Im Lügen hat Lisa Übung. Sie sitzt auf dem Sofa, spielt mit einer hellblonden Haarsträhne und schaut die Mutter herausfordernd an. "Was hätte ich denn sagen sollen?" Lisa hat auf der Straße einen Jungen aus dem Dorf getroffen. "Hat bei euch nicht mal Paul gewohnt?", wollte er wissen. Lisa antwortete, sie kenne keinen Paul. "Hätte ich sagen sollen, Paul war mein Bruder und ist tot?"

Lisas Mutter Kerstin Schneider sagt nichts, schüttelt nur den Kopf. Die Familie hat sich an die Lebenslüge der Tochter gewöhnt. Warum sie nicht bei ihren Freundinnen übernachten will, warum sie keine engen Hosen trägt, warum sie später keine Kinder bekommen will. Und dass sie keinen Paul kennt. Lisa hat auf alles eine Antwort. Sie ist zehn Jahre alt und hat sich ihre eigene Welt erschaffen. Aus bunten Röcken, Glitzerfeen und einem neuen Namen.

Paul ist nicht gestorben. In der Schublade liegt noch die Geburtsurkunde mit seinem Namen und in Lisas Pass steht als Vorname: Paul. Geschlecht: männlich. Lisa ist mit den Geschlechtsmerkmalen eines Jungen geboren, hat aber schon als Kleinkind immer nur von sich als Mädchen gesprochen. Seit sie fünf ist, lebt sie öffentlich als Lisa.

Die Mitschüler wissen nichts von Lisas Vergangenheit

Da ihr die anderen Kinder in der Kita nach ihrem Rollenwechsel unangenehme Fragen stellten (warum bist du ein Mädchen mit Penis?) und die Eltern der anderen Kinder sie nicht mehr zum Kindergeburtstag einluden, hat die Familie beim Wechsel in die Grundschule nur noch die Lehrer informiert. Die anderen Kinder wissen nichts von Lisas Vergangenheit als Paul. Auch in dem Dorf bei Berlin, in dem Familie Schneider lebt, weiß kaum jemand, dass Lisa ein Transmädchen ist. Sie möchte das so, ihre Eltern haben den Wunsch akzeptiert. Deshalb sind auch die Namen von Lisas Familie in diesem Text geändert.

Schon als Lisa noch Paul hieß, haben ihre Eltern gemerkt, dass ihr Kind anders ist als die anderen Jungs. Aber ist es gleich ein atypisches Verhalten, wenn ein Junge nicht gerne mit den anderen raufen geht und im Fußballnetz lieber Spinnenfrau spielt, statt Bälle reinzukicken? In Zeiten, in denen viele Eltern und Erzieher bewusst versuchen, genormtes Geschlechterverhalten zu überwinden, und Mütter sich freuen, wenn ihre Töchter lieber mit Baggern als mit Barbies spielen?

"Bei Paul wurde es immer extremer, er mochte irgendwann nur noch mit den Mädchen spielen, gab sich ausschließlich weibliche Rollen", sagt Kerstin Schneider. Sie akzeptierte Pauls Anderssein. Bis zu jenem Tag vor fünfeinhalb Jahren, an dem Paul besonders lang unter der Dusche stand. Als Kerstin Schneider ins Bad kam, versuchte ihr Kind, sich mit einem Plastikmesser den Penis abzuschneiden. Darunter, sagte Paul, müsse doch eine Scheide sein wie bei anderen Mädchen auch.

Immer mehr Kinder kommen in die Sprechstunde

Schätzungen zufolge sind etwa fünf von 100.000 Kindern transident, fühlen sich also nicht ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig. "Genaue Zahlen gibt es nicht", sagt Bernd Meyenburg. Er ist Kinder- und Jugendpsychiater am Uniklinikum Frankfurt und hat dort im Jahr 1989 die erste Sprechstunde in Deutschland für transidente Kinder und Jugendliche eröffnet. Damals sprach man noch von transsexuellen Kindern, der Begriff gilt inzwischen als überholt, weil er leicht in die Irre führt: Es geht um die Identität, nicht um die sexuelle Orientierung.

"Der Zulauf war anfangs überschaubar", sagt Meyenburg. Heute ist das anders: Pro Woche kommen vier neue Kinder oder Jugendliche in seine Sprechstunde, andere Städte haben ähnliche Angebote eingeführt. "Die Leute sind viel besser vernetzt und informiert, früher machten das mehr Familien unter sich aus." Insgesamt hat Meyenburg rund 640 Kinder und Jugendliche in seiner Sprechstunde gesehen.

Psychotherapie ja, Umerziehung nein

Da es schwer ist, vorherzusagen, bei welchen Kindern der Wunsch nach einem Geschlechtswechsel bestehen bleibt, empfiehlt er eine psychotherapeutische Behandlung. "Allerdings unbedingt ergebnisoffen, nicht mit dem Ziel der Umerziehung", wie Meyenburg sagt. Wenn er keine Zweifel an der Transidentität eines Kindes hat, empfiehlt er nach Eintreten der ersten pubertären Veränderungen eine Therapie mit pubertätshemmenden Hormonen, später dann eine mit gegengeschlechtlichen.

Doch seine liberale Haltung vertreten nicht viele. Der Kanadier Kenneth Zucker macht für Transidentität bei Kindern vor allem eine gestörte Bindung zur Mutter verantwortlich und empfiehlt, das Kind in seinem ursprünglichen Geschlecht zu erziehen und zu bestärken. Seine extremen Positionen sind umstritten, aber auch gemäßigtere deutsche Kollegen von Meyenburg sind der Meinung, dass Ärzte bei Kindern nicht zu schnell eine Transidentität – oder wie es früher genannt wurde: eine Geschlechtsidentitätsstörung – diagnostizieren sollten.

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Kinder einen Identitätskonflikt überwinden, liege im Laufe der Pubertät bei rund 80 Prozent, sagt beispielsweise Alexander Korte. Er ist leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Münchner Uniklinikums. Unklar ist allerdings, welche Kinder in dieser Statistik erfasst sind. Viele Kinder experimentieren phasenweise mit ihrer Geschlechtsidentität, das heißt nicht gleich, dass sie trans* sind.  

"Kinder können meistens keine dauerhafte Aussage über ihre Geschlechtsidentität treffen", sagt Korte. Er ist zurückhaltender mit der Gabe von Hormonen. "Es ist in Mode gekommen, Kinder früh im anderen Geschlecht zu bestärken. Doch bei vielen löst sich der Konflikt in der Pubertät mit den natürlichen Sexualhormonen wieder auf", sagt er. Viele Eltern gäben dem Druck, alles solle wieder "normal werden", zu schnell nach.