Franziskus, der argentinische Papst mit europäischem Migrationshintergrund, hat sich um Europa verdient gemacht – deshalb erhielt er am heutigen Freitag den Karlspreis aus der Hand des Aachener Oberbürgermeisters Marcel Philipp, und deshalb reisten die europäischen Spitzenpolitiker nach Rom, um ihn zu würdigen. Der Papst nutzte die Gelegenheit und redet den Spitzenpolitikern Europas ins Gewissen, ganz besonders den Führerinnen und Führern alter katholischer Staaten wie Polen und Ungarn. 

Vielleicht ahnen sie, dass er mehr recht hat, als ihnen lieb sein kann, auch wenn die Wogen des politischen Alltags wieder über der Feier in der prunkvollen Sala Regia im Vatikan zusammenschlagen und die Krise des Kontinents wieder hervortritt im Gezerre um Quoten und Kompensationen. Franziskus träumt von einem Europa, so sagte er, das in die Gesichter blickt und nicht auf die Zahlen, "wo junge Leute die reine Luft der Ehrlichkeit atmen, die nicht verschmutzt ist vom Konsumismus". Wer noch auf Landesinteressen, Wohlstand und Abgrenzung bedacht ist, dem entzieht der Papst die moralische Unterstützung.

Franziskus reißt die Argumentationszäune ein, die angeblich christliche Präsidenten und Regierungschefinnen um ihre Länder ziehen wollen. Er wischt ihren Einwand weg, dass Europas christliche Wurzeln ein katholisches Treibhausklima brauchen, um zu überleben, und andersgläubige Zuwanderer das Wachstum hemmen. Mit keinem Wort stellt er sich hinter die Versuche vor allem osteuropäischer Politiker, das Katholische gegen den Islam auszuspielen. Er träume von einem inklusiven Kontinent, sagte er bei der Verleihung, "wo es kein Verbrechen ist, Migrant zu sein, sondern einen Einsatz für die Würde der Menschen auslöst".

Rom - Drei syrische Familien finden Zuflucht im Vatikan Nach Papst Franziskus' Besuch auf der griechischen Insel Lesbos befinden sich nun drei syrische Familien auf seine Einladung in der Obhut des Vatikan. Sie sind froh, in Sicherheit zu sein, und lernen jetzt Italienisch.

Religion, lautet seine Botschaft, schließt niemanden aus, sondern alle ein. Sie versöhnt, statt zu spalten. Damit wendet er sich gegen die auch in Europa zunehmenden Versuche, die Menschen mithilfe der Religion gegeneinander aufzubringen. "Als Sohn, der in der Mutter Europa seine Glaubenswurzeln hat, träume ich von einer neuen europäischen Humanität", sagte er. Das klingt auch wie das Gegenteil des Satzes "Der Islam gehört nicht zu Deutschland".

2014, als Franziskus den Europarat und das Europaparlament besuchte, verglich er Europa mit einer unfruchtbaren alten Frau. Bundeskanzlerin Angela Merkel ärgerte sich und rief bei ihm an. Daraus ist offenbar eine Freundschaft geworden. Jetzt, zur Karlspreisverleihung, besuchte sie ihn zur mittlerweile dritten Audienz. Und der Papst zeigte sich lernfähig und warb um Gehör: Europa, die Wiege der Humanität, sei "immer noch reich an Kapazitäten".

Sätze wie dieser sagen: Der Papst traut Europa viel zu. Er setzt Hoffnungen auf den Kontinent, ebenso wie die Millionen Flüchtlinge, die sich auf den Weg machen, um in Europa das Leben zu finden, das die Mächtigen ihrer Länder und fanatische Gläubige ihnen aus der Hand reißen und zerbomben.

Nicht nur Europa, auch die Kirche modernisieren

Franziskus' Rede zeigte auch, dass der Papst die Reform seiner eigenen Kirche als Beitrag zu einer menschlichen Gesellschaft sieht: Nur eine erneuerte Kirche könne an der Humanisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mitarbeiten. Im Dezember hat er ein "Heiliges Jahr der Barmherzigkeit" ausgerufen. Darauf spielte er jetzt in Rom an: Die erneuerte Kirche können den Menschen Jesus nahebringen und seine Barmherzigkeit. Zudem brauche ein einiger Kontinent die Einheit der Kirchen. Vor wenigen Tagen hat Franziskus den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, getroffen und sich über das 500. Jubiläum der Reformation im nächsten Jahr ausgetauscht. Gemeinsam mit dem Protestanten wirbt er für eine Gesellschaft, die nicht den materiellen Gewinn ins Zentrum stellt, sondern die Menschen, ihre Probleme und ihre Chancen. Der Papst wünscht sich, dass die Kirchen bei der Humanisierung der Gesellschaft vorangehen, statt an alten Besitzständen zu kleben, seien es Ländereien, Privilegien oder auch Dogmen.

Vielleicht liegt das Geheimnis des Papstes darin, dass er Europa zuerst aus den Erzählungen seines Vaters kennengelernt hat. Der ist zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg aus dem italienischen Piemont ausgewandert, um in Argentinien sein Glück zu machen, einem Land, das viel versprach, aber mehr als eine Generation lang nicht zur Ruhe kam. Franziskus hat zu Hause Piemontesisch gesprochen, den Dialekt seiner europäischen Vorfahren. Er hat erlebt, was es heißt, unterwegs zu sein und neu anzufangen, und er, das Migrantenkind, weiß, wie sehr Menschen darauf angewiesen sind, freundlich aufgenommen zu werden.