Der Hilfsfonds für die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs in Familien steht drei Jahre nach dem Start vor einer ungewissen Finanzierung. Der mit rund 58 Millionen Euro befüllte Fonds für zusätzliche Therapien und andere Hilfen sei fast leer, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Außer Bayern und Mecklenburg-Vorpommern weigerten sich die Bundesländer, in den Fonds einzuzahlen.

Der Fonds war ein Ergebnis des Runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch, der als Reaktion auf die Missbrauchsskandale an kirchlichen und staatlichen Schulen sowie anderen Einrichtungen Empfehlungen abgab. Der Bund hat sich mit einem Beitrag von 50 Millionen Euro an dem Fonds beteiligt.

Mit dem Geld sollen Erwachsene unterstützt werden, die noch immer unter den sexuellen Übergriffen aus der Kindheit und Jugend leiden, aber bei ihrer Krankenkasse keinen Anspruch auf passende Therapien oder Lebenshilfen haben. Pro Person wird dabei mit bis zu 10.000 Euro kalkuliert.

Nach Angaben von Rörig haben sich bis April insgesamt mehr als 5.000 Menschen, die als Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt in ihrer Familie erfuhren, Anträge gestellt. Die Antragsfrist wurde im April verlängert. Allein im vierten Quartal 2015 stellten rund 500 Betroffene einen Antrag, danach stiegen die Zahlen nach bisheriger Schätzung noch weiter an.

Auch seitens des Bundesfamilienministeriums wird bemängelt, dass 14 Bundesländer nach wie vor nicht bereit seien, sich an dem Fonds zu beteiligen. Allerdings ist man im Haus von Ministerin Manuela Schwesig weniger pessimistisch als der Missbrauchsbeauftragte. "Wir gehen davon aus, dass wir die Anträge mit der bestehenden finanziellen Ausstattung weitgehend bewältigen können", sagte ein Sprecher der SPD-Politikerin. Falls die Summe wider Erwarten nicht ausreichen sollte, werde man gemeinsam mit dem Parlament über die weitere Finanzierung nachdenken müssen.   

Offenbar wird dies auch notwendig sein, denn Rörig zufolge ist der Beratungsbedarf weiterhin konstant hoch. So hätten von 2010 bis Mai 2015 insgesamt 56.000 Betroffene beim Hilfetelefon angerufen, fast 6.000 schrieben Briefe. Gleichzeitig fehlt es noch immer an Beratungsstellen, insbesondere für Männer, und an Therapieplätzen. Auch die langen Bearbeitungszeiten von Anträgen an den Fonds – zur Zeit rund ein Jahr – sind für viele Betroffene schwer nachvollziehbar.

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland hat nach Schätzungen sexuellen Missbrauch erlebt. "Der Haupttatort bleibt die Familie", sagt Rörig. "Aber es gibt jetzt auch viele Taten unter Gleichaltrigen – und steigende Fallzahlen durch Chat-Bekanntschaften in den digitalen Medien."