Der Kotti und ich

Ich fühle mich nicht sicher. Es ist keine ausgeprägte Kriminalitätsfurcht, die mich umtreibt. Eher ein unspezifisches Gefühl der Unsicherheit. Es tritt dann auf, wenn ich bestimmte Bereiche meiner Stadt betrete.

Dieses Unsicherheitsgefühl ist recht neu für mich und es äußert sich zumeist unterschwellig: Ich fühle mich beobachtet, ich kontrolliere den Sitz meiner Geldbörse oder die Position meines Smartphones in der Jackentasche. Ich habe Sorge, bestohlen zu werden. Woher dieses Gefühl rührt, ist mir nicht ganz klar. Es mögen subjektive Gründe sein, vielleicht spielen aber auch objektive, messbare Kriterien hierfür eine Rolle.

Ich habe vor vielen Jahren Kriminologie studiert, verfolge mal intensiv, mal weniger intensiv die Fachdiskussionen. Ich weiß um einige relevante Befunde bei der Diskussion um Unsicherheit und Kriminalitätsfurcht: Etwa, dass diejenigen Menschen, die die größte Furcht vor Kriminalität haben, am wenigsten von dieser betroffen sind. Lange Zeit war die Kriminalpolitik daher bemüht, diese Furcht zu relativieren, sie als nicht-gegeben aufzulösen. Den Betroffenen selbst hat diese Strategie nicht geholfen. Inzwischen ist die Einsicht gewachsen, diese irrationale Kriminalitätsfurcht zunächst als gegeben hinzunehmen und Lösungsstrategien unter Berücksichtigung dieser Gefühle zu entwickeln.

Sieben kriminalitätsbelastete Orte in meinem Bezirk

Meine Heimatstadt ist übrigens Berlin. Ich lebe in Kreuzberg. Vielleicht schaue ich als Kriminologe anders auf meine Stadt und auf meinen sozialen Nahbereich. Vielleicht betrachte ich manche Dinge aus einer besonderen Perspektive. Nicht so, dass ich Typologien für Menschen entwerfe, ähnlich einem Polizisten. Eher so, dass ich selbst Teil des Bezirks Kreuzberg-Friedrichshain bin, hier Brennpunkte wahrnehme, kriminogene Faktoren registriere und Unsicherheiten spüre.

Kriminalität - Wie gefährlich ist es an Berlins Kottbusser Tor? Verschärfte Polizeimaßnahmen, Bürger und Ladenbesitzer angeblich in Angst: Der Polizei zufolge hat in Berlin am Kottbusser Tor die organisierte Kriminalität stark zugenommen. Wir haben uns dort nachts umgeschaut.

Einer der Bereiche, die ich häufiger passiere – mit mulmigem Gefühl –, ist das Kottbusser Tor: ein Verkehrsknotenpunkt im Zentrum von Kreuzberg. Das Kottbusser Tor ist nach Zeitungsberichten einer von sieben "kriminalitätsbelasteten Orten" im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die dortige U-Bahn-Station ist Ausgangspunkt für zahlreiche Besucher in naheliegende Vergnügungsviertel, aber auch Bindeglied der beiden Szene-Stadtteile Kreuzberg und Neukölln. Der Platz ist eingefasst von wuchtigen Wohnbauten, die den wenig architektonischen Charme der siebziger Jahre versprühen. Belebte Straßen teilen den Raum. Zusätzliche Barrieren, zumeist in Form metallischer Geländer, zerteilen ihn. Alles wird in vorgegebene Räume und Wege hineingezwungen, geradezu hineingepresst. Hier scheint der Mensch vom Raum bestimmt zu sein, nicht umgekehrt. Unaufgeräumt wirkt das Kottbusser Tor, hektisch und laut.

Warum hier?

Keine Frage: Am Kottbusser Tor spürt man nicht nur die Unsicherheit, es ist auch seit Jahren ein Kriminalitätsschwerpunkt. Und zugleich ein Ort ohne kriminalpolitische Erfolge, ohne sichtbare Besserung. Drogendelikte und Rauschgifthandel immerfort und auf hohem Niveau. Jetzt auch steigende Tendenzen beim Taschendiebstahl.

Und die Täter? Wer sind sie? Wie organisieren sie sich? Warum hier? Warum an diesem Ort? Warum das Kottbusser und nicht das Brandenburger Tor? Die Anzahl an Tatgelegenheiten dürfte doch an anderer Stelle höher sein. Bislang wenig Antworten. Gefühlte Gleichgültigkeit, oftmals scheinheilig von der Politik mit "Toleranz" umschrieben. Die Faktenlage bleibt eher dürftig, Lösungsstrategien überschaubar.

Mehr noch: Die wenigen öffentlich zugänglichen Datenquellen für die Kriminalitätsentwicklung am Kottbusser Tor stammen weder aus professionellen Begleituntersuchungen, noch haben sie kriminalpräventives Kalkül. Sie sind eingefordert, von der politischen Opposition, von einzelnen engagierten Abgeordneten.

