Was wir wissen

Der Airbus A320 mit der Flugnummer MS804 ist am späten Abend des 18. Mai von Paris nach Kairo gestartet. An Bord von MS804 befanden sich 66 Menschen, 10 davon Crewmitglieder. Von den 56 Passagieren waren laut Fluggesellschaft 30 Ägypter und 15 Franzosen. Zwei weitere waren Iraker und jeweils ein Brite, Belgier, Kuwaiter, Saudi, Sudanese, Portugiese, Algerier, Kanadier und Tschader. Unter ihnen sollen auch drei Kinder gewesen sein.

In der Nacht ist die Maschine dann über dem Mittelmeer verschwunden. Laut EgyptAir riss nach 2.45 Uhr (MESZ) der Kontakt ab. Rund 240 Kilometer von der Insel Karpathos entfernt sei die Maschine verschwunden, sagen griechische Behörden. Auf dem Radar war zu sehen, wie das Flugzeug erst eine 90-Grad-Kurve nach links und dann volle 360 Grad nach rechts drehte. Dabei sank es von 11.500 auf 4.500 Meter Flughöhe ab. In einer Höhe von etwa 3.000 Metern verschwand es vom Radar. Ein Sensor soll in den letzten Sekunden des Flugs Rauch in einer Toilette und Defekte in zwei Cockpit-Fenstern entdeckt haben.

Ein Flugschreiber der Maschine, auch Blackbox genannt, ist am 15. Juni gefunden worden. Von dem in mehrere Teile zerbrochenen Stimmrekorder wurde der Teil mit den Audioaufzeichnungen geborgen – er zeichnet mindestens die letzte halbe Stunde des Funkverkehrs der Piloten, ihre Gespräche untereinander und alle Geräusche im Cockpit auf. Das Gerät sei zwar beschädigt, mit dem Datenspeicher habe aber sein wichtigster Teil gesichert werden können, teilte die ägyptische Untersuchungskommission mit.

Auf den Aufzeichnungen des Stimmrekorders sei das Wort "Feuer" zu hören. Es sei jedoch "zu früh", um dessen "Ursache oder den Ort zu bestimmen", teilte die Kommussion am 16. Juli mit.

Das Spezialschiff John Lethbridge hatte den Stimmenrekorder geortet, der danach in mehreren Schritten vom Meeresgrund gehoben wurde. Bis Ende Juni soll ein Bericht zum Absturz vorgelegt werden. Am 17. Juni fand das Suchschiff auch den Datenschreiber, der alle Funktionen des Flugzeugs, Geschwindigkeit, Höhe und die Aktionen der Piloten aufzeichnet. 

Die John Lethbridge identifizierte am 14. Juni mehrere Hauptorte der Wrackstücke zwischen der griechischen Insel Kreta und der ägyptischen Küste. Basierend auf den Fundorten sollen die Ermittler und das Suchteam an Bord der John Lethbridge eine Karte erstellen. Das normalerweise auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean stationierte Suchschiff, das zu der französischen Gesellschaft Deep Ocean Search gehört, ist nach Angaben von Le Monde auf die Suche nach Trümmern in großer Tiefe spezialisiert. Das Schiff kann dank spezieller Ausrüstung Wrackteile in einer Tiefe von bis zu 1.830 Metern aufspüren. Seit dem 9. Juni ist ein Unterwasserroboter der John Lethbridge im Einsatz, der das vermutete Absturzgebiet großräumig untersucht und inzwischen erste Fotos von kleinen Wrackteilen geliefert hat. 

Neben Ägypten, Griechenland und Frankreich beteiligten sich mehrere Länder an der Suche nach der Blackbox und Überresten der Maschine, darunter auch Handelsschiffe. Suchmannschaften des ägyptischen Militärs hatten die ersten Trümmerteile geborgen. Auch Körperteile und persönliche Gegenstände wurden 290 Kilometer nördlich der ägyptischen Küstenstadt Alexandria gefunden.

Vor Ort sind die regional zuständigen Such- und Rettungskräfte (SAR) unter der Leitung eines Rescue Coordination Centers (RCC) im Einsatz. Die Teams gehören zur einer weltumspannenden Organisation, der internationalen Luftfahrtorganisation ICAO. In Deutschland beispielsweise sind die Bundeswehr und die Deutsche Flugsicherung dafür verantwortlich, herauszufinden, wo ein Flugzeug geblieben ist.

Das größte Problem für die Suchmannschaften: MS804 verschwand über Wasser. "Es ist ein Trugschluss, dass das Mittelmeer klein ist und die Suche deshalb einfach sein sollte", sagt Oberstleutnant Hans-Joachim Rösen, Leiter der SAR-Leitstelle/RCC Münster. Hinzu kommt die Tiefe des Meeres. Wrackteile an Land sind vergleichsweise leicht zu entdecken – sie liegen schließlich auf dem Boden. Prallt ein Flugzeug aber auf Wasser, sinkt es. Erst wenn die Maschine zerbrochen ist, kommen Wrackteile an die Oberfläche. "Das kann sehr schnell gehen, aber wenn die Maschine intakt bleibt, ist die Dauer ungewiss", sagt Dösen. Die Beweise können Tage, Wochen oder Monate verborgen bleiben.

Egyptair Flug 804

Bekannter Verlauf des Fluges von Paris mit Ziel Kairo

Schlechte Sicht, unruhiges Gewässer und wenig Personal erschweren die Suche zusätzlich. Denn während sich auf dem Land Feuerwehr, Polizei und Suchhubschrauber schnell einsetzen lassen, "ist es in einem Wassergebiet immer eine Herausforderung, die vor Ort befindlichen Kräfte – zivile Schiffe, Fracht- oder auch Militärschiffe – an die letzte bekannte Position zu ordern", sagt Rösen. Meist seien nur wenige Schiffe vor Ort.

