ZEIT ONLINE: Laut einer neuen Umfrage glauben 60 Prozent der Menschen in Deutschland, die Nachrichtenmedien würden gelenkt. Woran liegt das?

Matthias Kohring: Erschreckend viele Menschen glauben, dass Journalisten zu einseitig berichten, wirtschaftlich abhängig sind, ja sogar gelenkt sind. Aber wenn man die konkreten Aufgaben von Medien abfragt – etwa, ob sie helfen, Hintergründe zu verstehen, wichtige Themen bringen oder Orientierung bieten –, dann sind die Werte nach wie vor sehr hoch.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Der Medienwissenschaftler Matthias Kohring von der Universität Mannheim forscht zum Vertrauen in Medien. © privat

Kohring: Hier spielt eindeutig die aktuelle politische Lage eine Rolle. Mit den Flüchtlingsbewegungen im vergangenen Jahr sahen sich viele Menschen – und nicht nur die, die auf die Pegida-Demonstrationen gegangen sind – von der Politik und den Medien zu einer Willkommenskultur gezwungen. Es gab nur ein Deutungsmuster: Bist Du für die Willkommenskultur, oder willst Du auf der bösen Seite stehen? Wer aber Unsicherheiten oder Sorgen hatte, dass das vielleicht doch unsere Möglichkeiten übersteigt, wurde gleich in die dunkeldeutsche Ecke gestellt. Dadurch fühlten viele Menschen ihre Anliegen nicht mehr vertreten. In den 1980er und 1990er Jahren war das noch anders: 70 Prozent der Menschen sahen die Medien damals als Sprachrohr für gesellschaftliche Gruppen und die eigenen Anliegen. Heute finden sich viele mit ihrer Meinung nicht wieder. So erklärt sich das Paradoxon, dass viele Bürger sagen: Ich fühle mich zwar orientiert, aber ich glaube den Medien nicht.

ZEIT ONLINE: Haben sich die Medien zu sehr mit der Politik gemeingemacht?

Kohring: Das sehen zumindest viele so, und da ist auch was dran. Und wenn dann wie jetzt die Politik schlecht bewertet wird, also zum Beispiel Angela Merkel an Zustimmung verliert, führt das zu einem Mitgefangen-mitgehangen-Effekt. Die Unzufriedenheit mit der Politik wird quasi automatisch auf die Medien übertragen.

In den USA ist das noch viel stärker: Die Radikalisierung in der Politik hat auch zu einer Zweiteilung der Medien geführt. Und die Polarisierer, wie hierzulande die AfD, erwarten dann von den Medien nicht nur, dass sie darin vorkommen, sondern dass die Medien auch die eigene Position teilen. Wenn das nicht geschieht, flüchten sie sich in eine Märtyrerrolle, die bei den Wählern verfängt. Die Radikalisierung der Politik überträgt sich auf die Beurteilung der Medien. Dabei würde die AfD sofort auf die freien Medien losgehen, wenn sie an die Macht käme.

ZEIT ONLINE: Stichwort Radikalisierung. Könnte die Medienskepsis im Osten auch ein Erbe der längeren Diktaturerfahrung sein?

Kohring: In der Tat bewerten mehr Menschen in Ostdeutschland als im Westen die Medien negativ. Aber der Vertrauensverlust ist auch im Westen sehr hoch, das ist kein reines Ostproblem.

ZEIT ONLINE: Kann die Verunsicherung auch daran liegen, dass die Welt unübersichtlicher und komplexer geworden ist?

Kohring: Eigentlich nutzt man ja das Medium, dem man vertraut, damit es diese Komplexität reduziert. Doch der permanente Konkurrenz- und Aktualitätsdruck der Medien mag dazu führen, dass die Leute die vielen Informationen nicht mehr überblicken können. Journalisten sind ja zurzeit vor allem Überbringer schlechter Nachrichten. Die Leute, und das zeigt die Umfrage auch deutlich, wollen irgendwann einfach nicht mehr andauernd mit Problemen konfrontiert werden. Man kann die Augen vor Problemen verschließen, indem man den Überbringer schlechter Botschaften diskreditiert. Man findet sofort soziale Anerkennung, wenn man sich über Journalisten aufregt. Der entscheidende Katalysator war das Flüchtlingsthema. Es ist auch kein Zufall, dass in dieser Zeit zahllose Gerüchte hochkochten: Die Menschen fühlten sich nicht mehr durch die Nachrichtenmedien vertreten und brachten sozusagen eine eigene Nachrichtengebung auf den Weg. Sie haben die Komplexität eben auf ihre Weise reduziert.