Wenn die Polizei kommt, hat das zweifelhaften Erfolg

Den Daten folgt das immer gleiche mediale Deutungsmuster, oft verzerrt und schnell verschlagwortet. Die Kernbotschaft lautet: Drogendelikte verdoppelt. Taschendiebstahl überall. Täter frei.

Es wird reflexartig nach der Polizei gerufen und wenn sie kommt, hat das mitunter zweifelhaften Erfolg. In der Kriminologie spricht man vom sogenannten Lüchow-Dannenberg-Syndrom. Es bezeichnet das Phänomen, dass die Erhöhung der Polizeipräsenz an einem Ort eine Erhöhung der statistisch erfassten Vergehen und Verbrechen nach sich zieht. Vereinfacht gesagt, mehr Polizei bedeutet mehr Kontrolle und damit mehr erfasste Fälle. Es scheint fast so, als ob mehr Polizei dann auch mehr Kriminalität verursacht.

Sorgfaltsverantwortung

Den Anwohnern am Kottbusser Tor hilft das allein nicht. Unverändert bleiben ihre sozialen und gesellschaftlichen Probleme. Die tägliche Konfrontation mit der Kriminalität ist dabei nur eine von vielen Herausforderungen. Die "Vermüllung des Wohnumfelds" wird beklagt und die "Präsenz der Drogen- und Alkoholszene" insgesamt. Letztere sorgt seit vielen Jahren für sehr emotionale Diskussionen unter den unmittelbaren Anwohnern. Immer wieder wird betont, dass die Situation besonders für Kinder unzumutbar sei, vor allem für diejenigen, die direkt am Kottbusser Tor wohnen. Bezeichnenderweise spricht das örtliche Quartiersmanagement auch davon, dass das Sicherheitsempfinden vieler Einwohner Kreuzbergs, vor allen Dingen seiner unmittelbaren Anwohner "nach wie vor" beeinträchtigt sei.

Was kann man tun? Ich wünsche mir ein Prinzip der Sorgfaltsverantwortung für meinen Kiez. Sorgfalt im Umgang mit Unsicherheit. Sorgfalt im Umgang mit Tätern. Eine Sorgfaltsverantwortung, die von der Politik und den Behörden getragen wird. Mit mehr Gewicht für die beteiligten zivilgesellschaftlichen Gruppen, die gute Arbeit leisten. Individuell verantwortet, mit behördlicher Empathie versehen und verknüpft mit zivilgesellschaftlichem sowie sozialem Engagement.

Ich wünsche mir nicht die Beschaulichkeit Metzingens, ich mag meinen Kiez. Dennoch sollten wir gemeinsam alles Erdenkliche tun, um Unsicherheiten und Kriminalitätsaufkommen zu beseitigen. Nichtstaatliche Akteure müssen stärkeres Gewicht bekommen, stärker aktiv mitwirken. Es sind Kooperationen mit relevanten zivilgesellschaftlichen Gruppen einzugehen und Fachkompetenzen sind über Behördengrenzen zu bündeln. Kooperativ und konsequent – einem klaren Fahrplan folgend.

Mehr Beleuchtung, besserer Städtebau

Genau daran fehlt es mir – auch wenn es um die Arbeit der grünen Bezirksbürgermeisterin geht. Wir brauchen ein kriminalpräventives, sozialintegratives und übergreifendes Konzept mit klarem Anspruch und konkreten Zielen: Integration fördern, Tätern Konsequenzen aufzeigen, Tatgelegenheiten reduzieren, Straftaten vermindern. Selbstschutz stärken oder kriminalitätsbegünstigende Faktoren mindern. Ein Konzept, das Sozialarbeit als primäres Ordnungsmittel zur Begegnung von Kriminalität begreift und dem Prinzip der Sorgfaltsverantwortung Rechnung trägt. Ein Konzept, das auch mehr Polizei unmittelbar vor Ort beinhaltet, sei es in Form von mobilen Wachen oder Kontaktbeamten.

Zu den drängendsten Anforderungen zählt aber sicherlich die städtebauliche Entwicklung von kriminalitätsbelasteten Orten. Es braucht Übersichtlichkeit, ausreichende Beleuchtung oder verbesserte Wegeführung mit dem Ziel leichterer Orientierung. Bislang unzugängliche Bereiche sind zu öffnen, Aufenthalts- und Kommunikationsbereiche zu schaffen, neue Verkehrsführungen anzudenken. Mobilitäts- und Ruheräume haben Einfluss auf Sicherheitsempfinden.

Es mag sich nach viel Arbeit anhören, doch ich denke, das ist es wert. Sicherheit ist auch ein Grundprinzip unserer Demokratie und mit kluger, weitsichtiger und integrativer Politik, die sich nicht nur in Polemik und schnellen Lösungen verliert, können wir dieses Prinzip verteidigen. Zum Wohle unserer Bürgerrechte. Zum Wohle meines Rechts auf Unversehrtheit. Dann kehrt auch das gute Gefühl zurück, das Freiheit und nicht Unsicherheit ist. Die Politik muss nur endlich damit anfangen.