Verwirrt, dieses Wort beschreibt den Zustand im Augenblick am besten. Sowohl den des Täters, als auch den der polizeilichen Ermittler. Denn so richtig klar sehen momentan alle noch nicht, was die Tat in Grafing betrifft. Fakt ist: Ein Amokläufer hat am Dienstagmorgen kurz vor fünf Uhr scheinbar wahllos auf vier Menschen am Grafinger S-Bahnhof eingestochen. Ein 56-jähriger Mann erlag kurz darauf seinen schweren Verletzungen und starb. Ein weiteres Opfer ist inzwischen außer Lebensgefahr. Zwei weitere Männer liegen schwer verletzt im Krankenhaus. Das ist die traurige Gewissheit in diesem Fall. Viele andere Dinge aber, so räumte die Polizei am Nachmittag ein, geben den Ermittlern noch Rätsel auf.

Vor allem die Frage, was den Täter angetrieben hat – ob er gar politisch motiviert war. War er vielleicht sogar ein Islamist? Schließlich soll er beim Angriff auf seine Opfer gebrüllt haben: "Ihr Ungläubigen, ihr sollt sterben!" Das hätten nicht nur verschiedene Zeugen, sondern auch der Täter selbst inzwischen in der Vernehmung ausgesagt, bestätigt Kriminaldirektor Lothar Köhler von der Abteilung Staatsschutz. Andere Zeugen sagen, er habe auch "Allahu akbar" gerufen ("Gott ist groß"), aber schon da sind sich nicht mehr alle einig, manche haben auch "Aloha akbar" verstanden, es gebe "verschiedene Aussagen dazu", präzisiert Köhler. Ob sich nun die Zeugen verhört haben oder sich der Täter im Wort geirrt hat, ist nicht klar.

Letzteres scheint zumindest nicht so abwegig, wenn man der Täterbeschreibung folgt, die der Staatsanwalt, der Kriminaldirektor, Münchens Polizeivizepräsidentin und der Polizeivizepräsident des Präsidiums Oberbayern Nord abgeben: 27 Jahre alt ist der Amokläufer, er ist Deutscher "ohne jeglichen Migrationshintergrund", wohl ein Einzeltäter und kommt aus dem Raum Gießen, wo er auch wohnt. Er ist derzeit arbeitslos und bezieht seit zwei Jahren Sozialhilfe. Diese Fakten gelten als gesichert. Außerdem habe er auf sämtliche beteiligten Beamten und auch beim Verhör einen "äußerst verwirrten Eindruck gemacht" und "völlig unzusammenhängendes Zeug geredet". 

Bayern - Reaktionen auf Messerangriff in Grafing Nachdem ein 27-Jähriger mehrere Menschen mit einem Messer attackiert hat, reagieren die Anwohner der bayrischen Kleinstadt Grafing geschockt. Der Täter soll wegen psychischer Auffälligkeit bekannt gewesen sein.

Vermutlich nur zufällig gewählter Tatort

In der Vernehmung habe er auch gesagt, "dass wir uns mit dem Thema Islam noch näher befassen müssen", sagt Köhler. Bisher gebe es aber "keine Hinweise auf Mittäter oder auf ein islamistisches Netzwerk", stellt Polizeivizepräsidentin Petra Sandles fest, genauso wenig Anhaltspunkte für den Konsum aufrührerischer Videos. Das Handy und der Laptop des Täters seien sichergestellt und größtenteils ausgewertet worden. Auch sein Facebook-Account erschien den Polizisten unauffällig und lässt bisher keine Schlüsse auf die Tat zu, es findet sich auch keine Ankündigung darin.

Die nächste große offene Frage ist: Warum kam der Täter nach Grafing? Ausgerechnet in eine 12.000-Seelen-Gemeinde 30 Kilometer östlich von München? Der S-Bahnhof hier ist ein großes Pendlerdrehkreuz für alle, die im oberbayerischen Umland wohnen und in der Großstadt arbeiten, ja. Aber darauf hatte der Mann es vermutlich nicht abgesehen. Es war schlicht einer der Endbahnhöfe, in dem die S-Bahnen aus dem Münchener Zentrum stranden. Mehr nicht. "Bislang haben wir nicht feststellen können, welchen Bezug er nach Grafing hat. Grafing war vermutlich nur ein zufällig gewählter Tatort", sagt Sandles.

Die Polizei weiß bisher: Er fuhr am Montag mit dem Zug über Fulda nach München. Dort suchte er in Bahnhofsnähe ein Hotel, hatte aber nur zehn Euro Bargeld dabei, zu wenig, um sich tatsächlich ein Zimmer zu mieten. Er vertrieb sich die Zeit in Bahnhofsnähe, wollte langfristig wohl weiter nach Österreich oder Portugal reisen, setzte sich dann aber nachts am Stachus in die nächste S-Bahn und fuhr "raus aus der Großstadt", wie Köhler das nennt. Er landete in Grafing und zwar bereits einige Zeit vor der Tat. Im Morgengrauen stach er dann auf die ersten Pendler ein, die zufällig am Bahnhof waren. Es hätte also auch genauso gut in München passieren können – oder an jedem anderen S-Bahnhof im Umkreis.