines Ministeriums dazu vorzeitig freigegeben. Es geht auch um Vorwürfe, dass Menschen, die aus der Colonia entkamen, von der deutschen Botschaft in Chile kein Schutz gewährt wurde. Normalerweise gibt es für Akten aus dem Auswärtigen Amt eine 30-jährige Schutzfrist, die heute noch den Blick in die Archive nach 1986 verwehrt.