Dass politische Häftlinge in syrischen Gefängnissen zu Tode kommen, war schon lange bekannt; jetzt wurden erstmals Zahlen veröffentlicht. Den Aktivisten der in Großbritannien sitzenden Beobachtungsstelle zufolge sind mindestens 60.000 Menschen in Gefängnissen der Regierung an den Folgen von Folter, Unterernährung oder Mangel an Medikamenten gestorben. Unter den Getöteten seien mindestens 110 Minderjährige.

Der Leiter der Organisation Rami Abdel Rahman sagte, er komme durch die Auswertung amtlicher Angaben seit März 2011 auf diese Zahl. Die Menschenrechtsbeobachter stützten sich demnach auf Quellen in der syrischen Armee, im Geheimdienst der Luftwaffe, im Staatsgeheimdienst sowie in der Verwaltung des Sednaya-Gefängnisses bei Damaskus. Zudem hätten sie 14.456 Fälle selbst dokumentiert.

Misshandlungen auf mehreren Seiten

Aktuell sitzen demnach etwa weitere 200.000 Menschen in Assads Gefängnissen. Die Menschenrechtsbeobachter berichten über Entwicklungen im syrischen Bürgerkrieg und beziehen ihre Informationen über ein Netzwerk von Aktivisten; ihre Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Einem UN-Bericht vom Februar zufolge wendet das syrische Regime systematisch Gewalt gegenüber Häftlingen an. Auch einige Oppositionsgruppen missbrauchen und töten demnach in Lagern gefangene Regimesoldaten. In Gefängnissen einiger Gruppen, die Assad bekämpfen, kamen Rahman zufolge im gleichen Zeitraum "mehrere Tausend" Menschen zu Tode – vor allem durch die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Im Februar hatten UN-Ermittler die Regierung beschuldigt, Gefangene als Teil einer "staatlichen Politik" zu "vernichten". Anfang des Monats hatte der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, Eva Svoboda zur Beauftragten für Gefangenenangelegenheiten ernannt.