Sie sind wieder da

Als vor 15 Jahren bekannt wurde, dass Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg einen Geldtransporter überfallen hatten, titelte die Bild am Sonntag: "Es gibt eine neue RAF! Geht der blutige Terror wieder los?" Und eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft bezeichnete die Möglichkeit, dass Staub oder Klette sich nun als "normale Schwerkriminelle ohne revolutionäres Ziel" verstünden, als "lebensfremde Annahme". Die drei ehemaligen RAF-Mitglieder hatten rund eine Million D-Mark erbeutet –  offenbar reichte ihnen das Geld einige Jahre lang aus.

Heute glaubt niemand mehr, dass Staub, Klette und Garweg mit ihren Überfällen politische oder sogar revolutionäre Ziele im Sinn haben. Fest steht aber, dass das Trio in den vergangenen Jahren immer wieder Geldtransporter und Geldboten überfallen hat – nach Recherchen von ZEIT ONLINE weit häufiger, als bislang bekannt ist. Offenbar brauchen die Terroristen wieder Geld.

Dritte Generation

Staub, Klette und Garweg gehörten zur sogenannten dritten Generation der RAF, die in den achtziger und neunziger Jahren Anschläge verübte. Diese Generation wird unter anderem für die Ermordung des Unternehmers Ernst Zimmermann, des Siemens-Managers Karl-Heinz Beckurts und des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen verantwortlich gemacht. Staub, Klette und Garweg tauchten Ende der 1980er Jahre in den Untergrund ab.

Die drei sollen gemeinsam mit Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams 1993 an einem Sprengstoffanschlag auf das noch nicht geöffnete Gefängnis in Weiterstadt beteiligt gewesen sein. Daniela Klette wird zudem wegen eines versuchten Anschlags mit einer 45-Kilo-Autobombe auf die Computerzentrale der Deutschen Bank in Eschborn gesucht.

Jahrelang hinterließen die Terroristen keine Spuren. Doch jetzt haben sich die drei Gestalten aus dem Untergrund plötzlich wieder materialisiert.

Waffen aus altem Depot

Die Ermittler entdeckten, dass das Trio am 6. Juni 2015 versucht hat, mit zwei Kalaschnikows und einer Panzerfaust bewaffnet auf dem Parkplatz eines Real-Einkaufsmarkts in Stuhr in Niedersachsen einen Geldtransporter zu überfallen – die Waffen stammen vermutlich noch aus einem alten RAF-Depot. Am 28. Dezember 2015 sollen die drei überdies in Wolfsburg einen weiteren Geldtransporter überfallen haben. Beide Male flohen sie ohne Beute.

In beiden Fällen bedienten sich die drei derselben Methode: Sie kundschafteten die Abläufe und Gegebenheiten genau aus, sie kannten die Fluchtwege, sie nutzten Pkws als Fluchtwagen, stellten sie im Wald ab und zündeten sie an.

Diesen Modus Operandi haben sie nach Recherchen von ZEIT ONLINE  auch noch in mindestens zwei weiteren, bislang unaufgeklärten Überfällen angewendet: einmal in Hildesheim Mitte Mai 2016 und einmal in Stade an Heiligabend 2012.

Ein Heiligabend in Stade

In Hildesheim wurde ein Geldbote in einem Supermarkt überfallen, die Auswertung der Spuren dauert noch an. Aber einige Indizien sprechen dafür, dass es sich bei den Tätern um das gesuchte Trio handelt, möglicherweise gibt es sogar Zeugen.

In Stade haben zwei Männer, offenbar Staub und Garweg, an Heiligabend 2012 um 9.30 Uhr einen großen Supermarkt der Kette Marktkauf überfallen. Sie drangen in das Kassenbüro ein, überwältigten drei Angestellte, erbeuteten mehrere Tausend Euro und fuhren mit ihrem Fluchtauto davon, einem silbernen Golf 3, auf den sie ein Blaulicht setzten, wahrscheinlich, damit sie im Weihnachtsverkehr besser vorankamen. Das Fluchtfahrzeug fanden die Ermittler eine Stunde später. Es war, genau wie nach den Überfällen in Wolfsburg und Stuhr, in einem nahe gelegenen Waldstück abgestellt.

