Cornel und ein Team der Straffälligen- und Bewährungshilfe Berlin haben das in einem Projekt in Berlin getestet. "Wir haben einen Scout eingesetzt, der nichts anderes gemacht hat, als zu den Menschen zu fahren, die sich nicht zurückgemeldet haben." Dort habe dieser dann mal festgestellt, dass derjenige schon zwei Jahre bei seiner Freundin wohnt, oder dass dort überhaupt kein Briefkasten ist. Und in sehr vielen Fällen habe er die Menschen ausfindig machen können. Oft einfach, indem er einen Brief schickte, die Adresse per Hand auf den Umschlag schrieb und eine Handynummer angab, unter der er auch außerhalb von Behördenarbeitszeiten zu erreichen war. "Plötzlich meldeten sich eine ganze Menge Leute, die eigentlich schon abgeschrieben waren", sagt Cornel. "Wir haben das in Berlin mal durchgerechnet: Man könnte Millionen sparen."

Eigentlich war die Geldstrafe als eine faire Sanktionsmöglichkeit gedacht: Die Schwere der Tat bestimmt, zu wie vielen Tagessätzen jemand verurteilt wird, diese Anzahl ist also für Arme und Reiche gleich. Die Höhe dieser Tagessätze bestimmt sich aber nach dem Einkommen des Verurteilten, es soll seinem durchschnittlichen Tagesverdienst entsprechen. So wird sichergestellt, dass Menschen mit viel Geld eine Geldstrafe ebenso spüren wie Menschen mit wenig Geld. "Doch am unteren Ende funktioniert das Prinzip nicht", sagt der Kriminologe Heinz Cornel. "Wenn man nichts abgeben kann, weil der Hartz-IV-Satz nur gerade so mit dem Existenzminimum und der Menschenwürde vereinbar ist, funktioniert das an sich sozial gewichtende System plötzlich nicht mehr."

Die vielen offenen Haftbefehle zeigen außerdem, dass die Strafe oft gar nicht durchgesetzt wird. Warum braucht man sie trotzdem? Cornel erklärt es sozialpsychologisch: "Das Gefängnis ist ein Symbol des starken Staates. Es gibt die Vorstellung, eine Gesellschaft wäre ohnmächtig, wenn sie jemandem gegenüber keine Strafe vollstrecken könnte. Dabei ist das etwas, das wir im Zivilrecht einfach hinnehmen: Es gibt Hunderttausende Menschen, die kein pfändbares Einkommen haben, also nie Schadenersatz zahlen müssten."

Offene Haftbefehle - Warum verurteilte Straftäter nicht ins Gefängnis kommen Über 148.000 Haftbefehle sind in Deutschland nicht vollstreckt. Irene Mihalic, Grüne und ehemalige Polizistin, sieht die Gefahr, dass die Sicherheitsbehörden verurteilte Straftäter komplett vom Radar verloren haben.

Bayern verteidigt die Haft

Dass sich auf der Justizministerkonferenz eine Mehrheit für die Abschaffung der Ersatzfreiheitsstrafe findet, gilt nicht als wahrscheinlich. Aus Sicht Bayerns ist sie "ein wichtiger Baustein im Sanktionensystem des Strafgesetzbuches", sagt Justizminister Winfried Bausback ZEIT ONLINE. "Es gibt keinen Grund, sie abzuschaffen. Für diejenigen, die zu einer Geldstrafe verurteilt worden sind, sie aber nicht bezahlen können, bietet unser seit Jahren erfolgreiches Projekt Schwitzen statt Sitzen eine sinnvolle Alternative."

Nachdem Pascal Becker in Berlin drei Tage im geschlossenen Vollzug gesessen hatte, durfte er in den offenen wechseln, wo er sich ein Zimmer mit einem Mann teilte, der beim Schwarzfahren erwischt worden war. Er hätte dort wohl noch weiter Wände angestarrt, wenn nicht Thomas Grünig gekommen wäre. Grünig ist Sozialarbeiter und leitet das Projekt Arbeit statt Strafe der Straffälligen- und Bewährungshilfe Berlin e. V.

In Berlin würde man alternative Sanktionsmöglichkeiten begrüßen, sagt eine Sprecherin des Justizsenators ZEIT ONLINE. Dem Vorschlag aus Nordrhein-Westfalen, der auch beinhaltet, Hartz-IV-Bezieher zu pfänden, stehe man positiv gegenüber. "Eine ersatzlose Abschaffung lehnen wir allerdings ab. Wir können nicht aus Kostengründen auf die Vollstreckung einer verhängten Strafe verzichten", sagt die Sprecherin. Allerdings sind auch in Berlin Tausende Haftbefehle offen.

"Ich brauche jemanden, der mir in den Arsch tritt"

Pascal Becker sagt, in seinem Leben sei einiges schiefgelaufen, weil er keine konstante Überwachungsperson hatte. Er sagt tatsächlich Überwachungs-, nicht Vertrauensperson. Thomas Grünig ist seine Überwachungsperson geworden, hat ihn für die gemeinnützige Arbeit vorgeschlagen, ihn motiviert. 14 Tage hatte er abgesessen, die restlichen 26 durfte er abarbeiten. Becker half, eine Schule in Wilmersdorf zu renovieren. Aber Grünig war auch Vertrauensperson, als Becker zwischendurch wieder wegbrach, nicht zur Arbeit kam.

"Thomas ist wie der Opa, der einem Süßigkeiten zusteckt, aber auch streng ist," sagt Becker. "Ich brauche jemanden, der mir in den Arsch tritt." Grünig sagt: "Ich gebe jedem drei Chancen. Ich laufe den Leuten auch hinterher, ich merke schnell, was da los ist." Becker hat er auch deshalb geholfen, weil der ihm sehr ehrlich von seinen Problemen erzählte. Inzwischen hat sich Becker eine Therapie organisiert. Grünig erzählt, er sage seinen Leuten immer: "Ihr müsst nicht stark sein, ihr müsst euch nur Hilfe holen."

Es ist Ende Mai, Pascal Becker steht auf einer Leiter, er hat hellgraue Sprenkel im Gesicht und in den Locken, in der Hand hält er eine Lackierrolle. Es ist der vorletzte Tag seiner Strafe. Wenn er morgen auch kommt, wird Thomas Grünig einen Brief an die Staatsanwaltschaft schreiben: Pascal Becker hat seine Strafe abgeleistet.

Aktualisierung 02. 06. 2016, 16 Uhr: Die Justizminister haben beschlossen, "dass eine etwaige Neugestaltung der Ersatzfreiheitsstrafe einer eingehenden und vertieften Prüfung bedarf", heißt es in einem Beschlusspapier der Justizministerkonferenz, das ZEIT ONLINE vorliegt. Sie wollen deshalb eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter Vorsitz von Brandenburg und Nordrhein-Westfalen einrichten, die unter anderem "weitere Verbesserungen des bestehenden Instrumentariums zur Haftvermeidung" prüfen soll, darunter "auch neue Vorschläge sowohl zur Anordnung als auch zur Abwendung der Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen". Dazu gehört der Vorschlag, dass Ersatzfreiheitsstrafen auch zur Bewährung ausgesetzt werden können. Über den Wegfall der Ersatzfreiheitsstrafe als solche oder den Wegfall der Pfändungsgrenze steht in dem Beschluss nichts.