Laut dem Hersteller Airbus ging die Maschine im Jahr 2003 an die Fluggesellschaft. Die Maschine hatte 48.000 Flugstunden absolviert. Der Pilot leistete laut der Fluggesellschaft 6.275 Flugstunden ab, 2.101 davon mit Maschinen des Typs Airbus A320.

Die ägyptische Regierung reagierte mit einer offenen Informationspolitik auf das Unglück – offenbar hat sie aus dem Absturz des russischen Charterfliegers über dem Nordsinai im vergangenen Oktober gelernt, bei dem einiges schiefging. Beispielsweise hat die ägyptische Untersuchungskommission bis heute noch keinen Abschlussbericht vorgelegt.

Einen Tag nach dem aktuellen Unglück verflog der Eindruck des guten und schnellen Informationsflusses aber wieder, berichtet Korrespondent Martin Gehlen. Denn zum Chef der neuen Untersuchungskommission wurde Ayman el-Moqadem ernannt – derselbe Mann, der bisher die Aufklärung vom Unglück des russischen Ferienjets verhindert.

El-Moqadem kündigte nach dem Unglück an, den vorläufigen Absturzbericht etwa einen Monat später (bis zum 21. Juni) vorzulegen. Das entsprechende Papier werde alle bis dahin verfügbaren Informationen enthalten, sagte er der Zeitung Al-Ahram.

Was wir nicht wissen

Die Ursache des Verschwindens ist unklar. Ägyptische Gerichtsmediziner sehen nach der Untersuchung der Leichenteile jedoch Hinweise auf eine Explosion an Bord der Maschine. Es sei aber viel zu früh, konkrete Schlüsse zu ziehen, sagte dagegen der Chef der ägyptischen Forensik-Behörde, Hesham Abdel Hamid.

Nicht gesichert ist auch die genaue Uhrzeit des Verschwindens. Das Flugzeug startete um kurz nach 23 Uhr. Nach Angaben des griechischen Verteidigungsministers war das Flugzeug ab 2.37 Uhr (MESZ) nicht mehr auf dem Radar zu finden. Hierzu – etwa über den genauen Zeitpunkt des letzten Funkkontakts – gibt es allerdings widersprüchliche Angaben.

EgyptAir-Vizepräsident Ahmed Adel sagte zum Flugverlauf: "Es gab keine Auffälligkeiten." Die Wetterbedingungen seien gut gewesen. Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos sagte noch am Tag des Absturzes, das Flugzeug sei nach dem Eindringen in den ägyptischen Luftraum in "zwei heftige Kurven" niedergegangen: Erst 90 Grad nach links, dann 360 Grad nach rechts. Dabei sei die Maschine von 11.000 Meter Flughöhe auf 4.500 Meter abgesackt. Dies dementierte am Dienstag die staatliche Luftverkehrsaufsicht Ägyptens: In den Minuten vor dem Absturz sei die Maschine auf der normalen Höhe von 37.000 Fuß geflogen, sagte Behördenchef Ehab Asmy.

Nach Angaben des Chefs der griechischen zivilen Luftfahrtbehörde, Konstantinos Lintzarakos, meldeten sich die Piloten anders als üblich beim Verlassen des griechischen Luftraums nicht mehr. Die Piloten hätten sich demnach südlich der griechischen Insel Karpathos und südöstlich der Insel Kreta noch einmal melden sollen. Zuletzt hätten sie sich gegen 1.55 Uhr deutscher Zeit gemeldet, als sie die Insel Kea nahe Athen überflogen. Probleme wurden dabei nicht erwähnt.

Unklarheit hatte es zwischenzeitlich auch über ein angebliches Notrufsignal gegeben: Die Fluglinie hatte zunächst berichtet, die ägyptische Armee habe etwa eine Stunde vor der geplanten Landung in Kairo ein Notrufsignal erhalten. Die Armee selbst dementierte das später.

Woher kam der Rauch?

Später wurde bekannt, dass unmittelbar vor dem Absturz Rauch an Bord des Airbus A320 auftrat. Eine Sprecherin der französischen Luftsicherheitsbehörde BEA bestätigte, dass das automatische Kommunikationssystem Acars Qualm aus dem Toilettenbereich in der Nähe des Cockpits gemeldet habe. Das Wall Street Journal berichtete auch von Rauch in einem Geräteraum unterhalb des Cockpits, in dem wichtige Geräte für die Bordelektronik untergebracht seien. Der Qualm könnte auf einen Brand an Bord hinweisen.

Das Expertennetzwerk Aviation Herald veröffentlichte einen Auszug des Datenfunksystems Acars, das automatisch Nachrichten zwischen Verkehrsflugzeugen und Bodenstationen übermittelt. Diese deuten auf ein plötzlich auftretendes Ereignis im rechten vorderen Bereich des Flugzeugs hin. Innerhalb kurzer Zeit seien auch Sensoren an Fenstern auf der rechten Seite, unter anderem im Cockpit, aktiviert worden. Eine Minute nach dem Rauchalarm an der Toilette registrierte das System außerdem Rauch an der Bordelektronik, die sich unter dem Cockpit befindet.

Die Daten lassen darauf schließen, dass der Störfall im Inneren des Flugzeuges auftrat. Als letzte Nachricht schickte das Acars einen Hinweis auf den Ausfall eines Steuerungssystems. Das geschah um 2.29 Uhr Ortszeit – Momente, bevor Flug MS804 vom Radar verschwand.

Egypt Air - Die Route von Flug MS804 Das vermisste ägyptische Passagierflugzeug ist Informationen der Regierung in Kairo zufolge abgestürzt. Die Ursache ist noch ungeklärt.