Arnsdorf - Männer greifen Asylbewerber an In Sachsen haben vier Männer einen irakischen Asylbewerber aus einem Supermarkt gezerrt und an einen Baum gefesselt. Das Video, das den Vorfall vom 21. Mai zeigt, wurde zunächst in rechtsextremen Kreisen verbreitet. © Foto: YouTube/Antifa PR

Im sächsischen Arnsdorf haben mehrere Männer einen Asylbewerber aus einem Supermarkt gezerrt, ihn geschlagen und später an einen Baum gefesselt. Der Angriff auf den 21-jährigen Iraker ereignete sich bereits am 21. Mai, wie die Polizei mitteilte. Durch ein Video, das besonders in rechtsextremen Kreisen über soziale Netzwerke verbreitet und menschenverachtend kommentiert wird, wurde der Vorfall erst jetzt einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Darin spricht eine unbekannte Frau von einer Bürgerwehr. In zahlreichen Forenbeiträgen wird deren Eingreifen gelobt.

In dem Video ist zu sehen, wie der irakische Asylsuchende an der Kasse des Supermarktes steht und eine Flasche in der Hand hinter seinem Rücken hält. Die Kassiererin fordert ihn mehrmals auf, die Flasche hinzustellen und den Laden zu verlassen. Nach längerer Diskussion betreten vier Männer den Laden. Sie gehen zielstrebig auf den 21-Jährigen zu, ergreifen ihn und tragen ihn gewaltsam aus dem Geschäft.

Einer der vier Männer ist der CDU-Politiker Detlef Oelsner. Er wohne gegenüber dem Supermarkt und habe spontan eingegriffen, als er am Gartenzaun mitbekommen habe, dass es laut wurde, sagte Oelsner ZEIT ONLINE. Bei den Männern, die in dem Video zu sehen sind, handele es sich aber nicht um eine Bürgerwehr, beteuert Oelsner. Er selbst sei mit einem weißen T-Shirt in dem Video zu sehen und habe die Polizei gerufen, nachdem der Iraker ins Freie gebracht worden war. Sie hätten den Asylbewerber festgebunden, weil er sich so heftig gewehrt habe, sagt Oelsner. Geschlagen hätten sie den 21-Jährigen nicht.

Oelsner sitzt für die CDU im Gemeinderat und hatte laut Sächsischer Zeitung im vergangenen Jahr für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Im Gemeinderat war der Vorfall bereits Thema. "Wir haben Zivilcourage gezeigt", hatte der CDU-Politiker dort gesagt. Auch wenn es ein Deutscher gewesen wäre, hätte er eingegriffen. Die Polizei sei am Mittwoch bereits bei ihm gewesen.

Arnsdorfer Bürgermeisterin kennt die Männer

Die Arnsdorfer Bürgermeisterin Martina Angermann (SPD) glaubt nicht, dass die Männer, die in dem Video zu sehen sind, zufällig in dem Supermarkt auftauchten. Neben Oelsner habe sie zwei Personen identifizieren können, sagte sie ZEIT ONLINE. Die beiden seien mehrfach lautstark und massiv bei Versammlungen und öffentlichen Gemeinderatssitzungen aufgefallen, bei denen es um eine mögliche Flüchtlingsunterkunft in dem Ort ging – als Gegner.

Dass sich in Arnsdorf eine Bürgerwehr gegründet hätte, ist Angermann nicht bekannt. Eine rechte Vereinigung drohte nach dem Vorfall im Supermarkt auf Facebook damit, eine Bürgerwehr zu gründen und "das Recht in die Hand" zu nehmen.

Der Iraker ist laut der Polizei Patient des psychiatrischen Krankenhauses Arnsdorf. Anlass des Streits zwischen dem 21-Jährigen und der Kassiererin war die Telefonkarte des Mannes: Er habe sie einen Tag zuvor gekauft und offenbar Probleme damit gehabt. Zweimal war der Mann deshalb an dem Tag in der Supermarktfiliale und wurde jedes Mal von der Polizei zurück in das Krankenhaus gebracht. "Aufgrund sprachlicher Defizite konnten sich die Mitarbeiter und der Betroffene jedoch nicht miteinander verständigen", teilten die Ermittler mit.

Mit Kabelbindern an Baum gefesselt

Bei der dritten Beschwerde des Irakers am frühen Abend gegen 18 Uhr eskalierte die Situation dann. Eine Verkäuferin hatte festgestellt, dass das Guthaben der Telefonkarte bereits verbraucht war. "Der Mann soll in Rage geraten sein, eine Flasche Wein aus einem Regal genommen und damit die Filialleiterin sowie eine Mitarbeiterin bedroht haben", heißt es im Polizeibericht. Verletzt wurde niemand. In dem Video hält der Iraker die Flasche lediglich hinter seinem Rücken, ohne erkennbare Drohgeste, ein Mitarbeiter geht zwischenzeitlich auf ihn zu, andere Kunden kaufen weiter ein.

Auf dem Mitschnitt sind nur Wortfetzen zu hören. Dann kommen plötzlich vier Männer in den Supermarkt, gehen auf den 21-jährigen Iraker los, werden handgreiflich und führen ihn hinaus. Die Polizei wurde nach eigenen Angaben um 18.52 Uhr per Notruf alarmiert. "Bei Eintreffen einer Streife fanden die Beamten den 21-Jährigen mit Kabelbindern gefesselt an einem Baum auf dem Parkplatz des Supermarktes vor", heißt es im Bericht. Die verantwortlichen Männer hätten gesagt, dass sie den Mann zur Abwehr einer angeblichen Gefährdungssituation festgehalten und an einer Flucht gehindert hätten.

Polizei: Ladendiebstahl hat es nie gegeben

Die Polizei verwies die vier Männer des Platzes, ohne ihre Identitäten festzustellen. Drei der Männer im Alter von 29, 49 und 54 Jahren sind inzwischen ermittelt. Sie alle wohnen in der Gegend und sind der Polizei bisher nicht aufgefallen.

Sanitäter versorgten den 21-Jährigen nach dem Vorfall und brachten ihn zum Krankenhaus zurück. Die Polizei gründete inzwischen eine eigene Ermittlungsgruppe Arnsdorf und ermittelt gegen den Asylbewerber wegen des Verdachts der Bedrohung und gegen die Männer wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung. Auch der Staatsschutz ist eingeschaltet. Einen Ladendiebstahl, wie er von einem Passanten angezeigt worden war, hat es laut Polizei nie gegeben.

Der Supermarktbetreiber Netto äußerte sich auf Facebook auf die Anfrage eines Nutzers hin zu dem Vorfall. Die Mitarbeiter hätten die Männer mit den schwarzen T-Shirts nicht gerufen. Es sei eine "Selbstverständlichkeit, dass Kunden unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder Alter gleich behandelt würden".