ZEIT ONLINE: Frau El Feki, die Ereignisse der Silvesternacht liegen ein halbes Jahr zurück. Inwieweit hat Köln die Diskussion um Flüchtlinge verändert?

Shereen El Feki: Es gab einen Wandel in der gesamten Migrationsdebatte. Seitdem geht es um arabische Männer, die angeblich ihre Sexualität nicht im Griff haben und unsere freie Lebensweise zerstören. In dieser Debatte überlagern Emotionen rationale Argumente. Welche Auswirkungen das hat, sehen wir nicht nur am Erstarken der Rechtspopulisten in Deutschland, sondern auch bei der knappen Präsidentschaftswahl in Österreich und dem Brexit. Mit Köln wird eine abstrakte Angst geschürt, die Vorurteile gegen männliche Flüchtlinge verhärtet.  

ZEIT ONLINE: Woher kommt die Angst vor "dem arabischen Mann" und seiner Sexualität?

El Feki: Die Verbindung von männlicher Sexualität und Nationalismus hat eine lange Tradition – auf der ganzen Welt. Das geht zurück auf das "Othering", der Konstruktion des Anderen, ein Konzept, das die Abgrenzung der eigenen Gruppe gegen eine andere bezeichnet. Im Fall der Flüchtlinge lautet das: "Diese Menschen sind anders als wir, deshalb wollen wir sie nicht hier haben." Die Spaltung von "uns" versus "sie" kommt in der Geschichte immer wieder vor, besonders in der Kolonialgeschichte.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel bitte.

El Feki: Zur Begründung der Rassentrennung in Südafrika oder Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, hieß es: Die afrikanischen Männer seien hypersexuell und werden unsere, also die weißen, Frauen attackieren. In Indien kursiert eine ähnliche Angst unter dem Namen "Liebes-Dschihad": Diesen Begriff benutzen hinduistische Nationalisten, um zu sagen, dass sich muslimische Männer auf bedrohliche Weise den hinduistischen Frauen nähern, sie etwa in die Ehe und zum Konvertieren zwingen würden. Das "Othering" gab es also schon immer – und nun findet es sich in der Debatte um Einwanderung und Flüchtlinge wieder.

Die Journalistin und Autorin Shereen El Feki wuchs als Tochter einer Waliserin und eines Ägypters in Kanada auf. Sie lebt in London und Kairo. Sie hat fünf Jahre lang Frauen und Männer in den arabischen Ländern, vor allem in Ägypten, gefragt, was sie über Sex denken. Die Ergebnisse hat sie 2013 im Buch "Sex und Zitadelle" veröffentlicht. © Olivia Harris

ZEIT ONLINE: Und dafür werden Geschlechterbilder konstruiert?

El Feki: Genau. Die Frauen stehen in dieser Logik für Reinheit, Heimat, Nation. Die anderen, also die Männer, bedrohen diese Reinheit und dadurch das Selbstverständnis der Nation. Interessanterweise waren es in der Geschichte der Migration oft die jungen Männer, die von den Regierungen in den Zielländern umworben wurden, weil sie als kräftige Arbeiter kamen. Frauen wurden zumeist nur als Prostituierte oder Gebärende gesehen, die vor allem Ressourcen verbrauchen würden. Heute ist es andersherum: Junge heterosexuelle Männer werden im Unterschied zu Familien oder Homosexuellen als Eindringlinge, arabische Männer zudem als Terroristen wahrgenommen.

ZEIT ONLINE:
Warum wirkt gerade die Sexualität da so bedrohlich?

El Feki: Darin spiegelt sich ein mehr als 1.000-jähriger Orientalismus. Die christlichen Kommentatoren im Mittelalter sagten schon sehr ähnliche Dinge über die arabischen Männer. Sie wären gewalttätig. Sie würden Frauen schlecht behandeln. Sie wären extrem sexuell aktiv. Das wurde lange vor allem an der Person des Propheten Mohammed festgemacht, der mehrere Frauen hatte. Die damals verbreitete Polygamie diente den Klerikern als Beleg dafür, dass Muslime übermäßig sexuell aktiv seien. Auch kursierte die Vorstellung, dass Muslime Sodomie praktizieren würden. Hinter diesen stereotypen Zuschreibungen verbarg sich die Angst, dass der aufstrebende Islam mehr Einfluss gewinnen und über das Christentum siegen könnte. Zudem fürchtete das damals sehr biedere Christentum, dass die sinnliche Religion Konventionen brechen könnte.

ZEIT ONLINE: Weil der Islam weithin als sex-freundlich galt?

El Feki: Ja. Aus dem 9. bis zum 15. Jahrhundert stammen viele arabische Texte, die sehr offen die körperliche Lust besprechen. Die Christen fürchteten, dass sie ihre Anhänger an den deutlich lustbetonteren Islam verlieren würden. Die vermeintliche Gegenüberstellung "liberale, unbefangene Westler hier, prüde Muslime dort" ist also eine junge Vorstellung. Bis weit ins 19. Jahrhundert galt der Orient dem Westen als Ort der sinnlichen Freizügigkeit, die in den Haremsbildern europäischer Künstler und den im Westen so beliebten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht Ausdruck fand.

Reduktion und Rassismus

ZEIT ONLINE: Heute heißt es eher: Der arabische Mann sei unterdrückt und aus diesem Frust heraus verhalte er sich aggressiv und habe seine Sexualität nicht im Griff.

El Feki: Das ist ein klarer Fall von Reduktion und Rassismus. Das heißt nicht, dass es nicht einige Männer gibt, die sich völlig falsch verhalten. Die Übergriffe in Köln etwa sind nicht zu entschuldigen. Doch spricht aus solchen Aussagen eine grobe Stereotypisierung, die allein Hass schürt. Natürlich gibt es auch deutsche Männer, die sexuelle Gewalt verüben – das zeigen die Statistiken ja ganz klar. Aber niemand würde daraus den Schluss ziehen, dass alle Männer in Deutschland gewalttätig seien. Das große Problem ist die Unwissenheit.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, es gibt zu wenig Wissen über die arabischen Männer?

El Feki: Auf jeden Fall. Der Fokus in der Forschung und den Entwicklungsprojekten lag bisher auf den Mädchen und Frauen in der arabischen Welt. Und das auch zu Recht, bekommen doch sie die Folgen patriarchalischer Kontrolle zu spüren, sowohl von staatlicher Seite als auch in der Familie. Aber ohne die Männer wird es keine Geschlechtergleichheit geben. Das Problem ist: Obwohl die Männer die Säulen unserer patriarchalischen arabischen Gesellschaften sind, werden sie zumeist nur als Teil des Problems gesehen – nicht als Teil der Lösung. Und deshalb wurden Männer, und vor allem junge Männer in der Forschung zumeist übersehen. Dabei ist es wichtig, zu wissen, was im Leben dieser jungen Männer passiert.