Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zunächst darf Folgendes gesagt werden: Der tiefere Sinn jeder Äußerung ist es, eine sogenannte breite gesellschaftliche Debatte auszulösen. Wer also auf der Bühne einem lebendigen Huhn den Hals umdreht oder mit einem Messer abtrennt (Handbeil besser, da Hühner in Todesangst kampfstark) oder einem röchelnden rosa Ferkel den Bauch aufschlitzt, um die Welt mit Blut zu bespritzen, vollstreckt zweifellos Kunst. Jedenfalls wenn er drei Semester "Kunst" in Karlsruhe studiert und eine Seminararbeit zum Thema "Ob und wie unterscheidet sich die Traumwelt des Surrealismus vom Weltentraum der Aborigines" geschrieben hat. In jedem Fall – und allein hierauf kommt es an – wird er doch wohl eine "breite gesellschaftliche Debatte" anstoßen wollen: Über Hühner, Messer, Schlachten, Tiere, Hühnchenbrüste, Ekel, das Leben der Schweine und das der Menschen. Ohne "breite gesellschaftliche Debatte" – oder sagen wir: die Vorstellung davon – ist unser Leben nicht viel wert gewesen. "Hier ruht Jan Bömmel. Er hat eine breite gesellschaftliche Debatte angestoßen" – Was für ein Abgang! 

Und doch wird es, liebe Leserinnen und Leser, in Karlsruhe und sonst wo, humorfreie Staatsanwältinnen geben, die meinen, Surrealismus sei kein vernünftiger Grund, ein Wirbeltier öffentlich niederzumetzeln, und man könne die Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft ebenso gut oder wirkungsvoller darstellen, wenn man eine lebende Nacktschnecke mit einer Gartenschere in Scheiben schneidet (mit dem Vorteil, dass man hier nebenbei noch einen Beitrag zur Erhaltung des Endiviensalats und dessen Antioxidantien leistet).   

Kunst!

Kunst, so wird behauptet, darf – ich gehe davon aus, Sie erinnern sich –: alles. "Satire" sowieso. Das haben entweder Pharoah Sanders oder Moses oder der Medizinmann des Königs Etzel nach sieben mal sieben Tagen strengen Fastens erkannt und vom Berge hinab in die Welt geworfen, mitten aufs goldene Kalb des Kunsthandwerks. Seither darf die Kunst alles, während das Kunsthandwerk zum Töten eine Lizenz benötigt. 88 Millionen Dollar bot man Herrn Daniel Craig aus Amerika an für zweimal Bond. Und er hat abgelehnt. O Du brennender Dornbusch! Verkauften wir unsere Schwestern und Brüder nicht schon für ein Tausendstel? 

Kunst darf also alles: Das sagen seit dem 13. April übrigens auch Yanis Varoufakis, ein europäischer Finanzkünstler, und Jan Josef Liefers, Spezialist für feinsinnigen Humor in praktisch jedem Format, also sozusagen ein Urban Priol der Rechtsmedizin. Können 238.000 Unterzeichner der Resolution "Befreit Böhmermann" irren?

Man muss nicht Joseph Beuys missverstehen, um zu ahnen, dass zwar jeder Mensch ein Künstler, nicht aber das Leben als solches bereits Kunst ist. Umso überraschender, dass die Staatsaffäre Böhmermann der beuysschen Theorie bislang nicht Abermillionen neue Anhänger zugespült hat. Ich meine jene 45 Prozent der Deutschen, die der Ansicht sind, Kunst sei erstens frei, dürfe zweitens alles und gehöre daher drittens "ins Feuilleton, nicht in einen Gerichtssaal". Die Sprengkraft der Theorie aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 Grundgesetz ("Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei") im Hinblick auf Art. 2 Abs. 1, Art. 5 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 2 GG haben diese Kunst-Theoretiker offenbar noch gar nicht erkannt, sodass die leibhaftige Verpflanzung der Freiheit in das Leben weiterhin der Avantgarde vorbehalten bleibt. (Und mit Avantgarde meine ich nicht das wilde Leben des großen Pablo P., 1925, im Gegenlicht oder das Klaviergeklimper des kleinen Malerfürsten L., 2015.)

Der Grund – oder sagen wir: ein Grund – dafür liegt natürlich darin, dass 95 Prozent der Freiheitsfreunde zugleich der Fraktion "Kunst kommt von Können" angehören, einer bekanntlich überaus einflussreichen internationalen Bewegung, deren Anführer Dada-Theorien vertreten wie etwa: Krumme Betonsockel kann ich auch (Stelenfeld Berlin); Menschen haben gar nicht drei Augen (Pablo P.); die Auflösung meines Handys ist höher als die von Monets iPhone 1 (Museumsufer Frankfurt, Sommer).

Jenseits dessen wird es schwierig. Nehmen wir also an, ein bayerischer Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur verwendet in einem Film einen Frosch, den er an ein Kreuz bindet, auf dass er Jesus Christus gleiche, dem Erfinder des Jesus-Christus-Kreuzes. Den Original-Jesus lässt er vom Kreuz herabsteigen und in der Fußgängerzone umherirren und mit zwei Schnapsgläsern um die Spende von "Scheiße für die Polizei" bitten.