Das Auto, das die Ermittler an Heiligabend 2012 entdeckten, brannte lichterloh. Aber bei den jüngeren Überfällen in Stuhr und Wolfsburg hatte das Inbrandsetzen nicht funktioniert. Deswegen konnten die Fahnder in den Autos DNA-Spuren der drei ehemaligen RAF-Mitglieder sicherstellen sowie einige andere Spuren, die Hinweise auf ihre Leben im Untergrund geben.

Hundehaare und Stroh

Da sind zum Beispiel die Hundehaare, die auf einem Sitz gefunden wurden. Und da ist das Stroh, das lose im Kofferraum lag.

Wahrscheinlich ist, dass die drei zusammengeblieben sind, seit sie sich für ein Leben im Untergrund entschieden haben. Vielleicht leben sie auf einem Hof mit Tieren und in einer Scheune, in der sie ihre Autos unterstellen. Vielleicht liegt dieser Hof sogar in Niedersachsen.

Fest steht, dass sie in Niedersachsen einige Überfälle begangen haben, dass sie sich durch Niedersachsen im öffentlichen Nahverkehr bewegt und in Niedersachsen ihre Fluchtfahrzeuge erworben haben. Auch zu den Autohändlern, bei denen sie die Fluchtautos kauften, sind sie mit Bus und Bahn gelangt. Sie haben unter anderem im Herbst einen Wagen in Hannover erworben. Das hat das Landeskriminalamt Niedersachsen herausgefunden, indem es landesweit mehr als 1.000 Autohändler befragte. Eine Großanstrengung, die sich gelohnt hat: Die Ermittler haben unter anderem die Methode aufgedeckt, nach der die Ex-Terroristen stets ihre Fluchtwagen kauften. Sie haben auch einen Autohändler in Osnabrück gefunden, bei dem Staub und Garweg in diesem Frühjahr auftauchten. Offenbar hat der Autohändler sich nicht so verhalten, wie Staub und Garweg es erwartet hatten. Deswegen zogen sie unverrichteter Dinge wieder von dannen. 

Getarnte Touristen?

Anfang dieser Woche wurde der Fahndungsaufruf nach dem Trio im holländischen Fernsehen ausgestrahlt. Womöglich halten sich die drei ehemaligen Terroristen in Holland auf. Legt man auf einer Karte den Radius der Kilometer, den die Fluchtautos laut Tachostand gefahren sind, um die Orte des jeweiligen Überfalls, erkennt man eine Schnittmenge, die auch Teile der Niederlande einschließt. Dort überall können sich die Täter aufgehalten haben.

Obwohl das Landeskriminalamt Niedersachsen vergangene Woche gutes Bildmaterial von Staub und Garweg veröffentlichte, wurden sie bislang nicht festgenommen. Offenbar hat niemand sie erkannt. Vielleicht leben sie auch nicht auf einem Hof, sondern ziehen seit vielen Jahren als Touristen umher. Vielleicht leben sie an Orten, an denen andere Ferien machen, an Orten, an denen die Gesichter oft wechseln. Vielleicht ziehen sie umher, ohne jemals eine Heimat zu finden.

Die Karte zeigt die Region, in der die Überfälle des RAF-Trios stattgefunden haben. Um die Tatorte Wolfsburg und Stuhr ist ein Radius von 300 Kilometern gelegt, und zwar entsprechend der tatsächlich fahrbaren Straßen. In der Schnittmenge sieht man so, wo sich die Ex-Terroristen aufhalten könnten. © Erstellt von Sebastian Mondial, Quelle Google Maps

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